Funkstille

Streik: Vier Tage keine Nachrichten in Griechenland

„Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber noch nicht den Krieg“, heißt es reichlich militaristisch auf dem bekanntesten alternativen Journalistenportal Griechenlands, katalipsiesiea.blogspot.com. „Schon allein dass die Arbeitgeber nun über die Unterzeichnung eines Tarifvertrags nachdenken, ist ein Erfolg des Streikdrucks.“ Der Gewerkschaft der Redakteure der Athener Tageszeitungen, ESIEA, wurde bereits ein inoffizielles Angebot des Vorsitzenden des Verbandes der Athener Tageszeitungsverleger, EIHEA, gemacht. „Bevor wir verhandeln, muss aber ein offizielles Angebot auf den Tisch“, erläutert Antonis Davanellos, Generalsekretär der ESIEA im Gespräch mit M.

Seit Monaten stehen Griechenlands Medienarbeiter im härtesten Arbeitskampf seit Jahren. Die meisten Tarifverträge in der Branche sind ausgelaufen, andere wurden von der Unternehmerseite aufgekündigt. Wie auch in Deutschland, wollen die Unternehmer in dem krisengeschüttelten Mittelmeerstaat durchweg die Löhne kürzen und die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Bis zu 20 Prozent weniger will man in Zukunft für mehr Arbeit zahlen. Gleichzeitig wird überall entlassen, einzelne Medien, darunter zwei der fast 20 Tageszeitungen in Athen, haben den Betrieb sogar ganz eingestellt.
Die Betroffenen wehren sich. Wurden in den ersten Monaten des Jahres zunächst jeweils einzelne Verlagshäuser oder Fernsehsender bestreikt, gipfelte der Arbeitskampf im größten Medienstreik, den das Land seit Jahren gesehen hat. Alle 13 Medienarbeitergewerkschaften schlossen sich zu einem Ausstand vom 7. bis zum 11. April zusammen. Volle vier Tage erschien keine Tageszeitung (Foto) und auch keines der etwa ein Dutzend täglicher Sportblätter des Landes. Es gab keine einzige Nachrichtensendung in Rundfunk und Fernsehen. Vor problematischen Unternehmen, wie dem privaten Fernsehsender SKAI, dessen Angestellte bereits Anfang des Jahres unter Androhung von Entlassung zu einem „freiwilligen“ Lohnverzicht um 10 Prozent gezwungen worden waren, sorgten Streikwachen für die Einhaltung der Funkstille. Andernorts, wie beispielsweise beim Konkurrenzsender STAR, konnte sogar auf den Einsatz von Streikposten verzichtet werden. „Hier haben wir eine 100prozentige gewerkschaftliche Organisierung der Techniker“, berichtet Aliki Kirikou von der Gewerkschaft der Fernsehtechniker an den privaten Anstalten, ETITA, stolz.
„Nur eine winzige Minderheit der Lohnabhängigen wird auf Grundlage des Tarifvertrags bezahlt“, hieß es in dem auf den Streikkundgebungen verteilten Flugblatt der Organisatoren. „Die meisten arbeiten als freie Mitarbeiter, viele davon schwarz und nicht versichert und nicht wenige sogar als unbezahlte Praktikanten in der „magischen“ Welt des Journalismus. Die Löhne der meisten bewegen sich zwischen 300 und 700 Euro bei bis zu 12 aufeinanderfolgenden Arbeitstagen und nur 4 freien Tagen im Monat.“ Wichtigste gemeinsame Forderung ist deswegen auch die Unterzeichnung von Tarifverträgen für alle Mitarbeiter. „Mindestlohn auf der Basis von Tarifverträgen, volle Sozialversicherung für alle. Keine Schwarzarbeit, volle Entlohnung für Praktika, zwei freie Tage pro Woche und Überstundenbezahlung für Wochenend- und Feiertagsarbeit“, steht im Flugblatt der „Versammlung der Entlohnten, Unbezahlten, Freien, Schwarzarbeitenden und Studierenden bei den Massenmedien“.
Dem nun vorliegenden inoffiziellen Angebot der Zeitungsverleger zufolge sollen die Löhne über 1200 Euro Brutto im Gegenzug für einen Stopp der Massenentlassungen „nur noch“ um 10 Prozent gesenkt werden. Für Antonis Davanellos ein nicht akzeptables Angebot. Die Argumentation der Unternehmer, dass die Gewinne in der Medienbranche im letzten Jahr um mehr als 20 Prozent gesunken sind, lässt er nicht gelten. „Die können auch woanders einsparen, zum Beispiel bei den horrenden Bezügen, die sie ihren Medienstars zahlen“, meint der Gewerkschaftssekretär, der ESIEA, die etwa 5.000 Redakteure der landesweit erscheinenden Athener Tages- und Sportzeitungen vertritt. „An den Gewinnen zu anderen Zeiten hat man uns auch nicht beteiligt, warum sollen wir jetzt die Verluste tragen?“ Wie alle anderen Gewerkschaften in der Branche fordert die ESIEA einen Stopp der Massenentlassungen und Lohnerhöhungen in der Dimension eines Inflationsausgleichs. Notfalls würde man aber auch eine Nullrunde akzeptieren. „Wichtig ist uns vor allem, dass die rechtlose Situation ohne Tarifvertrag beendet wird“, erläutert Davanellos. Für die Techniker der ETITA dagegen wäre eine Nullrunde nur schwer zu schlucken. „Wir haben bereits letztes Jahr auf jede Lohnerhöhung verzichtet“, meint Aliki Kirikou. „Bei anhaltender Inflation von 5 Prozent im letzten und im laufenden Jahr bedeutet eine weitere Nullrunde eine nicht hinnehmbare Reallohnsenkung.“
Das Einstiegsgehalt für einen Tageszeitungsredakteur liegt in Athen bei 1000 Euro brutto. „Für jeweils drei Jahre Berufserfahrung gibt es eine Erhöhung um einige Prozent“, erklärt Davanellos. Im inoffiziellen Angebot der Athener Tageszeitungsverleger ist von einer 10 Prozentigen Kürzung aller Löhne über 1200 Euro Brutto im Gegenzug für einen garantierten Entlassungsstopp die Rede. Was passiert, wenn das erwartete offizielle Angebot der Verleger vorliegt? „Dann müssen wir darauf eingehen oder neue Streiks beginnen“, meint der Gewerkschaftsekretär der ESIEA. So lange wollten die Techniker der ETITA nicht warten. Sie riefen bereits am 19. April einen neuen 48stündigen Streik mit der Forderung nach Unterzeichnung von Tarifverträgen aus, die „den verlorenen Lohn ausgleichen und würdige Arbeitsbedingungen garantieren“.

 

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