Fotos entlang der Sperranlagen

Das israelische „Activestills“ setzt auf kritische Aufklärung

Die neun Profi-Fotografen, die sich 2005 zum „Activestills“-Kollektiv zusammengeschlossen haben und eng mit Grafikern, Textern, Webdesignern und Dokumentarfilmern aus der Region – darunter auch Palästinenser vom Gaza-Streifen – kooperieren, verstehen sich als kritische Alternative zu den etablierten Medien. Oren Ziv: „Wir dokumentieren Ereignisse in Israel und Palästina, die kaum jemand zeigen will.“ Und das sind sehr viele.

Helikopter der israelischen Airforce kreisen am Himmel über dem Gaza-Streifen. Eine riesige Rauchwolke steigt auf. Nir Landau, Fotograf des Mediennetzwerks „Activestills“, bremst abrupt. Er und sein Kollege Oren Ziv stürzen aus dem Auto und hasten mit ihrem Kamera-Equipment eine Böschung hinauf. Sie „schießen“ lange Fotostrecken von dem schaurigen High-Tech-Kriegsspektakel.
Zehn Minuten später dröhnt in der keine zwei Kilometer entfernten Kleinstadt Sderot die Alarmsirene. Hamas-Kämpfer haben wieder eine Missile auf den Weg gebracht. Landau und Ziv bleibt keine Zeit für die Suche nach einem Luftschutzraum. Sie müssen mit einer Falafel-Imbissbude Vorlieb nehmen. Dort fotografieren sie, reden mit den Leuten. Kaum ist die Sirene verstummt, geht es im Höllentempo zur Einschlagstelle: Ein Wohnhaus – keine 50 Meter von der Grundschule entfernt. Die „Activestills“-Fotografen knipsen, was das Zeug hält: Geschrei. Panik. Eltern, die ihre Kinder flankiert von der Polizei aus dem Schulgebäude führen. Eine Frau kollabiert. Getötet oder verletzt wurde niemand, aber die Verwüstung ist nicht zu übersehen.
„Normalerweise betrachten wir es nicht als unsere zentrale Aufgabe, Live-Kriegsbilder zu liefern“, erzählt Oren Ziv auf der Rückfahrt nach Tel Aviv. „Aber die Ereignisse der vergangenen Wochen gehören nun mal zu unserer Lebensrealität in Israel, daher sind wir nicht nur bei Friedensdemonstrationen, sondern auch überall dort zu finden, wo die Gaza-Militäroffensive wahrnehmbar ist.“
Das Land, dessen Bewohner seit mehr als 60 Jahren nach der Devise „nach dem Krieg ist vor dem Krieg“ leben müssen,, wird Tag für Tag von schweren politischen Konflikten erschüttert: Ob bei den gemeinsamen Protesten von israelischen Friedensaktivisten und örtlichen Palästinenser-Gruppen gegen die fortdauernde Okkupation der Westbank, dem Widerstand der Bewohner von Jaffa gegen Gentrifizierung oder den Gerichtsprozessen gegen Refuseniks (israelische Kriegsdienstverweigerer) – Fotografen von „Activestills“ begleiten das Zeitgeschehen in Israel abseits vom Machtgerangel der Parteien in der Knesset.
„Wir begegneten uns zufällig in den besetzten Gebieten in Bil’in bei den Freitagsdemonstrationen gegen den Zaun“, erinnert sich Keren Manor – mit „Zaun“ meint sie die gigantischen Speeranlagen, die die Westbank vom israelischen Kernland abtrennen sollen, faktisch aber auch eine Annexion von palästinensischen Gebieten bedeuten. Die 31-jährige Fotografin gehört wie Oren Ziv (23) zu den vier Gründungsmitgliedern von „Activestills“. „Wir beschlossen damals gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten.“ Das Ergebnis: Eine Agenda für kritische Aufklärung, die sich über das „Fenster zur Seele“ (Leonardo da Vinci) – das Auge – ihre Bahn bricht. „Dabei arbeiten wir auf zwei Ebenen: Wir halten aktuelle Ereignisse und Aktionen in Bildern fest, die wir nicht nur für unsere eigene Internetseite, sondern auch im Auftrag von Medien und Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty Israel machen“, erklärt Oren Ziv. „Und wir konzipieren Langzeitprojekte.“ Ein Beispiel: „What You Think You See“ – eine Ausstellung von Bildern, die zwischen 2004 und 2007 entlang der Route der Sperranlagen entstanden sind.
Für dieses Projekt setzte „Activestills“ ein noch recht neues Genre der Dokumentation ein, die zum Markenzeichen des Kollektivs geworden ist: Aktivistische Fotografie. Die Netzwerkmitglieder agieren gleichzeitig als Fotografen, Demonstranten und Reporter: Dabei entstehe eine „Mischform aus Fotojournalismus und sozio-politischem Aktivismus, die Farbe bekennt und einen Standpunkt bezieht“, erläutert Ausstellungskurator Gilad Baram.
Die „Activestills“-Fotodokumentaristen „wollen hinter die Dinge schauen, sie von der anderen Seite betrachten und unverfälscht zeigen“, sagt Keren Manor. Das bedeutet in Israel und Palästina nicht selten Lebensgefahr: Immer wieder geraten „Activestills“-Mitglieder ins Visier von Militärs und Polizisten. Kriminalisierungsversuche sind fester Bestandteil des Arbeitsalltags. In Nil’in wurde Keren Manor von einem Hartgummigeschoss der israelischen Grenzpolizei in die Hüfte getroffen. In Hebron, der Hochburg faschistischer Siedler, prügelte ein wütender Mob auf „Activestills“-Leute ein.
Die Straße als Galerie: „Activestills“ hängt seine Fotos im Posterformat an gut beleuchteten Orten in der ganzen Stadt aus (s. Bild). Nicht selten sind Bilder darunter, deren Betrachtung tiefe Bestürzung auslösen. So verbreitete das Kollektiv 2006 ein Foto, auf dem der Rechtsanwalt und Zaun-Gegner Lymor Goldstein blutüberströmt am Boden liegend zu sehen ist, kurz nachdem er in Bil’in von Gummigeschossen in den Kopf getroffen worden war. „Es gibt Momente“, gesteht Oren Ziv, „in denen es mich schmerzt, dass ich das Leiden nur abbilden, aber nicht wirklich helfen kann.“

http://www.activestills.org/

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ÖRR als Public Open Space?

Der Reformstaatsvertrag eröffnet neue Wege für die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation, befindet Jan Christopher Kalbhenn in einer Kurzstudie, die er für die Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. Denn die demokratische Öffentlichkeit, so Kalbhenn, steht angesichts der Machtkonzentration bei digitalen Plattformen vor einer grundlegenden ordnungspolitischen Herausforderung.
mehr »

Spanien droht Musk mit Strafen

Für Elon Musk, Chef der Online-Plattform X ist der spanische Regierungschef ein „Tyrann“ oder ein „Faschist“. Pedro Sanchez will "Tech-Oligarchen" wie Musk persönlich strafrechtlich für Inhalte auf ihren Plattformen und für Manipulationen an Algorithmen verantwortlich machen und ein Social-Media-Verbot für junge Menschen einführen.
mehr »

EU braucht gemeinsame Regeln

Ist das Herkunftslandprinzip der Europäischen Union im Medienbereich heute noch zeitgemäß? Um diese Frage und viele weitere drehte sich die Diskussion auf der alljährlichen Konferenz der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Brüssel. Einfache Antworten gab es nicht.
mehr »

RSF: Pressefreiheit unter hohem Druck

Viele Reporter*innen in Deutschland sehen den Journalismus im Land großen Bedrohungen ausgesetzt. Das zeigt auch die am 3. Februar veröffentlichte Nahaufnahme 2026: RSF-Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland. Vor allem die Delegitimation der journalistischen Arbeit wird befeuert durch politische Akteure, digitale Hetze und neue publizistische Milieus, die mit Zuspitzung und Desinformation immer mehr Reichweite erzielen.
mehr »