Bilder im Netz gefährden Ortskräfte und Journalisten

CNN-Korrespondentin Clarissa Ward berichtet im August aus Kabul. Foto: CNN/AP/picture alliance/Brent Swails

Die Evakuierung von Dolmetschern und anderen Ortskräften der Bundeswehr aus Kabul ist ein heiß diskutiertes Thema. Viele wollen aus Kabul weg und sind derzeit untergetaucht. Ein wichtiges Thema für westliche Medien, die teilweise sehr persönliche Geschichten bringen. Doch diese Berichte mit aktuellen Fotos und Videointerviews bringen die Betroffenen mitunter in höchste Lebensgefahr. Die Regeln des Informantenschutzes zu beachten, kann hier Leben retten.

Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer wunderte sich, dass T-Online in einem Video einen Journalisten, der mehrere Jahre für die Bundeswehr in Afghanistan tätig war, unverpixelt inmitten einer Soldatengruppe zeigte. „Was soll dieser Steckbrief?“, fragte die Medienwissenschaftlerin die Kolleginnen und Kollegen von T-Online.

Die reagierten prompt. „Der Helfer hat offen mit uns vor der Kamera gesprochen“, rechtfertigte sich Sandra Sperling aus dem T-Online-Team und fügte gleich an: „Eine Verpixelung war nicht nötig.“ Carl Exner von T-Online meinte, für ihn sei nicht erkennbar, dass eine unverpixelte Darstellung die Gefährdung für die Ortskraft erhöhe. Außerdem hätten sie mit dem Interviewpartner darüber gesprochen. Und auch andere Medien hätten die Ortskraft unverpixelt gezeigt.

Vom Bild auf den Aufenthaltsort schließen

Tatsächlich haben auch andere Medien nicht nur unverpixelte Fotos und Videos von afghanischen Ortskräften im Netz veröffentlicht, sondern auch Bildmaterial, das Hinweise auf das jeweilige Versteck der O-Ton-Geber ermöglichte. In einem besonders krassen Fall hatte eine Redaktion ein Foto mit GPS-Koordinaten in den Metadaten ins Netz gestellt. Das Bild wurde inzwischen entfernt.

Eine Nichtregierungsorganisation wiederum hatte ein Video eines Journalisten, dessen Medienunternehmen für die Bundeswehr gearbeitet hat als Botschaft an die Minister Seehofer und Maaß veröffentlicht. Das Gesicht des Kindes auf dem Bett im Hintergrund hatten sie verpixelt, das der Ortskraft nicht.

Damit lieferten sie nicht nur einen Steckbrief. Viel schlimmer: Anhand der Bettwäsche und des Vorhanges, die im Video zu sehen sind, konnte ein Ortskundiger die Unterkunft grob identifizieren. Und die Taliban in Kabul sind nicht nur ortskundig, sondern auch gut in Sachen Informationstechnik und Bildforensik aufgestellt.

Bildforensiker der Taliban sind gut ausgebildet

Das hat eine gewisse Tradition und geht auf die erstklassige Ausstattung und das Know-how der Al-Qaida-Gruppe in diesem Bereich zurück. Die Taliban nutzen soziale Medien nicht nur für die eigene Kommunikation und Propaganda, sondern auch für die Jagd auf Gegner.

Dazu wird aktuell ausgespieltes Bildmaterial von ihnen ausgewertet. Fahndungsaufrufe mit Steckbriefen werden an die eigenen Kräfte via Telegram und Whatsapp verschickt. Bilder und Videos aus dem Netz werden forensisch und mit Gesichtserkennungssoftware ausgewertet.

Teilweise haben sie diese Auswertungswerkzeuge selbst, teilweise nutzen sie im Netz allgemein verfügbare Tools. Und in einigen speziellen Fällen, nämlich bei der Identifizierung per Gesichtserkennungssoftware und biometrischer Daten hilft der pakistanische Geheimdienst.

Natürlich nutzen die Taliban auch die im Netz frei verfügbaren Werkzeuge für ihre Bildforensik. Mittels Google Earth, Analysediensten wie fotoforensics.com, reverser Bildersuche via yandex.com und Google, aber auch Jeffrey’s Exif Viewer, Wetteraufzeichnungen, Schattensimulatoren und Sonnenstandsberechnungen, WolframAlpha oder dem Data Viewer für die reverse Videosuche können dem im Netz veröffentlichten Bildern und Videos jede Menge interessanter Daten entrissen werden. Sie geben Hinweise auf den Aufnahmeort und gegebenenfalls auf das Versteck des Interviewten.

Aus amerikanischen Sicherheitskreisen wurde bestätigt, dass die Forensiker der Taliban nicht nur die Methoden der Bild-Analysekette des FBI beherrschen und über sämtliche dafür notwendige Analyse-Software verfügen, sondern auch gute Kenntnisse der Werkzeuge für die Bildinhaltsanaylse haben.

Die Bildforensiker der Taliban seien teilweise so gut ausgebildet wie die Bildauswerter der National Security Agency, urteilte ein US-General auf einer Forensiker-Tagung 2019 in Brüssel. Daran dürfte sich seither nicht viel geändert haben.

Pakistans Geheimdienst hilft bei der Identifikation

Vor allen bei der Gesichtserkennung mit neuronalen Netzen und beim analytischen Abgleich biometrischer Daten für die Personenidentifizierung unterstützen zudem Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI die Taliban-Forensiker.

Das wurde zuletzt deutlich, nachdem den Taliban biometrische Analysegeräte namens Handheld Interagency Identity Detection Equipment des US-Militärs in die Hände fielen. ISI-Agenten halfen aus, damit die Taliban die Geräte für die eigene Suche nach Gegnern einsetzen können. Dazu zählen auch Ortskräfte, die für das US-Militär gearbeitet haben.

Vor diesem Hintergrund scheint es umso dringlicher, dass Medien, die über untergetauchte Ortskräfte der Bundeswehr berichten, die grundlegenden Regeln des Informantenschutzes beachten. Dazu gehört, O-Ton-Geber zu verpixeln, um keine aktuellen Steckbriefe an die Taliban zu liefern.

Mangelnder Quellenschutz kostet Menschenleben

Das verpixelte Material sollte in sehr sensiblen Fällen dann erneut aufgenommen werden, um das Zurückrechnen der Verpixelung, also das Entpixeln, zu verhindern. Die Metadaten der Bilder und Videos sollten von allen Daten bereinigt werden, die Aufschluss über den Aufenthaltsort des Interviewten verraten können. Außerdem muss das Bildmaterial so geschnitten werden, dass keine Bildinhalte den Unterschlupf des O-Ton-Gebers verraten können.

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