Sorge um Europa

„Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht Rangliste der Pressefreiheit

Europa könnte seine langjährige Vorbildfunktion verlieren. Zu dieser Einschätzung kommt die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) bei der Erstellung ihrer neuen Rangliste zur Lage der Pressefreiheit in der Welt.


Auf den ersten Blick sieht die Lage in Europa vergleichsweise rosig aus: Die Liste der Länder, in denen es um die Pressefreiheit weltweit am besten bestellt ist, wird weiterhin von den Europäern dominiert. Allen voran von Dänemark, Finnland, Irland, Norwegen und Schweden, die gemeinsam den Index anführen. Erst auf Platz 13 findet sich mit Neuseeland der erste nicht-europäische Staat. Australien, Japan, Kanada und die USA schaffen es ebenfalls noch unter die ersten 20. Beste afrikanische Staaten sind Ghana auf Platz 27 und Mali als 30.
Dennoch ist Jean-François Julliard in Sorge: „Es ist beunruhigend festzustellen, dass demokratische Staaten wie Frankreich, Italien oder die Slowakei jedes Jahr weitere Plätze in der Rangliste verlieren“, sagte der ROG-Generalsekretär bei der Vorstellung der Liste in Paris. „Europa sollte eine Vorreiterrolle bei der Gewährung von bürgerlichen Freiheiten spielen. Wie kann man Verstöße gegen die Pressefreiheit in der Welt verurteilen, ohne sich auf dem eigenen Territorium vorbildlich zu verhalten“, fragte er.
In Frankreich kritisiert ROG vor allem Ermittlungen gegen Journalisten sowie Durchsuchungen von Redaktionen. Auch die Einmischung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy in die Berichterstattung gab Minuspunkte. Das Ergebnis: Nur noch Platz 43. In Italien sorgt vor allem Ministerpräsident Silvio Berlusconi für das schlechte Abschneiden: Die ständige Einmischung in Presse-Angelegenheiten sowie das eigene Medien-Imperium und neue Gesetze hatten ebenso Einfluss auf die Platzierung (49.) wie gewaltsame Übergriffe der Mafia gegen Medienschaffende. Die Slowakei fiel wegen zunehmender Zensur gleich um 37 Plätze auf Platz 44. Schlechtester EU-Staat ist Bulgarien: Neben dem Druck von Politik und Wirtschaft auf die Medien beklagt ROG vor allem die Gewalt der Organisierten Kriminalität.
Außerhalb der EU sieht es teilweise noch schlimmer aus: Die Türkei (122.) hat ihre Reformbemühungen nahezu eingestellt und arbeitet weiterhin mit Willkürparagrafen, die beispielsweise die „Verunglimpfung des Türkentums“ unter Strafe stellen. Im dritten Jahr nach der Ermordung von Anna Politkowskaja müssen in Russland (153.) Kreml-kritische Journalisten weiter um ihr Leben fürchten. Verbessert hat sich die Lage in Georgien nach dem Ende des Kaukasus-Krieges und auch in Weißrussland. Um zwei Plätze auf Rang 18 kletterte Deutschland. Grund zur Kritik gaben jedoch das BKA-Gesetz mit der Erlaubnis für Online-Durchsuchungen von Computern sowie Tendenzen zur Pressekonzentration.
Den Index ermittelt ROG jährlich mit einem Fragebogen zu 42 verschiedenen Punkten. Themen sind alle Arten der Verletzung von Medienfreiheit – von Übergriffen auf Journalisten, über Zensur bis hin zu wirtschaftlichem und politischem Druck. Am Ende der Liste findet sich auch 2009 Eritrea wieder. In dem afrikanischen Land gibt es ausschließlich staatlich kontrollierte Medien; alle kritischen Journalisten sind inhaftiert oder ins Exil gegangen. Nur wenig besser ist die Lage in Nordkorea und Turkmenistan.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Aktionstag für digitale Souveränität

Persönliche Daten sind eine Ware – und wir liefern sie freiwillig an große Technologiekonzerne. Doch was wäre, wenn es auch anders ginge? Eine neue Initiative ruft zum Digitalen Unabhängigkeitstag auf und wirbt für einen Ausstieg aus der digitalen Abhängigkeit.
mehr »

Big Tech verändert TV und Streaming

Bei den Video-Streaming-Plattformen verteidigte YouTube im Jahr 2025 erfolgreich seine Führungsposition und erreicht 72 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren. Die öffentlich-rechtlichen Streaming-Netzwerke von ARD, ZDF, Arte und 3sat kommen auf über 60 Prozent, dicht gefolgt von Netflix und Amazon Prime Video. Doch auch die Sender des ÖRR nutzen YouTube als Ausspielweg ihrer Inhalte. 
mehr »

Guatemala: Eine ernüchternde Bilanz

Knapp zwei Jahre ist Guatemalas Präsident Bernardo Arévalo im Amt und erklärtes Ziel seiner Regierung ist es einen Schutzmechanismus für Journalist*innen einzuführen. Doch das innovative Projekt kommt nicht vom Fleck, moniert die Medienanalystin Silvia Trujillo gemeinsam mit zahlreichen bekannten Berichterstatter*innen. Dafür machen sie nicht nur den omnipräsenten „Pakt der Korrupten“ verantwortlich, sondern auch das Zögern der Regierung. Die verharre im Stand-By.
mehr »

Europas Machtprobe mit den Plattformen

Wegen mangelnder Transparenz bei Werbung und Nutzerkonten hat die EU-Kommission eine Strafe in Höhe von 120 Millionen Euro gegen den Onlinedienst X verhängt. Mit dem Digital Services Act (DSA) will die EU das Netz demokratisch kontrollieren. Doch Verfahren gegen X, TikTok und Meta zeigen, wie schnell die angestrebte Regulierung zur politischen Auseinandersetzung wird.
mehr »