Offenheit geopfert

Memorandum wegen übertriebenem Sicherheitsbedürfnis

Amerikas Informationsfreiheitsgesetz, der Freedom of Information Act (FOIA) von 1966, gilt international als eines der progressivsten und umfangreichsten Gesetzeswerke, das der Öffentlichkeit das Recht garantiert, Einsicht in die Machenschaften der Regierung zu erhalten. Doch die lange praktizierte Offenheit läuft Gefahr, dem überbordenen Bedürfnis für nationale Sicherheit zum Opfer zu fallen.

FOIA „umfasst über 100 Bundesbehörden und deckt mehr als 90 Prozent aller Regierungs-Dokumente ab“, sagt Jeremy Lewis, Professor für Internationale Politik am Huntingdon College in Alabama. „Infolgedessen erhält die Regierung in den USA weitaus mehr Anträge, Dokumente einsehen zu lassen, als in jedem anderen Land“. Seit dem 11. September 2001 hat die Bush-Administration jedoch eine Reihe von Regeln erlassen, die diese Möglichkeit der Akteneinsicht stark einschränken. So verfügte etwa ein Memorandum des früheren Justizministers John Ashcroft vom Oktober 2001, dass jede Entscheidung des Justizministeriums, öffentliche Dokumente zurückzuhalten, rechtlich verteidigt würde solange es „eine fundierte gesetzliche Grundlage“ dafür gebe. „Das heisst im Klartext; wenn ihr einen Grund finden könnt, Informationen zurückzuhalten, dann tut es“, meint Peter Weitzel von der Coalition of Journalists for Open Government in Washington. Die Initiative sei schon vor dem 11. September in Vorbereitung gewesen.

Ein weiteres Memorandum aus dem Weissen Haus vom Folgejahr drängt darüber hinaus alle Behörden „sensible“ Dokumente zur Geheimsache zu erklären – eine Praxis die im Jahr 2003 zu einem Zuwachs geheimer Dokumente um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr führte. Selbst das Haushaltsbudget des CIA für 2002 wurde laut Gerichtsentscheid als „dem FOIA nicht unterliegend“ erklärt. Eine Reihe weiterer Massnahmen führte zu einer „systematischen Einschränkung der Offenlegung von Regierungsdokumenten“ durch die Regierung Bush “ während die Möglichkeiten, im Geheimen zu operieren, ausgedehnt werden“, fasst ein Bericht des demokratischen Kongressabgeordneten Heny Waxman zusammen. Ein früherer Berater des Weissen Hauses, John Dean, nennt das derzeitige politische Klima in Sachen Geheimniskrämerei gar „schlimmer als bei Watergate“.

Hohe Gebühren verlangt

Der Geheimhaltungsbedarf endet nicht bei der Politik: Weil auch kommerzielle Unternehmen wie chemische oder Atomanlagen in den Bereich nationale Sicherheit eingeschlossen werden, wird ihnen die Möglichkeit gegeben, sensible Informationen – genannt „critical infrastructure information“ – zurückzuhalten. Theoretisch bedeutet dies jedoch, dass Umweltverschmutzer gewisse Risiken für die Öffentlichkeit verschleiern können. „Wir sind besorgt, dass diese Regeln als Ausflucht benutzt werden, um Risiken für die Umwelt zu verheimlichen“, sagt Peter Weitzel.

Als besonders perfide empfinden Bürgerrechtsgruppen eine neue Praxis der Behörden, die Bearbeitungskosten für solche Akteneinsichten dramatisch zu erhöhen. So verlangte das Justizministerium von der linken Lobbyorganisation „People for the American Way“ (PFAW) vor zwei Jahren eine Bearbeitungsgebühr von 373.000 Dollar – zahlbar im Voraus – für einen Antrag auf Akteneinsicht bezüglich der Gefangenhaltung jener Immigranten, die seit den Monaten nach dem 11. September 2001 ohne rechtlichen Schutz in Guantanamo einsitzen. Die PFAW hat dagegen eine Klage eingereicht, doch sieht sich die Organisation nun mit einer weiteren Strategie der Behörden konfrontiert: dem Hinauszögern von Entscheidungen. Journalisten etwa, die vor einigen Jahren einen FOIA-Antrag stellten, konnten mit einem Ergebnis in wenigen Tagen rechnen. Heute werden solche Anfragen mitunter bis zu einem Jahr hinausgezögert. Der am längsten anhängige Fall liegt seit 1987 vor: eine Anfrage des San Francisco Chronicle in FBI-Unterlagen, die über gewisse Aktivitäten der Universität von Kalifornien Ausschluss geben sollten.

Doch die Behörden spüren allmählich Gegenwind. So reichte die American Civil Liberties Union (ACLU) vor zwei Jahren eine Klage gegen das CIA ein, und forderte die Behörde auf, gemäss FOIA gewisse Dokumente offenzulegen, die die Misshandlung von Gefangenen in Afghanistan, Irak und Guantanamo betreffen. Anfang Februar urteilte ein Gericht in Manhattan, dass das CIA die Papiere offen zu legen habe.

Ein ermutigendes Zeichen für die FOIA-Verfechter ist ausserdem, dass sich auch einige konservative Politiker auf ihre Seite schlagen. So hat nun der republikanische Kongressabgeordnete John Cornyn aus Texas, gemeinsam mit dem Demokraten Patrick Leahy eine FOIA- Reforminitiative eingereicht, nach der die Bearbeitungszeit der Anträge verkürzt werden soll. Darüber hinaus soll der Posten eines Ombudsmannes geschaffen werden, der die Prozeduren überwachen und Konflikte schlichten soll. Der Gesetzesvorschlag wird nicht nur von der ACLU und PFAW unterstützt, sondern auch von Vertretern konservativer Organisationen wie der Heritage Foundation und der Free Congress Foundation. „Dies ist keineswegs mehr ein liberales Anliegen als ein konservatives“, kommentierte Cornyn. „Ich glaube, dass die Leute ein Recht auf Information haben, so dass sie intelligente Entscheidungen treffen können“. Ob dies Einfluss auf das gegenwärtige Klima haben wird, ist freilich fraglich. „Es wird schwierig werden, das Statut zu verabschieden, weil der Kongress derzeit so gespalten ist“, urteilt Politikprofessor Jeremy Lewis. „Viele Legislatoren sind so konservativ, dass Mehrparteieninitiativen gar nicht erst funktionieren“.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Spanien: Strafe für Berichterstattung?

Die spanische Datenschutzbehörde will Zeitungen bestrafen, weil sie illegal in soziale Bewegungen eingeschleuste Polizisten enttarnt oder darüber berichtet hatten. Bislang sind Gerichte nicht tätig. Die Vorgänge drohen zu einem Präzedenzfall zu werden, warnen die betroffenen Medien und Menschenrechtsorganisationen.
mehr »

AI Act legt KI-Kennzeichnung fest

Petra Schwegler fasst für die Webseite der Medientage München die seit dem 2. August 2026 geltenden Bestimmungen zur KI-Kennzeichnung zusammen. Der AI Act gilt: Wer KI-generierte oder -manipulierte Inhalte veröffentlicht, muss das kennzeichnen. Die Regel gilt für Chatbots, für Deepfakes, für Werbespots, für alles künstlich Generierte.
mehr »

Journalist weiter in syrischer Haft

Zivilgesellschaftliche Gruppen rufen dazu auf, sich weiter für die Freilassung des kurdischen Journalisten Ahmet Polad einzusetzen. Er war im Januar gemeinsam mit seiner deutschen Kollegin Eva Maria Michelmann  in der nordsyrischen Stadt Raqqa verschwunden. Seit dem 19. Juni 2026 ist Michelmann wieder in Köln. Polad ist weiter in Haft.
mehr »

US-Regierung schränkt Journalistenvisa ein

Die US- Regierung hat vor, die Gültigkeitsdauer von Visa für ausländische Journalist*innen in den USA von mehreren Jahren auf 240 Tage zu verkürzen. Für chinesische Journalist*innen soll die Gültigkeit auf  90 Tage  beschränkt werden. Der Europäische Journalistenverband (EFJ) verurteilt diese drastische Einschränkung aufs Schärfste.
mehr »