Kein Blatt vor dem Mund

Geboren und aufgewachsen ist sie in Suhl im Thüringer Wald. Ihr Vater war auch Journalist. „Neugier ist mein zweiter Vorname“ sagt Cornelia Bauer, die Betriebsratsvorsitzende der Suhler Verlagsgesellschaft, lachend. Nach dem Abitur war sie Volontärin beim Freien Wort. Von dort ging sie zum Journalismus-Studium nach Leipzig, ins „sogenannte Rote Kloster“, merkt sie an.

Nach Studium und einem Babyjahr ist sie 1988 beim Freien Wort in die Ressorts „Parteileben“ und „Jugend“ eingestiegen. „Der Unmut damals war riesengroß, ich wäre irgendwann geplatzt“, erinnert sie sich. Die Wende 1989 hat sie mit ihrem zweiten Baby erlebt. 1991 zurück im Freien Wort arbeitete sie an Themen aus Thüringen, Bildung und Umwelt. „Es war eine spannende Zeit, ein ganz neues Agieren.“
Drei Jahre später kam die Frage, ob sie für den Betriebsrat kandidiert. Als Frischgewählte erlebte sie es als einen Einschnitt, als 1996 eine Übernahme der einstigen SED-Bezirkszeitung Freies Wort durch die 1990 gegründete, nicht tarifgebundene kleinere Südthüringer Zeitung bevor stand. In klirrender Kälte wurde mit Tricks und Raffinesse dagegen gestreikt. „Der Rückhalt in der Bevölkerung war damals enorm“, erinnert sie sich an ihre erste harte Konfrontation. Dabei hatte sie einen guten Lehrmeister. Denn vom damaligen IG-Medien-Sekretär Udo Hautmann habe sie nicht nur in der sechswöchigen, mitunter sehr bewegten und chaotischen Streikphase gelernt; er stand ihr und den Kollegen in mancher ausweglos erscheinenden Situation zur Seite. Bauer bezeichnet ihn liebevoll als ihren „cleveren Gewerkschafts-Ziehvater“.
Im Betriebsrat „ziemlich engagiert“, wie sie es ausdrückt, ist sie schon 1998 zur Vorsitzenden gewählt worden. Seither begleiten Abwehrkämpfe gegen betriebliche Verschlechterungen ihre Arbeit. Seit 2000 ist sie Ausschuss-Sprecherin der Regionalzeitungsgruppe HCS Hof/Coburg/Suhl/ Bad Salzungen, einer Tochter des Süddeutschen Verlags und der SPD-eigenen DDVG. Zur HCS gehören die Frankenpost mit ihren Kopfzeitungen in Oberfranken, die Neue Presse in Coburg, das Freie Wort in Suhl, damit in Kooperation das Meininger Tageblatt, sowie die Südthüringer Zeitung in Bad Salzungen. Als Sprecherin des Regionalausschusses ist sie auch stellvertretende Konzernbetriebsratsvorsitzende im Süddeutschen Verlag.
Das Engagement ist geblieben, und nicht nur ein „ziemliches“, wie die oberfränkische Mediensekretärin Barbara Schneider betont: „Sie ist eine überaus engagierte und sachkundige Betriebsrätin und Gewerkschafterin, die sich mit Courage für die Belegschaft einsetzt. Sie geht keiner Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern aus dem Weg, wenn sie von ihrer Sache überzeugt ist.“ Das sieht auch der Betriebsratsvorsitzende der Neuen Presse so. Ottfried Richter in Coburg beschreibt sie als ebenso überzeugend wie kompromissbereit. „Dabei vergisst sie aber nicht, die Kolleginnen und Kollegen immer wieder aufzurütteln, ohne deren Eigeninitiative alle Anstrengungen umsonst wären.“

Mantellieferungen künftig aus Stuttgart

Die Betriebsratsarbeit habe sie verändert, meint Bauer rückblickend: „1994 habe ich vor Geschäftsführern noch wie ein Kaninchen vor der Schlange gesessen, mittlerweile nehme ich kein Blatt mehr vor den Mund. Vor allem gehe ich inzwischen wesentlich strukturierter an vieles heran und bin in den vielen Jahren auch innerlich ruhiger geworden.“ Was für die gesundheitliche Balance wichtig ist, denn der Ärger lässt nie lange auf sich warten. Gerade brennt es wieder an allen Ecken und Enden: Im Druckzentrum in Suhl ist Kurzarbeit angesagt. Der Druck der Tageszeitungen droht gleich ganz der WAZ-Konkurrenz zuzukommen. Die Anzeigen-Vorstufen in Hof, Coburg und Suhl werden in Suhl zusammengefasst und aus dem Tarif genommen. Nun wird auch noch die bereits ausgegliederte Mantelredaktion für die Regionalzeitungsgruppe, „Text & Bild Redaktionspartner“ in Coburg, zum Jahresende geschlossen. Dann sollen Mantelzulieferungen für die Oberfranken und Thüringer aus Stuttgart kommen. Das hat die Südwestdeutsche Medienholding SWMH beschlossen, der vier Fünftel des Süddeutschen Verlages, aber auch die personell schon gestutzten Stuttgarter Nachrichten gehören.
Dass Bauer die Betriebsratsarbeit bei solchen Perspektiven zwar als spannend, aber auch als „zäh und undankbar“ beschreibt, wundert wenig. Daher hat sie sich nur teilweise freistellen lassen und arbeitet drei Tage pro Woche in der Internet-Redaktion des Freien Wort“. Sie braucht den journalistischen Kontakt zu Kollegen und Lesern. Um ihre zur Zeit 322 Wahlberechtigten gegenüber einer Geschäftsführung, die ständig neue Pläne zum Sparen aufs Tapet bringt, gut vertreten zu können, muss sie sich in ihren beiden Jobs gut organisieren: „Ich bin multitaskingfähig geworden bis zum geht nicht mehr“, sagt sie mit Ironie in ihrem gläsernen Betriebsratsbüro am Verlagseingang.
Doch auch eine langjährige Betriebsrätin muss mal Aggressionen abbauen: Dann geht sie auf ein paar Wutschreie in den Wald oder wirft in ihrem Garten mit Ziersteinen. Die tragen inzwischen Namen aus dem wahren Leben, und zwar nicht ihre liebsten. Aber meist reichen der großen, rotblonden Frau, die gerne lacht, zum Frustabbau Gartenarbeit, Sport oder schnelle Hobbys wie Motorradfahren und „alles was fliegt“. Ihren Humor hat sie durch die betrieblichen Kämpfe nicht verloren. Vor allem seit sie mit ihrer jetzigen Stellvertreterin Ilona Dürmeyer ein „Dream-Team“ bildet: „Wir können uns aufeinander verlassen.“ Der Geschäftsleitung beschreibt sie die Arbeit des „Dream Teams“ allerdings deutlicher: „Zusammen sind wir unausstehlich.

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