„Wir haben einen ethnischen Blick“

Gespräch mit dem Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge über Medien in der multikulturellen Gesellschaft

Wie beteiligen sich Medien an der Diskussion über die multikulturelle Gesellschaft? Inwieweit tragen sie zu Rassismus bei? Welche Konsequenzen ergeben sich für die Berichterstattung? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich der soeben erschienene Sammelband „Medien und multikulturelle Gesellschaft“ von Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Köln, der Sozialwissenschaftlerin Gudrun Hentges und der freien Journalistin Fatma Sarigöz.

Der „Spiegel“ hat die multikulturelle Gesellschaft in einer Titelgeschichte für gescheitert erklärt. Die übrigen Medien haben sich dem Abgesang nicht recht anschließen wollen.

Butterwegge: Die Reaktionen waren unterschiedlich. Weder sind Zeitungen wie die FAZ voll auf diese These angesprungen noch hat es ernsten Widerstand gegeben. Am ehesten wohl in der „taz“, die sich länger mit dem „Spiegel“-Titel und dem Konzept der multikulturellen Gesellschaft auseinandergesetzt hat.

Die deutsche Presse hat also in ihrer Mehrheit nichts gegen Multikulti?

Butterwegge: Ich unterstelle keinen schlechten Willen. Schließlich hat sich die Medienlandschaft verändert. Unmittelbar nach 1945 saßen noch in fast allen Zeitungsredaktionen Sympathisanten der Nazis und man konnte davon ausgehen, daß rassistische Tendenzen deutlich repräsentiert waren. Heute sind die meisten Medienmacher(innen) antirassistisch eingestellt. Was ich kritisiere, ist, daß die Versuche, rassistisches Gedankengut in der Gesellschaft zurückzudrängen, mitunter dilettantisch sind.

Inwiefern dilettantisch?

Butterwegge: Indem man Rechnungen aufmacht, daß doch die Ausländer(innen) eigentlich ganz nützlich seien, zum Beispiel für die Sicherung der Renten, die Müllabfuhr oder die Gastronomie. Solche Rechnungen sind kontraproduktiv: Sie entsprechen einem Kosten-Nutzen-Kalkül und somit genau dem Denken der Rassisten. Was Journalist(inn)en vermitteln müßten, ist vielmehr, daß es inhuman ist, solche Rechnungen aufzumachen.

Sie bezeichnen Medien als „Scharnier zwischen institutionellem, intellektuellem und Alltagsrassismus“. Was meinen Sie damit?

Butterwegge: Man muß diese drei Wirkungsmechanismen von Rassismus unterscheiden: Unter institutionellem Rassismus verstehe ich staatliche Willkürmaßnahmen, restriktive Asylgesetze beispielsweise. Alltagsrassismus sind Vorurteile oder Klischees. Als intellektuellen Rassismus bezeichne ich theoretische Konstrukte, die das Ganze pseudowissenschaftlich überhöhen sollen.

Wie werden die Medien zum Scharnier?

Butterwegge: Zunächst informieren sie Bürger(innen) über das, was staatliche Diskriminierung gegenüber Fremden ausmacht. Das heißt beispielsweise: Deutsche erfahren über die Medien, daß sie bei der Stellenvergabe gegenüber Ausländer(inne)n gesetzlich bevorzugt werden. Sie erfahren, daß Parlamente Gesetze machten, die besagen: „Du bist als Deutscher mehr wert als ein hier lebender Ausländer“. Und das verstärkt ihre Ressentiments gegenüber Fremden. Umgekehrt werden Politiker(innen) – beispielsweise in der Asyldiskussion der frühen 90er Jahre – über Medien gedrängt, den Zuzug von Flüchtlingen zu beschränken. So wurde der angebliche Unmut der Bürger(innen) über Medien ins politische System transportiert. Und drittens bieten Medien der so genannten „Neuen Rechten“ ein Forum. Dies gilt etwa für deren soziobiologische Thesen, die in der Asyldiskussion auch von linksliberalen Medien übermittelt wurden und die besagen, daß Fremdenfeindlichkeit etwas Natürliches oder gar eine anthropologische Konstante sei.

Geht das konkreter?

Butterwegge: Nehmen wir den berühmt-berüchtigten „Spiegel“-Titel zum angeblichen Scheitern der multikulturellen Gesellschaft. Dieser enthält nicht nur rassistische Formulierungen, er fragt auch zu wenig: „Welche sozialen Probleme stecken hinter den Schwierigkeiten einer multikulturellen Gesellschaft?“. Denn daß es diese Schwierigkeiten gibt, leugne ich weder noch verlange ich, daß Medien sie leugnen. Ich kritisiere aber, daß so getan wird, als sei ein friedliches, fruchtbares Zusammenleben verschiedener Ethnien unmöglich. Dies war übrigens auch bei der Kriegsberichterstattung aus dem Kosovo häufig der Fall. Die sozialen und ökonomischen Faktoren, die das Zusammenleben auf dem Balkan schwierig machen, erschienen kaum berichtenswert, wohl aber, wenn Angehörige einer Volksgruppe die anderen totschlugen.

Wie sollen Medien die multikulturelle Gesellschaft begleiten?

Butterwegge: Ein Beispiel aus dem Bremer „Weser-Kurier“: Im Lokalteil gab es einen Bericht über die Erlebnisse eines Schwarzen, der mit seinem Rennrad nachts unterwegs war, von einer Polizeistreife angehalten wurde und sich nicht ausweisen konnte. Ganz eindeutig: Dieser Mensch wird in Schwierigkeiten gebracht, weil er eine andere Hautfarbe hat. Den Polizisten war suspekt, daß ein Schwarzer ein teures Rad fuhr. Solche Probleme von Minderheiten im Alltagsleben aufzuzeigen ist ein Beitrag von Journalist(inn)en zur multikulturellen Gesellschaft. Das heißt nicht, sie zu bemitleidenswerten Opfern zu erklären, wie es häufig bei rechtsextremen Übergriffen der Fall ist.

Aber in diesen Fällen sind sie Opfer.

Butterwegge: Ja, aber es ist fatal, sie immer als Verlierer dastehen zu lassen. Es ist wichtig zu zeigen, daß unter ihnen auch Solidarität vorhanden ist, daß sie sich selbst organisieren – ein Grund, warum Ausländer(innen) häufig in Stadtteilen geballt zusammen wohnen -, daß sie auch in politische Prozesse eingreifen, etwa über Ausländerbeiräte. Es geht darum, Verständnis für das zu wecken, was wir, indem wir es vom Eigenen absetzen, als Fremdes konstruieren. Dasselbe erwarte ich übrigens von Medien der Minderheiten in der Bundesrepublik…

…die für diese oft die maßgebliche Informationsquelle sind. Sind solche Medien eher eine Integrationsstütze oder ein Hindernis?

Butterwegge: Sie sind ambivalent, wie das Bilden eigener Communities ambivalent ist. Es kann eine Form der Integration, aber auch ein Rückzug sein. Letztere Tendenz ist gegenwärtig wohl stärker.

Unter welchen Voraussetzungen fördern sie Integration?

Butterwegge: Beispielsweise, indem sie zu erklären versuchen, welche Traditionslinien der politischen Kultur in Deutschland etwa Fragen der Staatsbürgerschaft so viel schwieriger machen als in anderen Staaten. Dies der eigenen Community zu erklären wäre eine Möglichkeit, Multikulturalismus positiv zu gestalten.


  • Für „M“ sprach Thomas Pfeiffer mit Christoph Butterwegge.
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