Gefangen im Leben

Schonungslos packend: „Monster’s Ball“ von Marc Forster

Familientraditionen sind bekanntermaßen unterschiedlich. Bei der Familie Grotowski tritt mit Sonny (Heath Ledger) bereits die dritte Generation von Männern in den Beruf des Henkers.

Seite an Seite mit seinem Vater, Hank (Billy Bob Thornton) überwacht Sonny im Staatsgefängnis von Georgia Todgeweihte und führt deren Hinrichtungen durch. Während Vater und Sohn ihren Job verrichten, pflegt der pensionierte Buck Grotowski (Peter Boyle) als verbittertes Oberhaupt des frauenlosen Haushalts, seinen unbelehrbaren Rassismus.

Lawrence Musgrove (Hip-Hop-Superstar Sean Combs) hat jahrelang in der Todeszelle auf die Vollstreckung seines Urteils gewartet. In ein paar Tagen ist es soweit. Ein letztes Mal besucht ihn seine hübsche Ehefrau Letitia (Halle Berry) mit dem gemeinsamen Sohn Tyrell. Und ein letztes Mal bittet Lawrence seine verhärtete Frau um Vergebung dafür, dass er auch ihr Leben sowie das seines extrem übergewichtigen Sohnes verpfuscht hat. Nach einem kargen Abschied geht Letitia mit Tyrell zurück in die Ausweglosigkeit ihres Lebens und Lawrence in den Tod. Auf dem „Monster’s Ball“ begleiten ihn Hank und Sonny.

„Monster’s Ball“ wird die letzte Nacht vor der Vollstreckung der Todesstrafe genannt. Ein Lieblingsessen, ein Telefonat mit der Ehefrau, ein paar Malstifte, etwas Musik sind die kleinen Freuden, mit denen den Todgeweihten der Abschied vom Leben erleichtert werden soll. Ein grotesker Brauch, bedenkt man, wie grausam der Tod auf dem elektrischen Stuhl ist.

„Wir können nicht über ihn nachdenken“, sagt Hank zu seinem Sohn Sonny, dem der in der Todeszelle zitternde Lawrence leid tut. „Wir machen nur unseren Job.“ Als Sonny bei der Hinrichtung die Nerven verliert, eskaliert ein längst überfälliger Familienkonflikt.

Auch bei Letitia überschlagen sich die Schicksalsschläge. Ausgerechnet in der Nacht, in der ihr Sohn Tyrell bei einem Autounfall verunglückt, begegnet ihr Hank, um ihr seine Hilfe anzubieten. Völlig erschöpft begibt sie sich in seine Obhut. Selbst Gefangene ihrer kaputten Lebenswege, verlieben sich die beiden ineinander.

Ihre Körperlichkeit veranlasste amerikanische Zensoren dazu, einige Sekunden dieser eindringlichen Szene zu kürzen. In Deutschland ist die vollständige Fassung zu sehen.Dass ihr mitfühlender Liebhaber der Henker ihres Ehemannes ist, weiß Letitia nicht. Aber wird sie es nicht früher oder später erfahren müssen?

Der 1970 geborene Schweizer Regisseur Marc Forster geht in seinem Film „Monster’s Ball“ schonungslos offen mit den Dingen des Lebens um. Sein unverblümter Realismus basiert auf seinem besonderen Gespür für die feinen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen. Die bereits seit langem schwelenden unausgesprochenen Konflikte der Personen dieser Geschichte geben dem Film eine bedrückende Stille, die mehr über das Innenleben der Menschen aussagt, als tausend Worte.

„Monster’s Ball“ zieht einen ganz und gar in den Sog seiner packenden Geschichte. Sich dem Überfall erregter Gefühle zu entziehen, wird wohl nur wenigen gelingen. Neben dem einfühlsamen Oscar-nominierten Drehbuch von Milo Addicia und Will Rokos und der Dichte der filmischen Erzählweise, ist das vor allem der Verdienst eines großartigen Schauspielensembles, allen voran Billy Bob Thornton und Halle Berry.

Halle Berry fasziniert mit der kompromisslosen Darstellung der gebrochenen Letitia, die auch nach vernichtenden Schicksalsschlägen die Kraft zum Weitermachen findet. Völlig zu Recht kassierte die 34-jährige Schauspielerin und Revlon-Schönheit dafür einen Oscar als beste weibliche Darstellerin, womit sie als erste Dunkelhäutige den wichtigsten Filmpreis der Welt bekam. Berry berührt vor allem durch ihren beeindruckenden Mut und indem sie es versteht, die Ambivalenzen menschlicher Gefühle sichtbar zu machen. Etwas unglaubwürdig, Hollywood-gemacht bleibt allein Hanks schneller Lebenswandel. Kann es wirklich sein, dass ein Mensch sein Leben in solch kurzer Zeit so vollständig umkrempelt?

„Monster’s Ball“ ist die Liebesgeschichte zweier Menschen, die alles verloren haben. Dieser Film ist aber auch ein Aufschrei gegen die Grausamkeit der Todesstrafe, gegen Rassismus und gegen die Borniertheit eines herz- und gedankenlosen Daseins. Hank und Letitia hat das Leben gelehrt, dass es keine Sicherheiten gibt. Sie stehen genauso am Ende wie am Anfang. Werden sie einen neuen Weg schaffen?

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Berlinale-Tipp: Georgiens erste Filmemacherin

Eine der führenden Regisseurinnen der früheren Sowjetunion, Lana Gogoberidze (95) folgt in ihrem autobiografischen Dokumentarfilm „Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete“ den Spuren ihrer Mutter Nutsa Gogoberidze (1902 – 1966), Georgiens erster Filmregisseurin. Zehn Jahre war Nutsa im Gulag inhaftiert und ihr Werk galt als verschollen. Doch 2013 wird ihre Tochter Kopien zweier ihrer von der sowjetischen Zensur weggeschlossenen Filme entdecken.
mehr »

Filmtipp: „Das letzte Tabu“

Statistisch ist die Sache klar. Weltweit gibt es circa 500.000 männliche Fußballprofis. Selbst wenn nur fünf Prozent schwul sein sollten, müssten es viele Tausende sein; bislang haben allerdings weniger als zehn ihre Homosexualität öffentlich gemacht. Natürlich geht das Sexualleben niemanden etwas an; einerseits. Andererseits zehrt das jahrelange Versteckspiel erheblich an den psychischen Kräften. Manfred Oldenburg geht mit seinem Film "Das letzte Tabu" der Frage nach, ob sich seit dem Tod von Justin Fashanu vor 35 Jahren etwas geändert hat. Der Engländer war der erste Profi, der sich zu seiner Homosexualität bekannte; einige Jahre später hat er sich das Leben genommen.
mehr »

Filmtipp: „Orca“, eine Schwimmerin im Iran

Der iranische Film „Orca“ ist eine Verbeugung vor einer Frau, die sich weder dem Regime noch toxischer Männlichkeit beugt. In kraftvollen Bildern erzählt Regisseurin Sahar Mosayebi eine Geschichte, die auf Tatsachen basiert: Nachdem ihr Mann sie fast umgebracht hat, findet Elham ins Leben zurück, indem sie verbissen trainiert, um diverse Schwimmrekorde im offenen Meer zu brechen. Auf diese Weise wurde sie zum Vorbild für viele junge Iranerinnen.
mehr »

RIP Presseförderung

Es war ein Begräbnis mit Ansage. Seit der „Haushaltsbereinigungssitzung“ des Bundestags in der vergangenen Woche ist das Aus für die von den Zeitungsverlagen erhoffte staatliche Presseförderung besiegelt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht den von der Ampel-Regierung gebastelten Klima- und Transformationsfonds als Verstoß gegen die Schuldenbremse für nichtig erklärte, war der finanzielle Spielraum für eine großzügige Zustellförderung von Presseprodukten erschöpft.
mehr »