Leben in fünf Minuten

Ove Sander gewinnt Kurzfilmpreis „Short Tiger 2006“

Eigentlich ist der fünfminütige Film „Hattenhorst“ von Ove Sander einem tragischen Zufall zu verdanken: Der Student der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) erfuhr, dass in einem Kino auf der nordfriesischen Insel Juist ein über 80jähriger Filmvorführer arbeitet. Sander interessierte sich für diese „verschrobene Gestalt“, besuchte Hans Hattenhorst mit Kamera und Tonmann und nahm ein eineinhalbstündiges Vorgespräch mit ihm auf. „Der alte Mann war kein Kinofanatiker, von seinem Lieblingsfilm ,Sun Valley Serenade‘ mit dem Glenn Miller Orchestra hörte er nur die Musik,“ erzählt Sander von der skurrilen Begegnung. Seine filmische Idee: Der Eigenbrötler sollte aus dem Off seine Geschichte erzählen, schwarz-weiß-Bilder aus dem Vorführraum und dem Kino sollten den visuellen Kommentar dazu abgeben. Auf dem Weg zum endgültigen Dreh erfuhr Ove Sander, dass der Filmvorführer am Tag zuvor gestorben war. So bekam das Konzept, die Gestalt Hattenhorst als solche nicht zu zeigen, eine makabre Notwendigkeit. „Das war schon merkwürdig. Wir sind trotzdem hin gefahren und haben in dem Ort gedreht, in dem der Mann sein Leben verbracht hat. Er wohnte hinter der Leinwand.“ Für dieses Porträt ohne sichtbaren Protagonisten hat Sander nun den „Short Tiger 2006“ bekommen. Der Kurzfilmpreis der Filmförderungsanstalt, erstmals in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem deutschen Kurzfilmpreis in der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg vergeben, wurde unter der Maßgabe „maximal fünf Minuten“ und „kinogeeignet“ vergeben. In „Hattenhorst“ sah die Jury „eine wunderbar spröde Hommage an die goldene Ära eines Kinos. Der Film ist mit einer Konsequenz erzählt, die ihresgleichen sucht“.

Gradlinige Schnörkellosigkeit

Diese Konsequenz ist nicht überraschend, denn der 29jährige Hamburger hat sich mit dem Genre Kurzfilm intensiv beschäftigt. „Man muß genau auf den Punkt, sehr schnell auf die Pointe hin erzählen,“ sagt Sander. Solch gradlinige Schnörkellosigkeit kommt dem zurückhaltenden Norddeutschen entgegen, den nach seinem gerade beendeten Studium an der KHM nichts mehr im Rheinland hält. Die Koffer für den Umzug zur Freundin nach Berlin sind gepackt, bis Januar sind noch Postproduktionsarbeiten an seinem Diplomfilm zu machen. Der ist keine Dokumentation, sondern ein zwanzigminütiger Kinderspielfilm. „Pauls Opa“ handelt von einem Kind, das keinen Opa hat und sich deshalb einen mechanischen Opa bastelt. Keine autobiografische Geschichte, versichert Sander lachend. „Ich hatte einen Opa. Aber ich will zeigen, was Kinder können, wenn sie ihre Phantasie entwickeln dürfen, Angeln oder Basteln, spielerisch mit dem umgehen, was sie vorfinden.“ Ein halbes Jahr hat er an dem Film gearbeitet, die Kulissen mit Freunden selbst gebaut. Sander arbeitet gerne mit Kindern, „die bringen Phantasie rein, reagieren direkter“. Für „Pauls Opa“ möchte er „Begeisterung bei Kindern wecken“, sie anregen, „etwas auszuprobieren“. Auch in „Tanzmäuse“, einem Kinderkurzfilm der KHM-Absolventin Maren Erdmann, der in der ehemaligen DDR spielt und auf vielen Festivals läuft, hat er die Kamera geführt.
Sander ist kein leidenschaftlicher Kinogänger, er braucht Minuten, bis ihm überhaupt ein Film einfällt, den er 2006 gesehen hat. „Auf keinen Fall ein Actionfilm oder amerikanischer Blockbuster!“ Dokumentarfilme und deutsche Spielfilme gefallen ihm eher. Er ist keiner, der Vorbilder hat oder gar für einen Schauspieler oder eine Regisseurin schwärmt. Er macht einfach seine eigenen Filme. Die ersten als Schüler in einer Video-AG, „eine Schülerzeitung im Fernsehformat“. Nach Abitur und Zivildienst gründete Ove Sander erstmal eine Internetfirma, die lief gut, bis „ich keine Lust mehr hatte, den ganzen Tag am PC zu sitzen“. Über Kameraassistenzen und Praktika ging der Weg zum Studium an die KHM. Dort spezialisierte er sich auf die Kamera, das schafft Distanz und ermöglicht doch größtmögliche Durchsicht. „Ich habe ein Gefühl für Bilder.“ „Schattenväter“, der Dokumentarfilm von 2004 über die Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume ( Filmrezension M 12 / 05 – 01 / 06) war seine erste wichtige Kameraassistenz, „Hattenhorst“ ist auch „durchaus kameralastig“.

Ideen für einen „etwas längeren Dokumentarfilm“

Sander muß die 25.000 Euro Preisgeld vom „Short Tiger“ in einen eigenen Film investieren. „Es gibt für einen etwas längeren Dokumentarfilm bisher vage Ideen.“ Die er natürlich nicht verrät, bevor sie konkret sind. „Es wird auf jeden Fall ein komplett eigenes Projekt.“ Er will nicht grundsätzlich beim Kurzfilm bleiben. „Eigentlich ist das Ziel der große Film, zumindest will ich ausprobieren, ob ich das auch hinkriege.“ Ob „Schauspielerführung so mein Ding ist“, weiß er aber noch nicht.
Film funktioniert in Deutschland nur mit Förderung, weiß Ove Sander, auch sein Diplomfilm wurde unter anderem von der Filmstiftung NRW gefördert und mit dem Preisgeld alleine kann er keine großen Sprünge machen. Selbstverständlich ist für den jungen Filmemacher, dass er Gewerkschaftsmitglied ist, „in unserer Branche geht es ja ziemlich drunter und drüber“. Ob Berlin nun lange eine Heimat bleibt, ist offen. „Ich gehe dahin, wo ich arbeiten kann.“

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