Mehr Mut, mehr Haltung, mehr erreichen

Tina Groll ist Redakteurin bei Zeit Online und Bundesvorsitzende der dju in ver.di Foto: Stephanie von Becker

Nach dem 35. Journalismustag: ein Rückblick auf die letzten drei Jahre

Meinung

Weiter denken, Lösungen aufzeigen, Tiefe dahinter finden – das ist, was konstruktiver Journalismus liefern kann. Diese Herangehensweise bietet damit einen Mehrwert, den die Gesellschaft, die Medien selbst und die Demokratie dringend benötigen. Eine klare Empfehlung und ein zentraler Auftrag geht damit vom ver.di-Journalismustag 2023 aus.

Es war Anfang 2020, als sich die in ver.di organisierten Journalistinnen und Journalisten zuletzt real und persönlich in Berlin in der ver.di-Bundeszentrale trafen. Nur kurz darauf begann der erste Lockdown in der Corona-Pandemie. Spielplätze wurden abgeriegelt, Kitas und Schulen geschlossen, Altenheime verbarrikadiert, Menschen isoliert, viele starben völlig einsam. Und in den Redaktionen wurde rund um die Uhr gearbeitet. Das Corona-Live-Blog, oft rund um die Uhr bespielt, war die neue Instanz im Nachrichtenjournalismus.

Das Motto des letzten Journalismustag vor der Pandemie war „Hinschauen, weghören, einstehen? Alles eine Frage der Haltung“.

Haltung hat aber in der Zeit der Pandemie eine ganz neue Bedeutung erfahren. Denn auf einmal meinten jene, Haltung zu zeigen, die Seite an Seite mit Rechtsextremen und Demokratiefeinden gegen die Einschränkung von Grundrechten marschierten und protestierten.

Viele Journalistinnen und Journalisten aber fiel es, vielleicht auch wegen der unvorstellbaren Nachrichtenlage zu Beginn der Pandemie, sehr schwer, Haltung zu zeigen. In immer kürzer werdenden Abständen tagten die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der damaligen Bundeskanzlerin, immer wieder wurden immer neue, teils noch einschneidendere Grundrechtseinschränkungen beschlossen. In Echtzeit verkündeten die Medien die Beschlüsse, die häufig nur rasch danach sofort regional verändert wurden. Doch statt kritisch den Aktionismus der Regierenden zu hinterfragen, stellten sich viel Journalistinnen und Journalisten hinter die Corona-Politik, verteidigten gravierende und extrem lang anhaltende Grundrechtseinschränkungen und fanden wenig kritische Worte zu der Tatsache, dass die Beschlüsse häufig erst Tage später durch die Landesparlamente demokratisch legitimiert wurden. Auch das hat das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die Medien erschüttert, angeheizt durch die sogenannten Querdenkerproteste, die immer mehr Land und Gesellschaft spalteten. Am Ende noch das Ringen um die allgemeine Impfpflicht – eine Aufarbeitung über die Rolle der Medien hat bisher noch nicht in der Breite stattgefunden.

Wir hatten aber auch, wieder einmal, keine Zeit dafür. Denn drei Jahre später ist die Welt eine andere. Viele von uns hätten sich wohl nicht vorstellen können, dass wir uns “danach” in einer Welt der multiplen Krisen befinden würden – mit einem Angriffskrieg mitten in Europa. Und wohl kaum jemand hätte voraussagen können, dass viele Journalistinnen und Journalisten sich heute für Waffenlieferungen aussprechen würden.

Und dann erst der Klimawandel: Ahrtal, Hitzesommer, Waldsterben. Die immer deutlich spürbaren Auswirkungen der Zerstörung unserer Erde, auch hier in Deutschland. Die Inflation und Energiekrise, soziale Spaltung, wachsende Kinderarmut. Wie sollen wir da zum Reflektieren über Haltungsfragen kommen?

Wir Journalistinnen und Journalisten müssen in immer kürzer werdenden Zeitabständen immer größere Krisen erklären und einordnen können und die Fakten von den Fiktionen und Fake News trennen. Und jetzt auch noch ChatGPT und sich immer rasanter entwickelnde künstliche Intelligenzen – wird Journalismus bald überflüssig? Wie groß sind die Manipulationsgefahren, wenn wir hektisch immer so weiterarbeiten?

Genau aus diesem Grund wird sie wichtiger denn je: die Haltung.

Doch bei sehr vielen Kolleginnen und Kollegen sind die Ressourcen erschöpft. Die Dauerkrise, das ewige Feuerwerk der schlechten Nachrichten haben auch uns als Medienprofis belastet, ausgelaugt, zermürbt. Auch deshalb kam das Thema unserer Tagung: Konstruktiver Journalismus zum richtigen Zeitpunkt. Strahlte positive Impulse aus. Und es tat gut, sich wieder in Präsenz zu treffen, direkt ins Gespräch zu kommen.

Im vergangenen Jahr hatte eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung daher erstmals die psychische Verfasstheit der Medienschaffenden in den Blick genommen und dabei festgestellt, dass es um die psychische Gesundheit der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland nicht so gut gestellt ist, wie es sein müsste.

Niemand kann sich dauerhaft mit schlechten Nachrichten befassen, niemand hält ewig dem Druck stand, immer schneller abliefern zu müssen. Unzählige von uns leiden zudem unter den seit Jahren schlechten Arbeitsbedingungen: Spardruck, Zusammenlegungen, Zeitungssterben, Abriss ganzer Medienstandort wie etwa in Hamburg, fehlende gesellschaftliche Wertschätzung.

Wir brauchen daher dringend gute Nachrichten und das im doppelten Wortsinn. Damit wir gute Nachrichten produzieren können – also guten Journalismus abliefern – brauchen wir wieder mehr Ressourcen.

Das fängt bei den Löhnen an: Der Reallohnverlust für Journalistinnen und Journalisten muss aufhören. Es ist nicht akzeptabel, dass die Arbeitgeber keine annehmbaren Angebote vorlegen, wie etwa jetzt in der Tarifrunde für Zeitschriftenredakteurinnen und -redakteure mit dem MFVP, früher VDZ. Es ist aber auch nicht akzeptabel, dass andere Verbände, mit denen wir gemeinsam verhandeln, bereit sind, für einen schnellen Abschluss weitere Reallohnverluste zu akzeptieren.

In den letzten drei Jahren ist es normal geworden, dass Journalismus wieder etwas kostet. Immer mehr Inhalte verschwinden hinter der Bezahlschranke. Und das ist auch richtig so. Viele Onlinemedien schreiben schwarze Zahlen, digitale Töchter tragen mittlerweile ihre Printmütter – es wird Geld verdient. Der Zeitpunkt des Re-Investments ist daher überfällig, gerade weil die Medienschaffenden viele Jahre lang auf Lohnzuwächse verzichtet haben.

Haltung ist aber auch da gefragt, wo die Angriffe auf den Journalismus zunehmen: Wir Journalistinnen und Journalisten müssen solidarisch bleiben und Gräben zwischen privatwirtschaftlichen Medien und öffentlich-rechtlichem Rundfunk überwinden. Es sind nicht die journalistischen Redaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in denen Gebührengelder verschwendet werden. Die Anfeindungen und Attacken auf die Kolleginnen und Kollegen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk müssen als Angriffe auf den Journalismus generell verstanden werden. Medienschaffende sollten daher zusammenstehen und die publizistische Vielfalt verteidigen.

Also ermächtigen wir uns endlich, für uns selbst einzustehen. Das ist der Handlungsspielraum, der uns bleibt – auch in der Dauerkrise. Wir brauchen zudem Mut und Zuversicht. Denn wir werden auch morgen noch relevant sein, unabhängige Berichterstattung wird auch in Zukunft sehr gefragt sein, das kritische Denken der Journalistinnen und Journalisten wird keine KI so schnell ersetzen können.

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