Mehr Sichtbarkeit für Selbstständige

Selbständigentagung von ver.di in Düsseldorf. Foto: Nadine Imgrund / ver.di

„Seid laut und macht euch sichtbar“ forderte ver.di-Gewerkschaftssekretärin Veronika Mirschel die Teilnehmenden des dritten Selbstständigentages in Düsseldorf auf, denn in den Programmen zur NRW-Kommunalwahl kämen sie nicht vor. Mirschel leitet das Selbstständigen-Referat in Berlin und informierte über Aktuelles zur sozialen Absicherung.

Engagierte Diskussionen und ein intensiver Erfahrungsaustausch prägten auch die Workshops zu Künstlicher Intelligenz, Rechtsruck und „Grenzen setzen“. „Unser KI-Angebot hat bei der Anmeldung richtig eingeschlagen“, freute sich Webdesigner Ralf Berger, Sprecher der Landeskommission der Selbstständigen LKS, die den Tag vorbereitet hatte. Die Teilnehmenden seines Workshops stammten aus den Branchen Journalismus, PR, Grafik, Fotografie, Übersetzung, Lektorat, Webdesign und betrachteten KI als nützlich, aber auch bedrohlich.

Fehlentwicklungen bei der KI-Nutzung

Durch Tools wie Adobe Photoshop für digitale Bildbearbeitung oder Perplexity mit Quellennachweisen für die Recherche könne die Arbeit zwar erleichtert werden, aber vor allem die Übersetzerinnen in der Runde beklagten einen Qualitätsverlust: KI halluziniert, verwendet Fachbegriffe nicht im spezifischen Kontext. Wer haftet dann für die falsche Übersetzung? Sie hätten durch Programme wie Deepl schon Kund*innen verloren, aber „wenn sie sich die Finger verbrennen, kommen sie zurück“ – etwa ein Eisenbahntechnik-Unternehmen, das wegen fehlerhafter KI-Übersetzung seine Zulassung verlor. Auch der Job von Fotografen ist bedroht – durch Stockmaterial im Netz und Handybilder.

„Wir müssen auf Fehlentwicklungen bei der KI-Nutzung hinweisen“, waren sich alle einig und verlangten, dass der Mensch immer das letzte Wort haben müsse. Sie wollten über die Verwertungsgesellschaften Bild/Kunst und Wort in der von US-Konzernen dominierten Internetwelt ihre Urheberrechte einfordern und honoriert werden, wenn ihre Texte oder Bilder im Netz als Trainingsdaten für die Entwicklung von KI dienten. Ralf Berger sagte, er selbst nutze keine KI-Tools und auch keine Google-Schriften, damit der Konzern „nicht mitliest“. Er plädierte für Open-Source-Programme wie LibreOffice oder selbst generierte KI, die auch offline funktioniere. Die LKS werde Fortbildungen zu KI anbieten – etwa zum Umgang mit Tools, Durchsetzen von Urheberrechten oder Einkommensgenerierung.

Im Workshop „Grenzen setzen“ vermittelte die Theaterpädagogin Anja Bechtel den Teilnehmenden eine praxisnahe Reflexion und Erprobung persönlicher Grenzen. Zunächst ging es darum, sie zu erkennen, wahrzunehmen und anhand von Alltagserfahrungen zu benennen. Danach wurden Lösungen für diese Situationen – etwa Gespräche mit Auftraggeber*innen – erarbeitet und erprobt.

Auf großes Interesse stieß auch der Workshop „Zusammen gegen rechts“, in dem engagierte Ver.dianer*innen sich angesichts der beängstigenden politischen Entwicklung fragten, warum Leute AfD wählen, wie man damit umgehen und demokratische Perspektiven aufzeigen kann. Ver.di-Bildungsreferent Marcus Meulenaers erläuterte, dass die AfD nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung bei der jüngsten Bundestagswahl 21 Prozent der Stimmen bekam und vor allem von Arbeiter*innen gewählt wurde, während Selbstständige wie der Durchschnitt stimmten. Mit der Gewerkschaft „Zentrum“ positioniere die rechtsextreme Partei sich gegen die DGB-Mitglieder – zunächst in der Autoindustrie, jetzt auch in Dienstleistungsbranchen.

Gemeinsam gegen rechten „Kulturkampf“

Durch Argumente „politisch entzaubern“ könne man die AfD nicht, waren sich alle einig und wunderten sich, dass auch viele Journalist*innen das noch versuchten. Die Partei will nach eigenen Aussagen in einem „Kulturkampf“ einen Mentalitäts- und Einstellungswandel erreichen, der die Brandmauer zu Fall bringt.

Der harte Kern sei nicht mehr zu erreichen, so Meulenaers. Aber AfD-Sympathisierende könne man emotional ansprechen – durch Zuhören, Fragen stellen, zum Nachdenken bringen oder im Gesprächskreis Hardlinern klar widersprechen, um Neutrale zu überzeugen. Im Internet gehe es darum, die 70 Prozent „stillen Mitlesenden“ zu gewinnen: Position beziehen, durch Argumente belegen, auf Pauschalierungen hinweisen. Am überzeugendsten sei das „Demokratie vor Ort erleben“ – etwa bei den Großdemos Anfang 2024 nach der Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen oder am Arbeitsplatz durch Mitbestimmung und gemeinsames Eintreten gegen Diskriminierungen.

Für Solo-Selbstständige ist das schwieriger als für abhängig Beschäftigte mit gemeinsamem Arbeitsplatz. Auch in der Sozialversicherung gelten sie als „Aliens“, so Veronika Mirschel, die in ihrem Workshop wertvolle Tipps für notwendige Versicherungen gab. Da ist zunächst die verpflichtende Krankenversicherung, deren Beitragsbemessungsgrenze – für nicht KSK-Versicherte – dank ver.di 2019 auf ca 1.250 Euro gesenkt wurde. Ziel ist es, dass alle Selbstständigen – genauso wie Arbeitnehmer*innen – Versicherungsbeiträge nach dem tatsächlichen Erwerbseinkommen zahlen.

Ver.di setzt sich auch dafür ein, dass alle Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, die als solidarische Erwerbstätigenversicherung wechselnde Lebenslagen berücksichtigen und generationengerecht sein soll. Doch in der Koalitionsvereinbarung der CDU/SPD-Regierung gebe es nur vage Absichtserklärungen zu einer gesetzlichen Altersvorsorge, die dann nur neue Gründer*innen betrifft, so Mirschel. Auch solle die Statusfeststellung rechtssicher werden. Die Forderung nach einer Arbeitslosenversicherung für Solo-Selbstständige, die abhängig Beschäftigten durch die Coronazeit half, sei mittlerweile „aus dem Blick geraten“. Selbstständige ver.di-Mitglieder erhalten demnächst alle zwei Monate einen Newsletter, versprach Mischel. Doch für die Verbesserung ihrer Situation sei es „echt notwendig, dass sich viele Menschen engagieren“.

 

 

 

 

 

 

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