Die Bühne gerockt

Noch einmal gemeinsam vor mehr als 1000 Gewerkschaftsmitgliedern: Frank Bsirske und der neue Bundesvorsitzende Frank Werneke (r.) sowie die die neue Gewerkschaftsratsvorsitzende Martina Rößmann-Wolf (r.) und Monika Brandl
Foto: Kay Herschelmann

Würdiger Abschied und Neubeginn mit zwei starken Franks

Gut, dass es ver.di gibt; gut, dass es Frank Bsirske gibt“, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Delegierten zu. Der Bundespräsident würdigte den scheidenden Vorsitzenden und hob seine Verdienste hervor in den 18 Jahren, die er ver.di geführt habe. Das sei an erster Stelle die Durchsetzung des Mindestlohns und der Tarife im öffentlichen Dienst. ver.di stehe für „Offenheit, Freiheit, Solidarität, Demokratie“ und zeige, dass Gewerkschaften mehr seien als „Schönwettervereine und Tarifmaschinen“. Steinmeier charakterisierte ver.di zwar als „durch und durch politisch“, doch politisiere sie nicht die Tarifverhandlungen. ver.di sei überparteilich, ergreife „Partei für ein solidarisches Land – für unsere Demokratie“. Deshalb werde ver.di auch in Zukunft dringend gebraucht.

Zum Abschied rockte Frank Bsirske mit der ebenfalls verabschiedeten Vorsitzenden des Gewerkschaftsrates Monika Brandl die Bühne. Gemeinsam hatten sie den Song „All Right Now“ der britischen Rockband Free ausgewählt. Stürmischer und langhaltender Applaus der Delegierten begleitete sie, viele tanzten mit! Zuvor war Birske noch einmal in die Bütt gegangen. Mitreißend, zugleich klar analysierend – so wie man ihn kennt – hob er das Erreichte aus den letzten vier Jahren hervor. Er erinnerte an den erfolgreichen Arbeitskampf um den Tarifvertrag bei Ryanair, der klar gezeigt habe, dass man gemeinsam mehr erreichen könne! Weitere Erfolge konnten für Auszubildende als angehende medizinisch-technische Assistent*innen, in Kliniken, bei der Post, im Sozial- und Erziehungsdienst, im Gesundheitssektor und im Pflegebereich sowie im öffentlichen Dienst erreicht werden. Auch internationales Vernetzen wurde vorangetrieben, wie bei Amazon. Bsirske widersprach der häufig in den Medien kolportierten Aussage, dieser Kampf sei vergeblich. Inzwischen musste das Unternehmen Lohnerhöhungen und anderes mehr zugestehen. Das Selbstbewusstsein der Beschäftigten sei gewachsen. Dann übergab der eine Frank den Staffelstab an den anderen Frank: symbolisch als Glückbringer den Kugelschreiber, mit dem er 2001 die Gründungsurkunde von ver.di unterschrieben hatte.

Im Amt der Chefs der 1,9 Millionen Gewerkschaft mag er als neu gelten, aber ansonsten zählt Frank Werneke ja bereits zu den älteren Verdianern. Von Anfang an war er Mitglied im Bundesvorstand, seit 2002 stellvertretender Vorsitzender, Leiter des Fachbereichs 8 Medien, Kunst und Industrie, zuständig auch für die Bereiche Selbstständige, Mitgliederentwicklung und zuletzt für Finanzen, Finanzorganisation, Vermögens- und Beteiligungsverwaltung. In den ganzen Jahren zeichnete der heute 52jährige damit auch verantwortlich für die Herausgabe der Publikationen des „Achter“, darunter „Menschen Machen Medien“. Und als die Redaktion 2016 mit dem Konzept einer täglich zu aktualisierenden M Online und vier Print-Themenheften im Jahr aufwartete – durchaus ein neues Format in ver.di – hatte sie von Anfang an seine volle Unterstützung. Auch sein Vertrauen, denn Einmischung in die redaktionelle Arbeit war niemals sein Ding. Hinweise, Vorschläge, ganz selten eine Bitte, Zeit für Interviews, wann immer notwendig, prägten die Zusammenarbeit. Dieser Part geht nun an Christoph Schmitz über, den Leiter des neuen Ressorts 7, künftig Fachbereich A.

Aber da ist der M-Redaktion nicht bange! Dass Christoph Schmitz nicht nur in zündenden Reden „gemeinsame Stärke“ programmieren kann, hat er bereits auf vielen Konferenzen im Vorfeld belegt. Klar und konsequent benennt er, worauf es in Zukunft ankommt: Tarifstärke, Mitgliedergewinnung vor allem junger Leute, die Digitalisierung im Sinne guter Arbeit mitzugestalten, die in den Branchen des FB A bereits in vollen Gange ist. Und: „Wer den Kopf in den Sand steckt, sieht nicht, wer ihm von hinten in den Arsch tritt.“ Diesen Satz eines Kollgen zitierte Schmitz unter großem Beifall am Ende seiner Bewerbungsansprache.

 

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