Frauen über die Arabellion

Spannende Erkenntnisse über arabische Filmkunst in Köln

In arabischen Ländern qualitativ hochwertige Filme zu finden, die von Frauen produziert worden sind, sei nicht schwieriger als beispielsweise auf dem europäischen Markt. Dass arabische Frauen meist verschleiert in der Ecke herumsitzen würden, sei ein hauptsächlich in Europa kursierendes Klischeebild. Das konstatierte Irit Neidhardt, die den Fokus „Die arabische Welt“ des Internationalen Frauenfilmfestivals in Köln Ende April kuratierte.

Amal Ramsis Foto: ALFilm

Rund 8.000 Zuschauerinnen und Zuschauer zog es ins Kino, unter anderem auch, um sich Filme von Frauen über die Arabellion zu sehen. Zur Diskussion stand, wie es in arabischen Ländern um die Freiheit der Kunst und Presse vor der Revolution und danach bestellt ist. Wie in den vergangenen Jahren hatte es das Festivalteam, unter Leitung von Silke Räbiger, auch diesmal geschafft, gesellschaftspolitisch provokante Debatten zu initiieren und zugleich kulturelle Qualität ins Kino zu bringen. Besonders interessant war in diesem Zusammenhang beispielsweise der Dokumentarfilm „Forbidden“ (Verboten) der Ägypterin Amal Ramsis (Bild). In dem Streifen beklagen sich unter anderem Filmemacherinnen über Zensurbehörden, ständige Polizeipräsenz in den Städten, sowie über Ordnungskräfte, die ihnen unter anderem untersagten, ohne Genehmigung auf den Straßen zu drehen. Unmittelbar nach den Dreharbeiten des Films war plötzlich mit all dem Schluss, denn der 25. Januar war nicht nur letzter Drehtag des Films „Forbidden“, sondern zugleich auch Ausbruch des Massenaufstands, der nur 18 Tage später den Diktator Husni Mubarak zu Fall brachte. Insofern ist Ramsis´ Werk eine Momentaufnahme der letzten Tage unter dem alten Regime vor der Revolution geworden. „Seither haben sich die Gesetze nicht geändert, nur hält sich keiner mehr daran“, sagt Arab Lotfi, eine der Protagonistinnen, die selber Dokumentarfilmerin ist und in Ramsis´ Film ihre Stimme erhebt. Derzeit gebe es keine starke Populär- oder Propagandakunst mehr, dafür viel Raum für freie Kunst. Überall auf den besetzten Plätzen und Straßen in Kairo seien beispielsweise Graffiti und Straßentheater zu sehen. Daraus leitet sie ein allgemeines Gesetz ab: Die Situation sei immer dann günstig für die Kunst, auch für schaffende Frauen, wenn Gewerkschaften und außerparlamentarische Gruppierungen stark sind.
Lotfi muss das wissen, denn sie war in vorderster Front während der Revolte dabei. Gründe dafür habe es jede Menge gegeben, so Lotfi. Seit 1982 hätten die Ägypter unter Notstandsgesetzen leben müssen. Keine Versammlungsfreiheit, die Polizei konnte Wohnungen und Häuser ohne richterlichen Beschluss durchsuchen und ohne Gerichtsverfahren Leute in Haft nehmen. Einen ganz praktischen Grund gab es zudem. Lotfi wohnt im Zentrum von Kairo, um die Ecke vom Innenministerium. Ihr Zuhause wurde schnell zum „Kitchen of the revolution“ (Küche der Revolution). Ständig seien Leute vom Tahir Platz zum Duschen gekommen oder mit Schlafsäcken, um sich auszuruhen. Ihre Wohnung habe einem Militärcamp geähnelt, weil Militärs das Innenministerium mit Stacheldraht großräumig abgezäunt und mit Mauern abgeriegelt hatten. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wer von den Demonstranten neu dazu kam, sagte den Militärs einfach, er wolle Lotfi besuchen. Das habe wie ein „Sesam öffne Dich“ gewirkt, um durch die Absperrung zu kommen.
Lotfi und andere arabische Filmemacherinnen des Festivals sind enttäuscht vom vermeintlich freiheitlichen Europa, auf das sie zunächst Hoffnungen gesetzt hatten, dort „einen wirklich freien Film“ publizieren zu können. Um ein bestimmtes Frauenbild aus arabischen Ländern zu transportieren, sei es beispielsweise bei westlichen TV-Sendern derzeit en vogue, Dokumentationen zu bestellen, in denen Frauen Gewalt angetan werde, kritisiert sie. Al Jazeera hingegen lehne Dokumentationen ab, wenn sie Kritik an den Muslimbrüdern beinhalteten. All dies werde jedoch nicht politisch begründet, formale Ablehnungsgründe würden vorgeschoben. Etwa: „Der dramaturgische Aufbau ist nicht stimmig!“ Durch hohe Vorkosten bei der Produktion würden freie Filmemacherinnen außen vor gehalten, da sie diese nicht stemmen könnten.

Unkonventionelles Frauenbild

Beim Schwerpunkt des Frauenfilmfestivals „Die arabische Welt“ gab es nicht nur Kritik am westlichen Ausland. Vor allem liefen Filme couragierter Regisseurinnen, die mit einem unkonventionellen Frauenbild aufwarteten: Leila Kilanis „Sur la planche“, ein kleiner „Film noir“, macht unaufdringlich, aber nachhaltig plausibel, warum unterbezahlte Arbeiterinnen einer marokkanischen Shrimpsfabrik es schließlich vorziehen, sich mit Diebesgut durchzubringen. Die jordanische Filmemacherin Sandra Madi ließ sich nach der Vorführung ihres Films „Perforated Memory“ (Durchlöcherte Erinnerung) vom Publikum befragen: Wie hat sie es bloß geschafft, ehemalige Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsbewegung PLO dazu zu bewegen, öffentlich an ihrem Heldenethos rütteln zu lassen? Unprätentiös hat sie dokumentiert, wie desillusioniert die von ihrer Führung enttäuschten Veteranen vor sich hin leben. Zumal sie kaum finanzielle Unterstützung erhalten. Das einzige, was sie aufrecht hält, ist ihre Gemeinschaft, wenn sie sich mit ihresgleichen treffen. Dalila Ennadres Filmportrait „I loved so much“ gibt den Blick auf die lebenslustige 75-jährige Fadma frei, die heute noch selbstbewusst zu ihrer Profession als Hure steht. Obendrein thematisiert der Film marokkanische Kolonialgeschichte: Fadma war einst bei der französischen Armee eingestellt, um ihre Landsleute zu motivieren, im Indochinakrieg alles zu geben; wenn notwendig auch ihr Leben.

 

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