Beide Seiten der Mauer

dju organisierte Journalistenreise nach Israel

Die Medienlandschaft Israels, die Geschichte des jüdischen Volkes und die Arbeitsbedingungen von Migranten – das Programm der dju-Journalistenreise vom 31. Oktober bis zum 8. November nach Israel war abwechslungsreich. Doch bei den zahlreichen Ausflügen und Gesprächen ging es auch immer wieder um den Nahostkonflikt. Ein Bericht von beiden Seiten der Sperranlagen.


Die Luft ist frisch und der Himmel blassblau, als sich Aboud an diesem Novembermorgen auf den Weg zur Arbeit macht. Wie jeden Tag ist der Palästinenser um 5.30 Uhr in der Frühe aufgestanden, um pünktlich an seinem Arbeitsplatz in Jerusalem zu sein, wo er in einer Fabrik Hühner zerteilt. Denn wie tausende andere Palästinenser mit einer Arbeitserlaubnis für Israel muss der Mittdreißiger den Qalandia-Checkpoint (Bild) etwa drei Kilometer südlich von Ramallah passieren, um aus dem Westjordanland nach Jerusalem zu gelangen. Nun wartet er vor den blau lackierten Eisengittern darauf, dass die israelischen Sicherheitskräfte an dem Checkpoint wieder für kurze Zeit das Drehkreuz öffnen und sich ein paar Dutzend Männer auf die andere Seite der Absperrung drängen können. „Wie lange braucht ihr mit dem Flugzeug aus Deutschland nach Israel?“, fragt Aboud genervt. „Etwa vier Stunden? Fast so lange verbringe ich hier auf meinem Hin- und Rückweg jeden Tag.“ Plötzlich kommt Unruhe in die Wartenden: Das Drehkreuz ist geöffnet und auch Aboud schiebt sich in dem Gedränge ein kleines Stück weiter nach vorne.
Die Checkpoints und die mehr als 700 Kilometer lange Sperranlage zwischen Israel und dem Westjordanland sollen offiziell verhindern, dass Waffen geschmuggelt werden oder sich Selbstmordattentäter in israelischen Städten in die Luft sprengen. Seit 2003 mit dem Bau des Zaunes begonnen wurde, ist die Zahl der Selbstmordanschläge zwar deutlich gesunken, aber die Menschenrechtsaktivistin Ronny Perlman kritisiert die Behandlung der Palästinenser an den Kontrollpunkten als „Schikane“. Die 65-Jährige gehört zu der israelischen Frauenorganisation Machsom Watch, die das Verhalten der Sicherheitskräfte an den Checkpoints beobachtet und etwaige Zwischenfälle dokumentiert. „Die Situation hier ist schlecht“, bedauert Perlman. „Schlecht für die Palästinenser, für unsere Demokratie und unsere Zukunft.“
Daniel Seaman, der das Presseamt der israelischen Regierung leitet, räumt in einem Gespräch in Jerusalem ein, dass es an den Kontrollpunkten auch „rüdes Verhalten“ von Soldaten gegeben hat. Für Seaman sind die Checkpoints und die Sperranlage jedoch eine „Frage von Leben und Tod“: „Die Mauer ist schrecklich, aber sie hat einen Teufelskreis der Gewalt gestoppt.“ Für die einseitige Errichtung der Anlagen durch Israel macht der Regierungssprecher die Palästinenser-Führung verantwortlich. „Da es auf ihrer Seite keine verantwortliche Autorität gibt, schaffen wir die Bedingungen selbst, die uns ein sicheres Leben ermöglichen.“ Die im Westjordanland regierende Fatah und die den Gazastreifen kontrollierende radikalislamische Hamas sind verfeindet und können sich nicht auf eine gemeinsame Verhandlungslinie gegenüber Israel einigen.
In der Mukata in Ramallah, dem Hauptquartier der Palästinensischen Autonomiebehörde, sitzt Rafik Husseini vor Porträts des verstorbenen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat und von dessen Nachfolger Mahmud Abbas. Der Stabschef hat das Argument von dem fehlenden Verhandlungspartner schon oft gehört: „Erst schwächt die israelische Regierung Abbas, dann sagt sie, er sei als Verhandlungspartner zu schwach.“ Dieses Vorgehen zeige, dass Israels Regierung gar nicht über eine Lösung des Konflikts verhandeln wolle. Zu den Streitpunkten gehört neben den jüdischen Siedlungen in Ostjerusalem und dem Westjordanland auch der Verlauf der Sperranlage. Die Palästinenser befürchten, dass sie im Falle einer Zwei-Staaten-Lösung zur offiziellen Grenze wird und so an manchen Orten Teile des Westjordanlandes Israel zugeschlagen werden. Als Beispiel für den ungerechten Verlauf nennt Husseini auch den Qalandia-Checkpoint: „Der Kontrollpunkt liegt zwischen dem Westjordanland und dem arabischen Teil von Jerusalem.“
Auch die israelische Friedensaktivistin Lydia Aisenberg kritisiert während einer Tour entlang des Zauns im Nordwesten Israels dessen Verlauf: „Die Sperranlagen weichen immer wieder von der Waffenstillstandslinie von 1967 ab und schneiden ins Westjordanland ein, damit sie jüdische Siedlungen einschließen.“ So werde den Palästinensern das Leben schwer gemacht, sagt Aisenberg, die sich für den arabisch-jüdischen Dialog einsetzt.
Die Verständigung beider Seiten ist auch das Ziel von Nomika Zion aus Sderot. Die Stadt liegt nur rund einen Kilometer vom Gazastreifen entfernt und seit 2001 wurden durch Raketenbeschuss von Seiten der Hamas und anderer radikaler Palästinensergruppen immer wieder Bewohner verletzt oder getötet. „Viele Menschen hier sind dadurch immer extremer geworden und können und wollen sich nicht mehr vorstellen, wie die Palästinenser im Gazastreifen leben“, berichtet Zion.
Sie leidet wie viele Bewohner Sderots an den psychologischen Folgen der unberechenbaren Angriffe und auch in der Wand ihres Hauses haben Splitter eines Geschosses Spuren hinterlassen. Zion hat dennoch die Gruppe „Die andere Stimme“ gegründet, die mit Bewohnern des Gazastreifens per Telefon und über das Internet Kontakt hält. „Wir wollen so einen Dialog aufbauen und wieder Verständnis für die jeweils andere Seite schaffen.“ An einen raschen Frieden glaubt aber auch Zion nicht, denn seit Ende des Gazakriegs im Januar 2009 wurden aus dem Gazastreifen und dem Libanon mehr als 180 Mal Raketen oder Mörser auf israelisches Gebiet abgefeuert.

 

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