Da streikt auch das Ohr

Das ist schon ein Skandal. Arbeitskampfmaßnahmen machen Beschäftigte krank. Schuld daran sind die Gewerkschaften, die an die Streikenden Trillerpfeifen und andere Krachmacher verteilen. Über diesen Umstand klärte uns jetzt endlich ein Experte auf, seines Zeichens Doktor der Medizin.

Er sorgt sich ernsthaft um drohende „Innenohrüberforderungen“, nachzulesen in einem Brief an die Pressestelle des DGB Hamburg: „Ich verfolge seit längerer Zeit, dass auf allen Protestkundgebungen im Rahmen des Arbeitskampfes Trillerpfeifen und andere Lärminstrumente als Mittel des akustischen Protestes zum Einsatz kommen“, heißt es da in dem Schreiben von Dr. med. Lutz W. mit Privatpraxis in Bad Füssing. Und dann klärt der Arzt aus dem ansonsten friedhofsstillen Ort der Entspannung auf: „Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass dies eine massive Gefährdung der Gesundheit der jeweiligen Kundgebungsteilnehmer bedeutet.“
Wir sind alarmiert. Warum? „Der durch Trillerpfeifen und andere Lärminstrumente verursachte Lärm schädigt die Innenohrorgane der Menschen …“ Allerhand, dass ihm die Lärmgefahren an diesem Beispiel auffallen. Denn was sind schon Presslufthämmer und rasselnde Maschinen, an denen etliche Beschäftigte tagein, tagaus arbeiten gegen Trillerpfeifen? Dr. W. wird konkreter:
„Insbesondere im Hochtonbereich bestehen bei nahezu allen Menschen ab einem gewissen Alter deutliche, aber oft unbemerkte Innenohrüberforderungen … so dass gerade der hochfrequente Lärm der Trillerpfeifen sich besonders aggressiv an den Innenohrorganen auswirkt und dort zu erheblichen Überforderungen der jeweils vorhandenen biologischen Innenohrqualität kommt. …“
Hä? Die Qualität dieses Briefes erstreckt sich über zwei Seiten, auf denen der Kurort-Doktor später noch die arbeitskampftypischen „Trommeln“ und „Tüten“ als Gefahrenquellen für die Gesundheit der armen Streikenden enttarnt. Von „Hyperakusis“ ist da die Rede und sogar „Dysakusis“, sogar „Morbus Menìere“ (was immer das ist) können drohen. Schließlich geht der Innenohrkenner zum Appell über:
„Es sollten die Führungsgremien des DGB wissen, dass manifeste Innenohrüberforderungen (da war es wieder!) von der offiziellen, universitären Medizin zwar behandelt werden (na, immerhin, in Zeiten von Krankenhausprivatisierung auch nicht mehr selbstverständlich), aber als unheilbar eingestuft werden.“ Unheilbar – so wie auch Chlorakne durch die Arbeit mit gefährlichen Chemikalien wie bei Boehringer, Nervenschädigungen durch aggressive Lösungsmittel … – und das ganz ohne Kundgebungen und Arbeitskampf! Aber so häufig kommt letzterer doch nicht vor. Deshalb können wir Ihnen, sehr verehrter Herr Dr. W., beruhigend zurufen: Die Überforderungen der Gewerkschafter-Ohren auf Grund von Streiks werden sich auch künftig in Grenzen halten. Insofern stößt Ihr freundlicher Vorschlag, uns als weiterer Ratgeber in Sachen Dezibel-Desaster zur Seite stehen zu wollen, bei uns leider auf taube Ohren. Aber vielleicht sind wir einfach auch nur schon zu geschädigt.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Schrittmacher für den Lokaljournalismus

Im Lokalen schlägt das Herz des Journalismus, hier ist er für die Menschen besonders gut erlebbar.“ So Netzwerk Recherche, das Lokaljournalist*innen mit einem Fellowship Lokale Recherche und einem Support Desk unterstützt, da sie unter wachsendem Druck Demokratie und mediale Glaubwürdigkeit verteidigen müssen.
mehr »

Programmreform mit der Brechstange

Die Programmstruktur des Deutschlandfunks soll sich ab Dezember 2027 tiefgreifend verändern. Dagegen regt sich Widerstand. Der Verein „Informationsqualität“ klagt nun dagegen. Man kann nur hoffen, dass das Verwaltungsgericht Köln im Sinne der Kläger eine einstweilige Verfügung erlässt und damit die für den 30. November angekündigte Programmrefom des Deutschlandfunks stoppt.
mehr »

Warum Brokkoli wichtiger ist als Möpse

Stellen Sie sich einen Supermarkt vor. Schokolade liegt vorne am Eingang. Und noch einmal an der Kasse. Das Gemüse steht hinten im Lager. Wer Brokkoli will, muss fragen. Nach einem Jahr schaut sich der Geschäftsführer die Verkaufszahlen an und sagt: Na bitte! Die Menschen wollen nur Schokolade. 
mehr »

Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

"Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: Das wäre eine.
mehr »