BBC streicht tausende Jobs

Keine Fernsehkorrespondentin mehr in Deutschland

Ende 2005 muss sich die Berliner BBC Fernsehkorrespondentin Tristana Moore auf einen neuen Job gefasst machen. BBC Generaldirektor Mark Thompson hat ihr mitgeteilt, dass der einzige BBC Fernseh-Posten in Deutschland gestrichen wird. Die 33jährige Journalistin ist jedoch nicht allein, tausende Stellen sollen bei der BBC gekappt werden.

Aus Berlin wird künftig nur noch BBC Radiokorrespondent Ray Furlong berichten. Damit wird als einziger in allen BBC Büros innerhalb der EU ausgerechnet der TV Korrespondentenposten in Berlin gestrichen! Mark Thompson hat in einem Rundumschlag ohne Gleichen die Streichung von insgesamt 3.780 Jobs in der BBC angekündigt. Bis 2008 sollen in allen Bereichen 19 Prozent der derzeit rund 23.000 BBC Mitarbeiter entlassen werden. Der Grund für diese Massen-Entlassungsorgie: Die Erneuerung der Royal Charter, der BBC Verfassung durch die britische Regierung und Her Majesty The Queen steht 2006 an. Sie legt für die nächsten 10 Jahre den Fortbestand der BBC fest. Um sich nach der Hutton Affäre Lieb-Kind bei der Regierung zu machen und so guten Willen durch Spar-Maßnahmen zu zeigen, hat Director General (DG) Thompson die Entlassungen veranlasst, stellen die drei in der BBC vertretenen Gewerkschaften National Union of Journalists NUJ, Bectu und Amicus deutlich fest. Durch die Jobstreichungen will Thompson insgesamt 355 Mio. Pfund / 523 Mio. Euro einsparen, die dann in Zukunft wieder in Radio- wie TV- Programme investiert werden sollen.

120 müssen bei BBC News gehen

Wie das allerdings gehen soll, das können derzeit weder BBC Führung, Mitarbeiter noch Gewerkschaften richtig erklären. Wie sollen denn bessere Programme entstehen, wenn die Leute nicht mehr da sind und die dann noch verbliebenen Mitarbeiter vor Arbeit kaum mehr Zeit haben, kreativ tätig zu sein? Ein Blick auf das 1.300 Mitarbeiter starke „Centre of Excellence“ in Glasgow zeigt, was in der BBC abgeht. 290 Mitarbeiter werden in der BBC Scotland ihre Jobs verlieren. 120 davon werden im newsroom (BBC News), dem Herzstück, ersatzlos gestrichen. BBC Scotland TV Reporterin Sally McNair musste schottischen Radiohörern die Streichungsorgie erklären, im Wissen dass ihr Mann, ein bekannter BBC TV Producer, unter den Entlassenen sein wird!

Verhandlungen gefordert

Nicht anders sieht das in London aus. Mit dem Verlust von 420 Journalistenjobs verliert der Bereich BBC News am meisten Stellen von allen Bereichen. Das Entsetzen ist groß. Ausgerechnet die Abteilung, die die BBC weltweit durch ihre Nachrichtenarbeit bekannt und berühmt gemacht hat, blutet aus, sind BBC Staffer (Angestellte) und Gewerkschaften überzeugt. Die Reaktion war nach Tagen des Entsetzens und des Schocks dann auch dementsprechend. Die drei Gewerkschaften haben in seltener Einmütigkeit der BBC Geschäftsführung eine Frist, verbunden mit Forderungen, gesetzt. In einer gemeinsamen Erklärung forderten sie Mark Thompson für britische Verhältnisse überaus deutlich und unmissverständlich auf, sofort alle Jobabbaugespräche einzustellen, alle konkreten Abbauplanungen sofort auf den Tisch zu legen und sich umgehend mit den Gewerkschaften zu Verhandlungen an einen Tisch zu setzen. 90 Tage hat Thompson insgesamt Zeit, diesen Forderungen nachzukommen. Die Uhr läuft! Am 30. April wird eine Abstimmung aller BBC Mitarbeiter stattfinden, bei der es um die Frage „Streik oder nicht?“ gehen wird. Die Gewerkschaften haben damit den moralischen wie politischen Druck auf Thompson und seine Führungsriege erheblich erhöht. Für den 5. Mai, so erwarten politische Insider, wird Premierminister Tony Blair die Neuwahl des britischen Parlaments in London und damit auch die Abstimmung über seine weitere Amtsperiode als Premierminister festlegen. Alle Zeichen deuten BBC intern derzeit darauf hin, dass ein Streik am 5. Mai stattfinden könnte!

Schwarze Bildschirme und stille Radios am Wahltag, das wäre nicht nur für die BBC Führung wahrhaft das „worst case scenario“!

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

BPK: Umstrittene Mitgliedschaft

Sachlich, an Tatsachen orientiert und fair – diesen Anspruch erhebt die Bundespressekonferenz (BPK), der Verein der Hauptstadtpresse, für die Berichterstattung ihrer Mitglieder. Parallelmedien haben dort dennoch einen Fuß in der Tür. Und werden damit normalisiert.
mehr »

Kämpferischer Auftakt im ÖRR

In politisch umkämpften Zeiten beginnen auch im ÖRR die Tarifverhandlungen. Ver.di ruft die Hamburger Beschäftigten beim NDR daher heute zum Warnstreik auf. Er beginnt am Dienstag und endet am Mittwoch um 1.30 Uhr. Seit Februar läuft der Tarifkonflikt um die Gehälter, Honorare und Ausbildungsvergütungen der rund 5.000 festen und freien NDR-Beschäftigten.
mehr »

Austria First: Der rechte Dudelfunk

Dass die rechte österreichische FPÖ irgendwann einen eigenen Radiosender gründen würde, hatte die Partei schon angekündigt. „Austria First“ ist seit Januar dieses Jahres on air. Der Sender versteht sich als niedrigschwelliges Medienangebot, das seine breite Hörer*innenschaft mit Musik und inhaltlichen Formaten über den ganzen Tag hinweg begleitet.
mehr »

Peru: Investigativ, kritisch, gefährdet

Ojo Público heißt das investigative Online-Magazin aus Lima. Das hat in den letzten zehn Jahren zu einem anerkannten Medium wurde. Die Redaktion ist auf rund 20 Menschen angewachsen und recherchiert nicht nur in Peru, sondern auch in Nachbarländern wie Ecuador.
mehr »