Gefangenschaft hinter Klostermauern

„Die Unbarmherzigen Schwestern“

Auf die Existenz der irischen sogenannten „Magdalenen“-Heime wurde hierzulande kaum jemand aufmerksam. Eigentlich hätten Menschenrechtsorganisationen, Psychologen und Feministinnen gegen diese katholischen Anstalten für angeblich sündhafte Frauen protestieren müssen. Das ist seltsamerweise nicht passiert.

So konnten sie bis in die siebziger Jahre hinein gedeihen, das letzte schloss erst 1996 (!). Dem irischen Filmemacher Peter Mullan ist es zu verdanken, dass zumindest im Nachhinein bekannt wird, dass es sich bei den vermeintlichen Erziehungsheimen in Wirklichkeit um veritable Frauengefängnisse handelte, in denen das Leben von Macht und Ohnmacht bestimmt war. Denn die „barmherzigen“ Magdalenen-Schwestern, die sie leiteten, erniedrigten, bestraften und schikanierten die internierten jungen Frauen, die ohne Lohn in einer Wäscherei schufteten. Der Vatikan bestreitet zwar solche Zustände. Doch der in Venedig zurecht mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Film beruht auf exakten Recherchen. Im Irland der sechziger Jahre hat der Katholizismus einen großen Einfluss auf die prüde, bigotte irische Gesellschaft. Als besonders schwere Vergehen gelten Vergewaltigungen und uneheliche Schwangerschaften. Allerdings hatten nicht die Täter sexueller Gewalt harte Strafen zu erwarten, sondern die als „gefallene Mädchen“ gebrandmarkten Opfer. Schätzungsweise 30 000 Frauen ereilte das Schicksal, von ihren Familien ausgestoßen zu werden und hinter unüberwindlichen Klostermauern ein leidvolles Dasein zu fristen. Mullan zeichnet vier authentische Lebensläufe und Schicksale nach. Seine Heldinnen sind traumatisiert, bevor sie überhaupt ins Heim kommen: Margaret (Anne-Marie Duff) wurde vergewaltigt, Rose (Dorothy Duffy) und Crispina (Eileen Walsh) mussten sich nach der Geburt von ihrem unehelichen Baby trennen, Bernadette (Nora-Jane Noone), die nur zu gut aussieht, als dass sie ein tugendhaftes Mädchen sein könnte, wuchs in einem Waisenhaus auf.

Von der ersten Szene an waltet eine bedrückende Atmosphäre in dem Film, dessen schonungslose Bilder schockieren und meisterhaft nachvollziehen, wie sich das Netz religiöser Fanatiker um die Mädchen zusammenzieht. Sie sind schutzlos Hass und Sadismus sexuell frustrierter Nonnen ausgesetzt, die sich unbewusst für ihre eigenen seelischen Blessuren rächen. Das zeigt sich am drastischsten in einer Szene, in der sich die Mädchen – zum Amüsement zweier Nonnen – nackt in einer Reihe aufstellen- und ihre Brüste und Genitalien untereinander vergleichen müssen.

Überhaupt verlangen die „Barmherzigen Schwestern“ blinden Gehorsam. Wer sich ihrem Willen widersetzt, wird geschlagen oder ausgepeitscht. Die Frauen dürfen noch nicht einmal miteinander reden. Folglich leben sie in ständiger Angst. Viele von ihnen werden schwer krank oder psychotisch. Trotz geringer Erfolgsaussichten versuchen Etliche zu fliehen. Wer dabei von Oberin Bridget (Geraldine McEwan) erwischt wird bekommt mit der spitzen Schere den Schädel blutig zu rasiert.

In seiner berechtigten radikalen Kritik an den Heimen und extrem autoritären Erziehungsanstalten sind die „Unbarmherzigen Schwestern“ ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschlichkeit. Die filmische Brillanz liegt in der düsteren Farbgebung, den knappen, zynischen Dialogen und großartigen schauspielerischen Leistungen. Bei aller Perversion entlässt der Regisseur sein Publikum mit einem kleinen Hoffnungsschimmer: der wachsenden Solidarität seiner Heldinnen. Erst als den jungen Frauen bewusst wird, dass sie Nichts zu verlieren haben, dass ihre einzige Chance darin besteht, auf sich selbst zu vertrauen und sich gemeinsam gegen ihre Peinigerinnen zur Wehr setzen, gelingt zumindest Bernadette und Rose die Flucht.

 

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