Vor 70 Jahren begann das ZEITalter

Fritz Wolf ist Medienfachjournalist mit einer besonderen Neigung zum Dokumentarfilm. Als Freier muss er fleißig publizieren, etwa eine Studie über Lokaljournalismus („Salto Lokale“) und eine Untersuchung zu „Wa(h)re Information im Fernsehen“. Foto:privat

Von Fritz Wolf | Was für ein Luxus. Einmal wieder DIE ZEIT von vorne bis hinten lesen. Extra für diesen Text: die Ausgabe Sieben dieses Jahres und dazu noch die Jubiläumsausgabe. Zweimal das dicke Brett zum Bohren vor Augen. Ganz so dick wie früher ist DIE ZEIT nicht mehr, aber immer noch unhandlich. Es soll Leser geben, die haben für unterwegs spezielle Falt-Techniken entwickelt. Einer hat errechnet, dass er sieben Stunden Lesezeit für eine Ausgabe braucht. Weil ihm das in der Woche zu viel ist, kauft er nur jede zweite Ausgabe und spart sich damit jedenfalls die hohen Stapel, die er ja doch irgendwann entsorgen müsste. Was vermutlich jeder ZEIT-Leser kennt.

Kurz: ZEIT-Lesen heißt Zeit aufwenden. Denn eigentlich gibt es das schon lange nicht mehr, dieses zurückgelehnte Lesen, mit genügend Platz links und rechts, um das Blatt im Nordischen Format auch auffalten und umblättern zu können. Zeitung liest unsereins öfter online (auf dem Tablet), über Aggregatoren, als Blendle-PDF oder als e-Ausgabe. In Teilstücken, aber kaum noch als Gesamtkunstwerk Zeitung, mit all den langen Textpassagen, großzügigen Bildern, mehrseitigen Dossiers und dem Hochglanz-Magazin, das in Nummer Sieben allerdings vor allem aus Hochglanzwerbung besteht.

Aber DIE ZEIT, immer schön in Versalien geschrieben, trotzt der Klage vom untergehenden Print-Zeitalter. Wo alle an Auflage verlieren – DIE ZEIT gewinnt dazu. Regelmäßig eine halbe Million Auflage. ZEIT-Online prosperiert auch mit 50.000 Usern jede Woche. Nicht so viel wie der „Spiegel“, aber dafür besser. ZEIT-Online kommt ohne Boulevard aus, ohne Dschungelcamp und ohne Polittalknacherzählung – ab Herbst dafür, wie man hört, vielleicht mit Bezahlschranke.

In der Flüchtlingskrisenhysterie nach Silvester ist DIE ZEIT durch einen einfachen Gedanken aufgefallen. Sie schrieben auf: „Was wir wissen“ und mit „Was wir nicht wissen“. Das, sollte man denken, sei doch eigentlich selbstverständlich. Aber so selbstverständlich hat es schon lange niemand mehr ausgesprochen. Als Leitlinie für die kommenden Jahre könnte dieser journalistische Klippschulensatz allemal taugen, als Garantie dafür, in unseriösen Zeiten seriös zu bleiben.

Nummer Sieben also. Dass die Themen weicher geworden sind, sieht man auf einen Blick. Links oben in der Ecke steht die Frage „Sind Frauen intelligenter als Männer?“. Fortschritt ist unverkennbar. Vor zehn Jahren wäre noch formuliert worden, ob Männer wirklich intelligenter seien als Frauen. Inzwischen sind Frauen in der ZEIT-Redaktion bei den unter 40-jährigen in der Mehrheit. Dann als Eyecatcher auf Seite Eins bildkräftig in Szene gesetzt: „Die Macht der Vorurteile“. Im Feuilleton dazu ein zweiseitiger Text von Jens Jessen. Vielleicht ein bisschen viel für die Erkenntnis, dass keiner Vorurteile mag, aber jeder welche hat. Aber das ist eben DIE ZEIT.

Weiche Themen vorn, doch im Inneren viel Politik. Sehr viel Ausland, Ägypten, Syrien, Cameron, USA. Eine sehr interessante Reportage von der Balkan-Route. Wer will schon national beschränkt sein in diesen globalen Zeiten. Als Highlight dazu eine Invektive von Herfried Münkler, der den Großphilosophen Sloterdijk und Safranksi bescheinigt, sie seien unbedarfte Daherredner und hätten von politischer Strategie keine Ahnung. Liest man gern zweimal.

Viele Texte quer durch die Ressorts befassen sich mit der Rechten. Thomas Assheuer fragt, warum Rechtspopulismus so gut ankommt. Eine Reportage berichtet aus einem nordbrandenburgischen Dorf, wo eine Bürgerwehr patrouilliert, in der natürlich keiner rechts sein will. Und im Leitartikel warnt Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo nicht jeder, der sich Sorgen mache, sei gleich als Rechter zu betrachten. Wo in der FAZ in den letzten Wochen einige Kommentatoren mit ihren Staatsuntergangs- und Grenzzaunphantasien durchdrehten, wirkt der Ton der ZEIT insgesamt gelassener, hanseatischer, nicht hinter jeder Erregung hinterher hechelnd, nicht jeden Unsinn nachplappernd.

Weiche Themen – das sehen nicht alle Altvorderen gern. Ulrich Greiner grummelt ironisch in der Jubiläumsausgabe: „Ich zweifle, ob es gut ist, die alte Politikerberatung, wo der Leitartikler dem amerikanischen Präsidenten erklärte, was er jetzt zu tun hat, durch eine Leserberatung zu ersetzen, die Handreichungen für das richtige Leben liefert“. Man bekommt eine Ahnung, dass frühere ZEIT-Zeiten anders gewesen sein müssen. Mit Redaktionskonferenzen, in denen geraucht und ordentlich Whisky und Cognac verputzt wurde. „Als die Frauen noch ein Kuriosum waren“ (Iris Radisch) und der Herrenwitz zur Diskussionskultur gehörte. Dann hört man Theo Sommer von sich sagen, er sei einer von grade mal fünf Journalisten im Lande gewesen, der etwas von Verteidigungspolitik verstanden habe. Da versteht man auch, dass er nicht versteht, wenn jüngere Kollegen diese Kumpanei von Politik und Journalismus kritisch sehen. Er hält’s für journalistisch, im Geheimzirkel Bilderberg-Konferenz mit Mächtigen beisammen zu kungeln. Seine junge Kollegin kontert höflich: „Da legen Sie die Grenze zwischen Pflichtbewusstsein und Kumpanei sehr fließend aus.“

Es agieren heute auch immer weniger die großen Einzelnen. Man findet jetzt unter den großen Texten meist Autoren- und Rechercheteams. Vor allem im Dossier, das auch in der Ausgabe Sieben vorzüglich ausfällt. Es geht um Öl und um die Korrektur der Ansicht, Elektronik sei das Schmiermittel der Gegenwart – es ist immer noch das Öl. Eine multiperspektive Analyse, Reportage plus Report plus Dokumentation, mit ständigem Wechsel zwischen Totale und Nahaufnahme, das haben die Printleute längst vom Film gelernt. Für solche Lektüre wendet man gern Zeit auf.

Gelegentlich taucht in den Texten sogar die Systemfrage auf, was bei gründlicherem Denken ja vorkommen soll. Zur Zika-Epidemie etwa die Beobachtung, dass der Krankheitsverlauf sich entlang der Bruchlinien zwischen Arm und Reich entwickelt. Und dann, irgendwo zwischendrin, ein Satz, wie man ihn sich ZEIT-typischer nicht denken könnte: „Hier Waffen liefern, dort Menschen retten – das ist das unschöne Geschäft der Außenpolitik“. Das ist der Sound des aufgeklärten Resignatismus.

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