Wie setzt man Zeichen?

Eine linke Medienakademie ist hierzulande ein Solitär – aber ein großer nach inzwischen sieben Jahren

Die haben mal ganz klein angefangen, obwohl sie nie bescheiden waren. Eher kam der Anspruch ein wenig großspurig daher, eine Akademie für Journalismus, Bürgermedien, Öffentlichkeitsarbeit und Medienkompetenz zu gründen und aufzubauen, um Menschen, die sich links von Union und FDP verorten, journalistisches Rüstzeug an die Hand zu geben. Zumindest 2002, als man mit zwölf Lernenden und zwei Lehrenden begann.

Inzwischen ist die LiMA einer der größten Medienkongresse Deutschlands und immer noch links. Vom 10. bis 14. März fand sie zum siebten Mal statt. Mehr als 900 Menschen kamen um zu lernen, rund 200 Veranstaltungen fanden statt. 120 Dozentinnen und Dozenten listete das Programm auf. Und zum ersten Mal gab es im Rahmen der Akademie das LiMAunion camp. Das war speziell für medienschaffende Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Betriebsrätinnen und Betriebsräte und Menschen, die Betriebszeitungen machen, konzipiert. Eine gute Idee. Hat sie funktioniert?

Seltsamerweise gab es das Grußwort der dju-Bundesgeschäftsführerin, Ulrike Maercks-Franzen, erst am Tag nach dem LiMAunion camp – nämlich am Freitag. Aber da wusste man schon, dass dies auf jeden Fall ein großartiger, aber in manchen Dingen recht unorthodoxer Kongress sein würde. Das hatte auch etwas mit dem Veranstaltungsort zu tun, denn ob des großen Interesses war man in die Hochschule für Technik und Wirtschaft nach Berlin-Schöneweide gezogen. Und auf dem Campusgelände musste sich die eine und der andere erst einmal zurecht finden. Da halfen am Anfang auch die 600 übers Gelände verteilten W-LAN Spots nicht immer. Salons, 50 Seminarräume, Hörsäle, Lounges. Wo ist HausG? Findet mein Workshop im HausC statt? Manche liefen einfach immer dem knallroten tazpressomobil hinterher, aber das war am Ende auch keine Lösung. Donnerstagmittag, da war der erste LiMA-Tag schon aus den Kinderschuhen, kam dann das Programm endlich aus der Druckerei und von da an wurde alles einfacher.
Das LiMAunion camp hatte sein Hauptquartier im HausG, praktischerweise waren dort auch Cafeteria und Mensa direkt am Spreeufer untergebracht. Geplant war es für einen ganzen Tag und es sollte ein gute Mischung aus Werkstatt, Vorträgen und Diskussionen sein. Die Mischung war gut, allerdings hat es auch – wie man nun weiß – Nachteile, wenn die Dinge parallel laufen. Kein Mensch kann sich teilen und so musste sich manche und mancher entscheiden, ob der Vortrag zum Thema „Gewerkschaften für ein soziales Europa“ von DGB-Chefökonom Dierk Hirschel wichtiger ist als eine Einführung in das Programm Indesign oder eine Werkstatt zum Thema PR-Essentials, ob man sich lieber den Film „Schlaglichter auf die Wirklichkeit“ von Wulf Beleites über den journalistischen Alltag in Redaktionen, über Vergütungen und Honorare anschaut oder besser die Photoshop-Werkstatt oder den Workshop „Öffentlichkeitsarbeit für Gewerkschaften“ nutzt. Zwei Herzen können nicht in einer Brust schlagen, so viel ist sicher.
„Wenn sich das Engagement für politische und soziale Themen mit dem Bemühen um journalistische Qualität trifft, dann hat die Linke Medienakademie die Gewerkschaft der Profis an ihrer Seite“, hatte Ulrike Maercks-Franzen das Engagement der dju für die LiMA begründet. „Qualität im Journalismus steht und fällt mit solidem handwerklichen Wissen. Auch technische Kompetenz wird zukünftig integraler Bestandteil unseres Berufes sein.“
Und das muss man der LiMA lassen: Sie hat sich zum Ausgangspunkt gesetzt, dass politische Haltung und guter Wille allein nicht genügen, um kompetent und professionell linken Journalismus in einem weiten und sehr offen gedachten Sinne zu betreiben. Nicht in Zeiten immer stärkerer Medienkonzentration, in denen wenige große Konzerne fast alles dominieren, was an Informationen und Meinungen zu den Menschen gelangt. Und daraus haben die LiMA-Macherinnen und -macher das Ziel abgeleitet, mit umfangreichen und sehr praxisnahen Angeboten möglichst vielen Medienschaffenden und solchen, die es noch werden wollen, Rüstzeug an die Hand zu geben, mit dem sie etwas anfangen und mithalten können. „Es gibt einen großen Qualifizierungsbedarf in der linken und alternativen Szene, was den Umgang mit Medien und die Gestaltung von Print- und Online-Angeboten angeht. In einer von neoliberalen Großkonzernen dominierten Republik gilt es, das Potenzial von Gegenöffentlichkeit zu stärken“, formulierte Christoph Nitz, der Initiator des Projektes LiMA noch in der Vorbereitungsphase.
Inzwischen ist das Projekt, auch was die Förderinnen und Förderer anbelangt, auf sehr breite Füße gestellt. Zeitungen und Zeitschriften, darunter Publik und M–Menschen Machen Medien sowie Stiftungen unterstützen die Akademie, namhafte Menschen aus den Bereichen Medien, Politik, Wissenschaft, Kultur, aus gesellschaftlichen Institutionen und außerparlamentarischen Zusammenhängen folgten der Einladung und kamen, um zu vermitteln und ihr Wissen weiterzugeben. Berührungsängste schien es nicht zu geben, denn um Qualität und Unabhängigkeit der Medien streiten sie alle, die da kamen – die Lehrenden genauso wie die Lernenden.
Die ganze Organisation der LiMA wird im Wesentlichen von ehrenamtlichen Mitstreiterinnen und Mitstreitern geschultert. Schon deshalb macht es wenig Sinn, mit ein wenig Chaos und an manchen Stellen vielleicht zu viel des Guten zu hadern. Vier Tage Kongress sind eine lange Zeit. Dafür bewegen etablierte Organisationen meist eine Menge Geld, beschäftigen eine Reihe Agenturen und können es oft auch nicht besser.
Zurück zum LiMAunion camp.
Warum brauchen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter eine Medienakademie, die haben doch ihre eigenen Schulungsorte und -angebote? Genug ist nicht genug, könnte man sagen. Die Zeiten sind anstrengender geworden, die Auseinandersetzung um gute Arbeit und gute Löhne härter. Sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen, gelingt sicher über Qualität, bestimmt durch die Nutzung der ganzen zur Verfügung stehenden Palette von Medien – seien sie analog oder digital oder multimedial – und ganz bestimmt besser durch gute Vernetzung. Vernetzung, das ist einer der Grundgedanken, die mit der LiMA verfolgt werden. Man kann gucken, wie es andere machen, und überlegen, ob sich zusammen etwas bewegen lässt. Nachahmen ist erlaubt.
Interessant war da zum Beispiel der multimediale Vortrag „Gebäudereiniger – Erfolg auch Dank der Medienberichterstattung“ von Ben Brusniak. Der 27-jährige Gewerkschaftssekretär arbeitet als Organizer bei der IG Bau und hat im vergangenen Jahr den „Aufstand der Unsichtbaren“ aktiv mitgestaltet. Zur etablierten Webseite der Gewerkschaft gesellte sich damals ein lebendiger Blog, der die Aktion nicht nur unkonventionell, unterhaltsam und motivierend zugleich vermittelte, sondern auch eine wichtige vernetzende Funktion hatte. Zugleich konnte man feststellen, dass die Medien den Blog zur Beschaffung von Erstinformationen nutzten. In Aktionszeiten – und Streikzeiten sind Aktionszeiten – ist ein Blog ein sehr hilfreiches und effektives Mittel, Öffentlichkeit zu schaffen. Sympathien bringt es auch, das ist nicht unwichtig.
Öffentlichkeit schaffen, darum ging es eigentlich den ganzen union camp-Tag. Der erste Vortrag am Morgen, „Gewerkschaften für ein soziales Europa“, machte dies klar. Dierk Hirschel beschrieb am Beispiel Griechenland fundiert und verständlich, wie schnell eine Lesart der Geschichte im öffentlichen Bewusstsein verankert wird, auch wenn sie falsch ist. Der Topos von den korrupten, über ihre Verhältnisse lebenden Griechen war schnell gesetzt – viele Medien sind dabei willige Helfer. Es bräuchte, dieses Fazit konnten die Zuhörenden für sich ziehen, unabhängige Geister und kritischere Medien, um da gegenhalten zu können und die wahren Ursachen für die Krise im Land der Akropolis aufzuzeigen. Hirschel sah hier auch die Gewerkschaften in der Pflicht, in solchen Fragen medial in die Offensive zu kommen.
Interessant, wenn auch zu wenig besucht, war ein Vortrag, der demzufolge mehr zum Gespräch geriet, über „Gewerkschaftliche Lobby-, Öffentlichkeits- und Bewegungsarbeit im Bundestag“. Michael Neunzig, Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann von der Linksfraktion, beschrieb an den Beispielen Jugendarbeitsschutzgesetz und Schlecker-Skandal die Möglichkeiten von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, auf Regierungshandeln und Gesetzgebungsverfahren Einfluss zu nehmen. Auch hier geht es um Gegenöffentlichkeit, um die Verknüpfung außerparlamentarischer Protestformen mit parlamentarischen Initiativen und kluger Öffentlichkeitsarbeit.
Am Abend des LiMAunion camps – in der Lounge in HausG wurde schon mal die Musikanlage für die spätere Party getestet – gab es im Blauen Salon noch eine hochspannende Debatte zwischen zwei streitbaren und klugen Frauen. „Zeichen setzen: Gegenöffentlichkeit aus der Arbeitswelt“ – darüber diskutierten Dr. Maria Kniesburges, Chefredakteurin der ver.di-Printmedien, so auch der Zeitung Publik und Mag Wompel, seit 1997 verantwortliche Redakteurin für LabourNet Germany, einem Online-Portal, das Treffpunkt für Ungehorsame mit und ohne Job ist, basisnah und gesellschaftskritisch.
Print und Online – zwei Welten, die letztlich nur Mittel zum Zweck sind und beide ihre Berechtigung haben, wenn es um Gegenöffentlichkeit und Vernetzung geht. www.labournet.de besuchen monatlich rund 400.000 Menschen, Publik erscheint monatlich in einer Auflagenhöhe von 2,1 Millionen Exemplaren. Das Internetportal wird täglich mit aktuellen Meldungen bestückt und ist zugleich ein umfangreiches Archiv der internationalen Gewerkschaftsbewegung. Die Zeitung schafft Informationsaustausch in einer Gewerkschaft, die über tausend Berufe organisiert.
Fazit LiMAunion camp: Wichtig, brauchbar, gut, ausbaufähig, interessant, bunt und vor allem klug. Vielleicht auf zwei Tage verteilen, gute Vorträge und nützliche Praxisangebote entzerren und so allen die Möglichkeit geben, möglichst viel zu lernen und mitzunehmen. Die LiMA ist eine jährlich einmalige Chance, sich zu bilden, zu vernetzen, zu lernen. Medienschaffende Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sollten das nutzen. Es stärkt und macht auch Spaß.
Die LiMA dauerte bei Redaktionsschluss noch an. Am Samstag jedenfalls war die Stimmung weiterhin hervorragend. Zumal es am Freitag einen Höhepunkt der ganz besonderen Art gegeben hatte. Kurt Weidemann, ein Held der Typografie des 20. Jahrhunderts, inzwischen 88 Jahre alt, war gekommen, um zu erzählen. Es sei grandios gewesen und Weidemann nun Ehrenmitglied der LiMA geworden, berichtete Christoph Nitz. Wie war noch mal das Motto der 7. Akademie für Journalismus, Bürgermedien, Öffentlichkeitsarbeit und Medienkompetenz? „Zeichen setzen“. Klappt doch wunderbar.
Die nächste LiMA findet vom 9.–13. März 2011 statt. Wer sich vorher einbringen, Vorschläge unterbreiten, seine Meinung loswerden will, schreibt an info@linke-medienakademie.de – und ist ausdrücklich erwünscht und herzlich willkommen.

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