Journalistinnen attackiert

Frauen sind in den Medien Afghanistans unerwünscht

Für Journalistinnen in Afghanistan nehmen die Probleme zu. Offenbar gibt es mehrere Gruppen im Land, die es nicht ertragen, wenn Frauen recherchieren oder vor der Kamera stehen.

Es klingelte an der Haustür. Als die 22-jährige Nachrichtenmoderatorin Niloufar Habibi am 15. Mai dieses Jahres die Tür öffnete, stand ihr eine ihr unbekannte Frau gegenüber. Plötzlich zückte diese ein Messer und stach mehrfach auf die Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Senders „Herat TV“ ein. Habibi musste ins Krankenhaus. Erst drei Tage später wurde sie entlassen. „Seitdem werde ich auf Schritt und Tritt von Fremden verfolgt. Ich habe viele Male meine Unterkunft gewechselt. Aber ich weigere mich, den Drohungen nachzugeben“, sagt Habibi. Sie wandte sich an die Behörden, doch Polizeischutz wurde ihr nicht gewährt. Anfang Juni schließlich beugte sie sich aus Angst um ihr Leben: Sie ging ins Exil nach Katar, wo sie an einem Schutzprogramm im „Zentrum für Pressefreiheit“ in Doha teilnimmt.
Niloufar Habibi war auch vor dem Überfall in ihrem Haus schon einmal attackiert worden. Dabei wurde ihr unmissverständlich klar gemacht, dass afghanische Frauen nicht in die Medien gehörten: „Wenn du nicht kündigst, ist das nächste Mal dein Ende.“ Anfang Mai bedrohten Unbekannte alle Angestellten der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender in Afghanistan. Wenige Tage später kündigten 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Angst um ihre Sicherheit.
„Wir sind sehr besorgt über die steigende Zahl von Angriffen und Drohungen gegen Journalistinnen in Afghanistan“, sagt Katrin Evers von den „Reportern ohne Grenzen“, die das Schicksal von Niloufar Habibi publik gemacht haben. „Es muss dringend etwas unternommen werden, um diese Gewalt zu stoppen. Die afghanische Regierung muss sicherstellen, dass die Täter nicht ungestraft davon kommen.“ Die Angreifer werden bei den Taliban, aber auch unter Warlords und lokalen Politikern vermutet. Sie alle eint ein Ziel: „Sie wollen die Frauen aus der afghanischen Gesellschaft verdrängen“, so Evers.
Zu den Journalistinnen, die ihren Wohnort verlassen mussten, gehört auch Khadijeh Ahadi, die stellvertretende Chefredakteurin von „Radio Faryad“ und Moderatorin einer beliebten Sendung, in der Zuhörer sich mit ihren Alltagsproblemen an Politiker wenden können. Nachdem sie mehrere Drohanrufe erhalten hatte, wurde ihr Haus am 6. und 11. April mit Handgranaten beworfen. Ahadi blieb unverletzt, aber ihr Haus wurde stark beschädigt. Anderen Journalistinnen wurde damit gedroht, dass Mitglieder ihrer Familie entführt würden, sollten sie ihre Arbeit nicht aufgeben.
„Seit Monaten kommt es vor allem in der Provinz Herat zu Angriffen auf Medien und Journalistinnen“, bestätigt Rahimullah Samandar, Vorsitzender der „Unabhängigen Afghanischen Journalistenvereinigung“ (AIJA). „Die Täter wollen offenbar, dass bestimmte Fernsehprogramme nicht mehr ausgestrahlt werden oder dass Frauen nicht mehr an ihnen mitwirken.“
All das zeigt nicht nur, wie schwer es besonders Frauen haben, sich in der jungen Medienwelt Afghanistans festzusetzen. Es macht auch deutlich, wie mühsam und gefährlich der Aufbau von freien Medien in dem seit Jahren von Kämpfen und Unfreiheit geplagten Land ist. Gerade von den Fernsehprogrammen in der Provinz Herat profitieren nicht nur die Afghanen. Auch im benachbarten Iran werden deshalb die Programme misstrauisch beäugt – dort befürchtet man, dass der Wunsch nach freier Berichterstattung über die Grenzen schwappen könnte.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Präzedenzfall für die Pressefreiheit

Der britische High Court wird diese Woche über den letztmöglichen Berufungsantrag des WikiLeaks-Gründers gegen seine Auslieferung an die USA entscheiden. Reporter ohne Grenzen (RSF) wird die Anhörung vor Ort im Gericht beobachten und wiederholt den dringenden Appell an die US-Regierung, das Verfahren gegen Assange einzustellen, damit er umgehend freikommt. Wir sprachen mit Ilja Braun von RSF über die Hintergründe des Verfahrens und die Chancen für eine Berufung.
mehr »

Kritik am Digitale-Dienste-Gesetz

Sie erhalten digital eine Morddrohung, ihr Facebook-Post wurde gelöscht oder sie haben plötzlich keinen Zugang mehr zum Account: Für viele regimekritische Exil-Journalist*innen auch in Deutschland gehört das zum Arbeitsalltag. Ein geplantes Gesetz soll ihnen nun helfen, sich effektiver dagegen zu wehren. Reporter ohne Grenzen (RSF)  macht in einer  Stellungnahme deutlich, wo die Rechte von Medienschaffenden noch gestärkt werden müssen. So fordert die Organisation etwa, die Datenweitergabe von Plattformen an das Bundeskriminalamt einzuschränken.
mehr »

Öffentliches Interesse kann Leben retten

Für ihre Arbeit als belarusische Journalistin wurde Iryna Khalip vom Lukashenko-Regime ins Gefängnis gesteckt. Sie wurde für „Mut im Journalismus“ ausgezeichnet. Seit 2020 ist Khalip im Exil und schreibt weiter unter anderem für die „Novaya Gazeta Europa". Derzeit ist sie mit ihrem Mann Andrei Sannikov, dem Exildiplomaten, im Dokumentarfilm „This Kind of Hope“ in Berlin zu sehen.
mehr »

Medien im Exil: Von Moskau nach Riga

Mehr als 30 Jahre lang hatte Radio Free Europe/Radio Liberty ein Büro in Moskau. Der US-Auslandssender kam 1991 auf Einladung des damaligen Präsidenten Boris Jelzin nach Russland. Doch spätestens mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist die Arbeit der Journalist*innen dort unmöglich geworden. Vor einem Jahr ist die Redaktion nach Lettland umgezogen. Nun berichtet sie aus dem Exil und ist überzeugt: Vor allem in unsicheren Zeiten hat sie die Aufmerksamkeit der Menschen in Russland. Ein Besuch in Riga.
mehr »