„Maria am Wasser“

Die Geschichte eine Suche nach Liebe und Vergebung

In Neusorge ereignen sich seltsame Dinge. Marcus ist nach zwanzig Jahren in das sächsische Elbdorf zurückgekehrt, in dem irgendwie auch die Zeit stehen geblieben ist. Wo er hinschaut, trifft er auf reservierte Menschen, versteinerte Mienen. Niemand erkennt ihn, noch nicht einmal die eigenen Eltern, – Mutter Maria eine strenge Leitern des Waisenhauses, der Vater ein ehemaliger verkappter Stasi-Mitarbeiter. Nur einer der drei Männer, die vor Jahrzehnten um Marias Zuneigung konkurriert haben, zweifelt nicht an der wahren Identität des Heimkehrers, der die Orgel restaurieren will. Alle anderen glauben oder wollen glauben, dass Marcus 1983 auf tragische Weise in der Elbe ertrunken ist, gefangen unter einer Decke des Schweigens und der Schuld. Denn in Wirklichkeit hatte der damals zehnjährige Marcus einen Unfall genutzt, um vor der Lieblosigkeit seiner Mutter und dem tristen Alltag entfliehen zu können. Nun macht sich der Außenseiter unbeirrt daran, die Orgel der Kirche „Maria am Wasser“ wieder in Stand zu setzen. Angeblich sind zwar die Pfeifen verschollen, tatsächlich aber lagern sie in modrigen Särgen, wo man eigentlich Tote vermutet. Dies ist nicht das einzige Geheimnis, das Marcus lüften wird. Und je mehr die Orgel Gestalt annimmt, desto mehr gerät die kollektive Lüge der Bewohner in Gefahr, auseinanderzubrechen.

Thomas Wendrich erzählt in seinem feinfühlig inszenierten Erstling eine sehr persönliche Geschichte. Wie sein Protagonist hat auch er einst sein Zuhause verlassen, um Jahre später zurückzukehren, fand auch er Orte vor, die ihm mittlerweile fremd geworden sind. Geblieben sind nur Erinnerungen an die DDR und Menschen, die jene Zeit erlebt haben, deren Schicksal für immer verbunden ist mit der Geschichte.
Im Film überhöht der Dresdner seine Eindrücke künstlerisch und zeigt damit eine besondere Handschrift. Sie zeigt sich vor allem an Charakteren, die kauzig und knorrig wirken, allen voran Marcus’ Mutter, die in dem Provinznest ein merkwürdiges Matriarchat führt, ihren eigenen Sohn verleugnet und einst im Waisenhaus wie einen Fremden aufwachsen ließ.
Geschickt verschränkt Wendrich diese Geschichte einer Mutter, die ihr Kind nicht lieben kann mit der Geschichte einer Mutter, die ihr Kind nicht lieben darf: Es ist die aparte Alena, die um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpft, den Marcus’ Mutter an kinderlose Adoptiveltern verkaufen will.
„Maria am Wasser“, inspiriert auch von einer MDR-Dokumentation über einen Unfall mit einem Panzer in den 1960er Jahren, bei dem sieben Kinder aus dem Ferienlager des DDR-Fernsehens ums Leben kamen, ist die facettenreiche Geschichte einer Suche. Einer Suche nach der Liebe, nach der Vergangenheit, auch nach Versöhnung und Vergebung. Es ist ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher, bemerkenswerter, fast spröder Heimatfilm mit symbolkräftigen Bildern, eine eigenwillige Mischung aus Märchenhaftem, Metaphorischem und Realem.
 

Filmdaten

D 2009. Regie:
T. Wendrich,
Darsteller:
Alexander Beyer,
Hermann Beyer,
Marie Gruber,
Annika Blendl.
99 Min.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmtipp: Niemals allein, immer zusammen

Krisen, Kriege, Katastrophen: Die Welt scheint im Ausnahmezustand. Allerdings haben das noch nicht alle gemerkt; oder sie wollen es nicht wahrhaben. Die einen leugnen den Klimawandel, die anderen haben Angst vor Veränderungen. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für die dringend notwendigen Transformationen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Kein Wunder, dass diejenigen, die morgen ausbaden müssen, was heute verpasst wird, die Geduld verlieren. „Niemals allein, immer zusammen“ gibt ihnen Gesicht und Stimme.
mehr »

Filmtipp: Der Sohn des Mullahs

Nahid Perssons Sarvestanis Dokumentation „Der Sohn des Mullahs“ zeigt, wie gefährlich – und notwendig – unabhängiger Journalismus im Iran ist. Sie begleitet Roohollah Zam, der sich  sich in Frankreich halbwegs sicher fühlt. Von hier aus betreibt er seinen Nachrichtenkanal, veröffentlicht Berichte über geheime Dokumente, die ihm aus iranischen Regierungskreisen zugespielt werden.
mehr »

Filmtipp: Die Mutigen 56

Hin und wieder ist es gar nicht verkehrt, sich bewusst zu machen, wie gut es uns in vielerlei Hinsicht geht. Jedenfalls gemessen an anderen Zeiten. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, musste erst erkämpft werden, zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; davon erzählt das sehenswerte Dokudrama „Die Mutigen 56 – Deutschlands längster Streik“.
mehr »

Filmtipp: Sieger sein

Streng genommen müsste dieser Film natürlich „Siegerin sein“ heißen, schließlich geht es um Mädchen; aber wenn die erwachsenen Fußballfrauen Titel feiern, singen sie ja auch „So sehen Sieger aus“. Die elfjährige Mona, zweifelsfrei ein Mädchen, ist auf der Suche nach ihrem Platz im neuen Leben: Der Kopf ist noch in Syrien, aber die Füße sind schon seit einiger Zeit in Berlin; dorthin ist ihre Familie vor dem Assad-Regime geflohen.
mehr »