Fotografieren und Beweise sammeln

Verwandte betrauern den Tod von Leah Espiritu während ihrer Beerdigung in Caloocan im Norden von Manila am 11. Juni 2017. Sie wurde von Unbekannten erschossen
Foto: Ezra Acayan

Seit Rodrigo Duterte im Jahr 2016 an die Macht kam, macht der „Krieg gegen die Drogen“ des philippinischen Präsidenten immer wieder weltweit Schlagzeilen. Die Gruppe „Everyday Impunity“ will das nicht nur für die Öffentlichkeit dokumentieren, sondern hofft auch, dass ihre Fotos eines Tages als Beweismaterial für Prozesse aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit dienen können. Für M sprach Felix Koltermann mit dem 24-jährigen philippinischen Fotojournalisten und Mitglied der Gruppe Everyday Impunity Ezra Acayan.

M | Wie nimmst Du die Situation für die Pressefreiheit auf den Philippinen war?

EA | In der Hauptstadt ist es für Journalisten nicht so gefährlich, auch wenn ich selbst viele Todesdrohungen bekomme. Aber das sind ausschließlich Provokationen, nichts Konkretes passiert. Sehr gefährlich ist es für Journalisten hingegen in den Provinzen. Vor allem für Radiojournalisten ist das Risiko sehr hoch und immer wieder kommt es auch zu Tötungen, angestachelt von Politikern. Kritisch zu berichten ist sehr schwer für lokale Medien. Hinter vorgehaltener Hand hört man, dass in vielen Unternehmen Memoranden zirkulieren, sich weniger kritisch gegenüber der Regierung zu verhalten.

Was hat sich geändert, nachdem Rodrigo Duterte an die Macht kam?

Vor allem online attackieren Unterstützer von Duterte, meist Blogger mit Millionen von Followern, die Mainstream-Medien und werfen diesen Fake News vor. Das ist vergleichbar mit der Situation in den USA unter Trump. Viele Anhänger von Duterte glauben eher diesen Bloggern als den klassischen Medien. Duterte attackiert in seinen Reden kritische Medien wie Rappler oder ABS-CBN auch direkt. Als Konsequenz haben sich einige von deren Werbekunden zurückgezogen.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Fotojournalisten auf den Philippinen zu kämpfen?

Bezogen auf meine Arbeit zum Drogenkrieg ist es heute sehr viel schwieriger als früher, zu den Tatorten vorgelassen zu werden oder überhaupt zu wissen, wo diese liegen. Anfangs war die Polizei stolz auf ihre Aktionen und erzählte uns, wo was passiert ist. Aber nach der internationalen Kritik am Drogenkrieg wurde die Polizei sehr kreativ darin, Tatorte zu verstecken. So behauptet sie heute immer öfter, dass es nur Verletzte und keine Toten gab. Das bedeutet, dass wir vor Ort nichts mehr vorfinden und es keine Beweise gibt. Die Ärzte im Krankenhaus erzählen uns aber, dass die Polizei ihnen meist keine Verletzten, sondern Tote bringt, oft mit Kopfschüssen.

Bedeutet das, dass die Polizei eine kritische Rolle spielt im Drogenkrieg spielt?

Ja, absolut. Darüber hinaus gibt es das Gerücht, dass jeder Tote zwischen 10 und 15.000 Pesos wert ist (zwischen 16 Cent und 241 Euro, Anm.d.Red.). Inoffiziell wurde dies von hochrangigen Polizeioffizieren bestätigt. Es gibt auch eine Quote, die vorgibt, wie viele Personen in einem bestimmten Zeitraum getötet werden müssen. Und die Getöteten müssen gar nichts mit Drogen zu tun haben: es kann jeden treffen. Die Polizei hat schwarze Listen, die von lokalen Behörden erstellt werden, auf denen jeder landen kann. Diese sogenannten Watchlists sind ein Synonym für Tötungslisten. Und natürlich ist auch ein Teil der Polizei selbst in den Drogenhandel involviert.

Warum ist es für Sie als Fotojournalist wichtig, die Tatorte und die Leichen zu fotografieren?

Anfänglich ging es vor allem darum, Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen. Heute arbeiten wir auch mit Menschenrechtsorganisationen zusammen, die die Vorfälle dokumentieren. Von denen heißt es, dass Bilder wichtig sind, um eine forensische Meinung zu bekommen. So gibt es viele Bilder, auf denen man sieht, dass die Toten Waffen in der Hand halten. Die Polizei behauptet dann, dass sie angegriffen wurde und deswegen die Person getötet habe. Aber die Forensiker können anhand der Bilder oft nachweisen, dass die Getöteten Fesselspuren an den Händen haben oder die Körperposition der Aussage der Polizei widerspricht. Dokumentation ist also immens wichtig.

Du sprichst die ganze Zeit von „Wir“. Wer verbirgt sich dahinter?

Wir sind eine kleine, informelle Gruppe von 8 bis 10 Leuten, die viel Zeit mit dem Dokumentieren dieser Taten verbringt. Darunter sind Fotografen, Journalisten, Filmemacher und Künstler. Alles, was wir machen, ist dokumentieren, dokumentieren, dokumentieren. Auch wenn unsere Bilder nicht publiziert werden, machen wir weiter und hoffen, dass sie eines Tages als Beweismaterial für Prozesse aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit genutzt werden können. Einige der Geschichten posten wir auch auf unserer Instagramseite „Everyday Impunity“.

Was sind die Reaktionen auf Eure Arbeit?

In den letzten Jahren hatten wir einige Gruppenausstellungen. In 2017 waren wir zum Warm Festival nach Bosnien eingeladen und später zum Prix Bayeux in Frankreich. Unserer Erfahrung nach ist es einfacher, das Thema außerhalb der Philippinen auszustellen. Erst jetzt haben wir einige kleine Ausstellungen im Land, die größte davon in einer Bar. Es ist schwer, größere Orte zu finden, die unsere Arbeit zeigen wollen, weil die Leute entweder Duterte unterstützen oder Angst vor ihm haben. Im Moment arbeiten wir an einer größeren Ausstellung, die durch das Land reisen soll.

Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Deiner Arbeit!

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