Demokraten in der Türkei unterstützen

Serpil Midyatlı, Can Dündar, Aslı Erdoğan, Cem Özdemir, Osman Okkan, Ziya Pir am 6. Oktober 2020 im Berliner Willy-Brandt-Haus (v.l.n.r.) Foto: KulturForum

„Ich weiß nicht, ob wir noch einmal in dieser Form zu Ihnen sprechen können”, sagte der Journalist Aydın Engin, der aus der Türkei per Video zugeschaltet war. Das KulturForum TürkeiDeutschland und zahlreiche Unterstützer*innen informierten am 6. Oktober über die Menschenrechtssituation am Bosporus, forderten Solidarität mit den Demokraten in der Türkei und von der Bunderegierung energische Maßnahmen zu ihrer Unterstützung.

“Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die Türkei und die Menschen dort, sondern gegen das Regime”, machte Grünen-Politiker Cem Özdemir klar. Unter der AKP-Regierung von Staatspräsident Erdoğan erlebe das Land “eine nie dagewesene Finsternis”. So beschreiben es auch namhafte Persönlichkeiten der türkischen Gesellschaft im sogenannten Aufruf der „101 Weisen“, der in der Türkei und unter im Ausland lebenden Türken große Resonanz gefunden hat.

Osman Okkan, Sprecher des KulturForums, bekräftigte die Dringlichkeit von Solidarität mit den politischen Gefangenen und anderen Verfolgten. In der Türkei sei die Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt, es werde eine expansive Außenpolitik betrieben.

Per Videobotschaften und direkt in Berlin meldeten sich Persönlichkeiten wie Exil-Journalist Can Dündar, der Musiker und Autor Zülfü Livaneli, der ehemalige Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Rıza Türmen, die Schriftstellerin Oya Baydar, die Wirtschaftswissenschaftlerin Nesrin Nas oder die Autorin und die Linguistin Reyhan Şahin (Lady Bitch Ray) zu Wort. Alle äußerten ihre Sorge um die Zukunft des Landes und riefen dazu auf, sich der Willkürherrschaft zu widersetzen.

Die im Berliner Exil lebende Autorin Aslı Erdoğan setzte sich für den Kulturmäzen Osman Kavala ein, der seit fast drei Jahren im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri sitzt. Deutschland habe jetzt ein konkretes Instrument in der Hand, Kavala zu helfen, sagte Cem Özdemir. Er forderte die Bundesregierung auf, der Türkei mit dem Rauswurf aus dem Europäischen Rat zu drohen, da sie sich weigere, Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zugunsten Kavalas umzusetzen. Auch Ralf Nestmeyer, stellvertretender Vorsitzender von PEN-Deutschland, sah die Bundesregierung in der Pflicht. Es müsse mehr diplomatischer Druck ausgeübt werden.

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di fordert die Bundesregierung in einer Grußbotschaft auf, sich mit all ihren Möglichkeiten und konsequent für die Freilassung aller politischen Gefangenen einzusetzen. Die dju hatte gemeinsam mit dem PEN-Zentrum Deutschland, dem DJV, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem KulturForum TürkeiDeutschland zu der Veranstaltung „Frieden im Mittelmeerraum – Solidarität mit Demokraten in der Türkei“ im Berliner Willy-Brandt-Haus aufgerufen.

Eine deutsche Übersetzung des Aufrufs der „101 Weisen“, zu denen auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk gehört, und die Liste der Erstunterzeichner*innen steht hier.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »

Österreichs „Standard“ in Deutschland

Kann eine österreichische Tageszeitung im zehnmal größeren deutschen Markt bestehen? Während viele Medienhäuser bei Expansionsversuchen viel Geld investierten und scheiterten, verfolgt der Wiener „Standard“ seit Jahren einen anderen Weg. Die deutsche Website derstandard.de ist weniger Angriff auf etablierte Anbieter als vielmehr ein strategisches Versuchslabor. Dort testet der Verlag Technologien, Geschäftsmodelle und digitale Strategien – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
mehr »