Radio(s) für Millionen

Weltweiter Radiodienst via Satellit

Mit einer Milliarde Dollar Risikokapital unbekannter Herkunft im Rücken startet die amerikanische WorldSpace Corporation im nächsten Jahr eines der gigantischsten Medienprojekte, die es je auf der Welt gab – mit noch unüberschaubaren medien- und kulturpolitischen Konsequenzen. 4,6 Milliarden Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel sollen mit Hilfe von Satellitenübertragung Dutzende von Rundfunksendern empfangen.

Grundlage dafür sind neue technische Standards von Digital Audio Broadcasting (DAB), die im Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelt wurden. Die Geräteindustrie erwartet ein Zig-Milliarden-Geschäft.

„Mit dem 1990 gegründeten Unternehmen WorldSpace verwirklicht Unternehmensgründer Noah A. Samara, gebürtiger Afrikaner, einen Traum: Mit dem weltweiten Radiodienst via Satellit will er dazu beitragen, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu verringern“, heißt es offiziell bei WoldSpace. Bildung und Aufklärung sollen bis in die letzten Winkel der Welt vermittelt werden. Doch auch das gehört mittelfristig zum Szenarium: Nomaden im Sahel, Amazonasfischer und Kautschuksammler in Malaysia werden im gleichen Moment berieselt mit Mozart oder Blues, und im nächsten Moment konfrontiert mit Werbung vielleicht von Jil Sander oder letzten Kursdaten des Informationsdienstes Bloomberg vom Dow Jones.

Die Voraussetzung für den Empfang liefern drei Satelliten, die Ariane-Raketen vom europäischen Raumfahrtzentrum in Französisch-Guyana aus ins All transportieren werden. Der erste, AfriStar, soll im Oktober in seine Umlaufbahn gebracht werden, und die 970 Millionen Bewohner Afrikas versorgen. AsiaStar und AmeriStar folgen laut Planung im Januar und Juni 1999. Jeder Satellit bietet Kanäle im L-Band für rund 80 digitale Hörfunkprogramme.

17 neue, weltweite Programme will WorldSpace selbst produzieren. Die Studios dafür sind in Washington im Bau. Die Sender werden spezialisiert sein auf klassische europäische Musik, Jazz, Rock oder Blues. Ein Kinderprogramm ist ebenso wie ein Nachrichtensender und „World Entertainment“ vorgesehen. Das Geschäft von WorldSpace sind die Werbeminuten in diesen Programmen – und die Einnahmen aus der Vermietung der übrig bleibenden Kanäle.

„Voice of America“ und Radio Nederland haben schon fest gebucht, mit der Deutschen Welle laufen Gespräche. „Letters of intent“ gibt es von nationalen Rundfunksendern rund um den Globus. Afrikaweit werden beispielsweise der türkische Rundfunk ebenso wie Sender aus dem Senegal und Zimbabwe zu hören sein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die UNESCO dürfen Kanäle kostenlos nutzen. Eine eigene WorldSpace-Stiftung plant unter anderem einen „African Peace Service“, finanziert aus Mitteln anderer amerikanischer Stiftungen ebenso wie von der EU.

Für die Technik der Geräte sowie Lizenzverträge für deren Fertigung und Vertrieb ist das deutsche WorldSpace-Büro in Erlangen verantwortlich. Die Vorgabe aus der Zentrale in Washington lautet: Acht Millionen tragbare Empfangsgeräte müssen bis zum Jahr 2001 verteilt worden sein – verkauft oder von Spendern verteilt. Danach wird mit 15 bis 20 Millionen verteilten Geräten pro Jahr gerechnet, zum Preis von unter 100 Dollar. Sie sind batterie- oder solarbetrieben, und einige Modelle werden samt integrierter Satellitenantenne nicht viel größer als eine Zigarrettenschachtel sein. Protoypen haben die japanischen Konzerne Hitachi, Victor (JVC), Matsushita (Panasonic) und Sanyo, die aus Erlangen die Lizenz bekamen, schon in der Schublade. Die Selbstdarstellung von WorldSpace ist im Internet zu finden unter www.worldspace. com.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Als deutsche Reporterin im Iran

Die ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa ist zuständig für die Berichterstattung aus der Türkei, dem Iran und Afghanistan. Sie ist eine der wenigen westlichen Journalisten, die im Iran vor Ort ist. Mit M sprach sie über die Proteste im Iran und wie sie darüber berichtet.
mehr »

Spanien droht Musk mit Strafen

Für Elon Musk, Chef der Online-Plattform X ist der spanische Regierungschef ein „Tyrann“ oder ein „Faschist“. Pedro Sanchez will "Tech-Oligarchen" wie Musk persönlich strafrechtlich für Inhalte auf ihren Plattformen und für Manipulationen an Algorithmen verantwortlich machen und ein Social-Media-Verbot für junge Menschen einführen.
mehr »

EU braucht gemeinsame Regeln

Ist das Herkunftslandprinzip der Europäischen Union im Medienbereich heute noch zeitgemäß? Um diese Frage und viele weitere drehte sich die Diskussion auf der alljährlichen Konferenz der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Brüssel. Einfache Antworten gab es nicht.
mehr »

Meta ignoriert Transparenzvorgaben

Leicht wahrnehmbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar: So müssen etwa Social-Media-Plattformen offenlegen, nach welchen Kriterien sie Inhalte auswählen, anzeigen und sortieren. Auch der Einsatz von Algorithmen muss verständlich erklärt werden. Das schreibt der Medienstaatsvertrag vor. Weil Facebook sich nicht daran hielt, griff die Medienaufsicht ein. Doch gegen die Beanstandung klagt der Meta-Konzern. Vor Gericht geht es um grundsätzliche Rechtsfragen.
mehr »