IJF mit neuem Präsidenten

Weltkongress in Moskau gibt Impulse für interkulturellen Dialog

Was zählt, sind die Ergebnisse, und die geben zumindest in einem Punkt Hoffnung: Die Internationale Journalisten-Föderation (IJF) hat auf ihrem Weltkongress eine weitgehend neue Führung gewählt. Jim Boumelha von der britischen NUJ löste den Australier Chris Warren als neuer IJF-Präsident ab. „Senior Vice-Präsident“ ist Osvaldo Urriolabeitia aus Argentinien, Vizepräsidentin Khady Cisse aus dem Senegal und als weiterer Vizepräsident Mjahed Younouss aus Marokko. Der deutsche Kandidat Uli Remmel (DJV) wurde Schatzmeister. Für das erklärte Ziel Boumelhas, die Rolle des Exekutiv-Komitees als politisches Organ zu stärken, wurde durch eine Satzungsänderung eine Weiche gestellt.

Die Umstände des Kongresses konnten kaum schwieriger sein. Denn ein Schwerpunktthema war, natürlich, die mangelnde Pressefreiheit und die Verfolgung bis hin zur Ermordung von Journalisten/Journalistinnen in Russland – die Behörden sahen deshalb den Kongress nicht gern im Land. Manche Delegierte hatten Visa-Probleme, die Russische Journalisten-Union bekam kurz vor Beginn des Kongresses die Kündigung ihres Büros zugesandt. Kein aktiver Politiker traute sich, die internationale Journalistengemeinde in Russland zu begrüßen. Auf eine geplante Demonstration für Pressefreiheit in Russland wurde aus Sicherheitsgründen für die Teilnehmer kurzfristig verzichtet.
Den Problemen der Sicherheit von Journalisten/innen in Ausübung ihres Berufes war überhaupt breiter Raum eingeräumt. Vieles bekommt die Öffentlichkeit in Deutschland nicht mit, wie beispielsweise die Morde an Journalisten in Sri Lanka abseits der Touristenstrände. In den ausländischen Medien findet das nicht statt.
Trotz vieler Unterschiede im Detail verschlechtern sich weltweit die Rahmenbedingungen. Ein Leitantrag beider deutscher Journalistenorganisationen zielte deshalb unter anderem darauf ab, über Grenzen hinweg Betriebsratsarbeit aufzubauen. Durch den Antrag wurde auch erstmals berufliche Ausbildung als Voraussetzung für Qualität im Journalismus im IJF-Arbeitsprogramm fest geschrieben.

Satzungsänderung gescheitert

Konsens bestand auf dem Kongress in Moskau darüber, dass inzwischen weniger die Technik als die Neuordnung von Besitzverhältnissen Jobs in den Redaktionen gefährden. Medienhäuser sind längst international im Blick von Investoren, die daraus nur Profit zu ziehen trachten. Medieninhalte verkommen zur Ware. Und neue Phänomene bringen neue Herausforderungen. „Bürgerjournalismus“ etwa mag in manchen Ländern Afrikas Sinn machen, in Europa wird er zu einer Variante von Outsourcing – Fotos von Handy-Kameras sind billiger als Arbeitsplätze von Fotografen und niemand kümmert sich um das Urheberrecht.
Leider konnten die deutschen Vertreter eine dringend gebotene Satzungsänderung für die IJF-Arbeit nicht durchsetzen. Auch die Umstände waren diesbezüglich mehr als fragwürdig. Der DJV hatte ordnungsgemäß einen Antrag zu einer Satzungsänderung eingebracht, um die Staffelung der (an die Mitgliedermeldungen gekoppelten) Stimmenzahl beim Kongress zu ändern. Darin wurde vom alten Satzungsparagraphen einfach der Zusatz, dass sich die Stimmenzahl auf eine Nation bezieht, gestrichen. Es sollte damit das alte Problem behoben werden: Obwohl dju und DVJ die größten Beitragszahler sind, hatten sie aber, weil sie zu einer Nation gehören, zusammen nur die Maximalzahl von 8 Stimmen ebenso wie zum Beispiel Kamerun und Uruguay zusammen.
Das Exekutiv-Komittee als zugleich Antragskommission hatte bereits einen Modifizierzungsvorschlag eingebracht und empfahl ansonsten die Annahme des Antrages. Der DJV übernahm die Modifizierung und die Delegierten stimmten mit der nötigen Zweidrittel-Mehrheit ab. Nunmehr hätten DJV und dju ab 2010 gerechterweise jeweils zehn Stimmen gehabt.
Jedoch am nächsten Tag, nachdem der verabschiedeten Tagesordnung zufolge längst die Anträge zur Satzung abgeschlossen waren, rief das Präsidium plötzlich die Wiederaufnahme und Neuabstimmung von besagtem DJV-Satzungsantrag auf. Formale Einwände, dass dies weder nach der Tagesordnung noch der Satzung zulässig sei, fanden kein Gehör. Präsidium, Mitglieder vom Exekutivkomitee und Delegierte entschuldigten sich, den Antrag nicht richtig gelesen zu haben. Deutsche, Schweizer und Österreicher standen in der Diskussion allein. Vor allem die Skandinavier und die Italiener sagten klar: Das ginge doch nicht, sie hätten dann ja vergleichsweise weniger Gewicht. Es gab eine neue Abstimmung, und mit 173 : 29 Stimmen war alles wieder wie zuvor.
Der Kongress gab neue Impulse für einen interkulturellen Dialog, bei dem die Medien zwangsläufig eine Schlüsselrolle spielen. Dieser Dialog zielt auf Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit, wie es im Untertitel des Programmpunktes hieß. Aber Verleger bezahlen Journalisten/innen lieber für schlechte Nachrichten – Meldungen über explodierende Autobomben bringen mehr Profit als Beschreibungen von Toleranz. Dieses Spiel der Verleger bei der Alltagsarbeit im Kopf zu behalten, war ein Appell von der dju an die Delegierten.

wm 
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