Spanischer Rundfunk: Protest gegen Gängelung

Versamlung bei RTVE in der Nachrichtenredaktion im Studio Torrespaña in Madrid. Sie beschließen weitere Protestaktionen unter anderem den Schwarzen Freitag.
Foto: Óscar González, Journalist bei RTVE

Ein Hashtag sorgt für Schlagzeilen. #AsíSeManipula (So manipuliert man) hieß die Kampagne, die über das 1. Mai-Wochenende in Spanien den Kurznachrichtendienst Twitter bestimmte. Gerufen hatten die Journalistinnen des öffentlichen Rundfunks RTVE. „Wir wollen die Praktiken anklagen, die Qualität und Unabhängigkeit der Information ersticken“, heißt es in dem Aufruf der @MujeresRTVE (Frauen RTVE). Der lose Zusammenschluss der Frauen im Rundfunk entstand im Vorfeld des erfolgreichen feministischen Generalstreiks am 8. März in Spanien gegen die Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz.

Unter #AsíSeManipula berichteten Dutzende von Journalistinnen ganz offen von ihren Erfahrungen im traurigen Alltag einer durch die konservative Regierung gegängelten Redaktion. Sie beklagten sich über das Verbot, den konservativen Ministerpräsidenten zusammen mit Politikern aus seiner Partido Popular (PP) zu zeigen, gegen die mittlerweile wegen Korruption ermittelt wird. Redakteur_innen wird vorgegeben, welche Zitate und Bilder sie zu verwenden haben. Als Rajoy im Verfahren um illegale Parteifinanzierung vor Gericht als Zeuge aussagte, wurde den Journalist_innen von der Programmleitung die Argumentationshilfe aus der PP-Parteizentrale überreicht. Erklärungen katalanischer Politiker, die die Unabhängigkeit befürworten, wurden falsch übersetzt. Eine offizielle Rede des mittlerweile abgesetzten und geflohenen katalanischen Regierungschefs Carles Puigdemont wurde im Informe Semanal – dem spanischen Weltspiegel – mit der Musik des Films „Der Exorzist“ unterlegt. Stücke über die Situation in Katalonien werden oft in Madrid, gegen das, was der Redakteur vor Ort für richtig hält, erstellt. Und am 8. März wurden ausgerechnet Sprecherinnen zum Notdienst verpflichtet, während bei allen anderen Sendern nur Männer zu sehen waren.

„Als wir mit der Kampagne begannen, hatten wir 700 Followers bei Twitter. Jetzt sind es über 20.000″, sagt Almudena Ariza, Korrespondentin in New York und eine der Sprecherinnen von @MujeresRTVE. Manipulation gibt es auch im Kleinen. So etwa „der Befehl, Bilder von Kindern in einer Suppenküche für Arme herauszuschneiden, da es so etwas in Spanien nicht gebe“, oder wenn die rotgekleidete Nationalmannschaft „nicht ‚die Rote‘ genannt werden darf“, heißt es auf Twitter.

„Natürlich weigern sich immer wieder Journalisten, die entsprechenden Vorgaben zu erfüllen“, sagt Lara Prieto, Wirtschaftsredakteurin und stellvertretende Vorsitzende des Redaktionsrates in der Nachrichtenredaktion (CdI). Doch habe die Direktion, die eingesetzt wurde, als Rajoys PP im Parlament über die absolute Mehrheit verfügte, einfach Journalist_innen unter Vertrag genommen, die das dann erledigen. Normale Redakteure durchlaufen eine schwierige Aufnahmeprüfung und haben danach einen fast Beamtenähnlichen Status.

„Eigentlich dürfte die derzeitige Direktion gar nicht mehr im Amt sein“, sagt Prieto. Denn nachdem Rajoy bei den Wahlen 2016 die absolute Mehrheit verlor, beschloss das Parlament einstimmig ein neues Reglement für die Wahl der Führungsetage bei RTVE. Jetzt muss eine öffentliche Ausschreibung stattfinden, bei der sich Kandidat_innen einem Projekt vorstellen. Seit Monaten blockiert die PP im Parlament die Umsetzung. Dies hat eine neue Protestform zu Folge, den „Schwarzen Freitag“. „Solange die Direktion nicht ausgetauscht wird, werden wir jeden Freitag in Schwarz gekleidet auf dem Bildschirm erscheinen“, erklärt Prieto.

Schwarzer Freitag: Mitarbeiter_innen von RTVE protestieren gegen die Bevormundung des Rundfunks und die Politik der Regierung, die eine Erneuerung der RTVE-Direktion verhindert.
Foto: @MujeresRTVE

„Egal ob Sozialisten oder Konservative, immer wieder versuchte die Regierung in die Berichterstattung einzugreifen“, erinnert sich Paco Audije. Der 64-Jährige ist Mitglied im Exekutivkomitee des Dachverbandes der Journalistengewerkschaften, der Internationalen Journalisten Föderation (IJF). Bis zu seiner Frühverrentung 2008 gehörte er zum harten Kern der Auslandsredaktion bei TVE. Er war Korrespondent in Paris, berichtete aus dem Bürgerkrieg in Algerien und vom Balkankonflikt. „Wir sollten nicht vergessen, dass RTVE unter der Franco-Diktatur gegründet wurde“, erklärt er die fehlende Distanz zur Politik. Das, was jetzt geschehe, sei allerdings mit das „Schlimmste in Sachen fehlender Presseethik seit Ende der Diktatur“.

Audije erinnert sich an Zeiten, als es noch keine Strukturen innerhalb der Redaktion gab, um die Proteste zu artikulieren. Ab 1982 gab es mehrere Versuche einen Redaktionsrat ins Leben zu rufen. 1996 bis 2006 gab es ein „Komitee gegen Manipulation“. 500 Journalisten unterstützten das Komitee, das außerhalb jedes rechtlichen Rahmens agieren musste. 2006 schließlich entstand der Redaktionsrat der Nachrichtenprogramme.

Die jüngsten Proteste überraschen Audije. „Als 2008 über 4000 Mitarbeiter in Vorruhestand geschickt wurden, war dies nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Entscheidung“, ist er sich sicher. Es war die Generation, die den Übergang von der Diktatur zur Demokratie mitbestimmt hatte und „keinen Konflikt scheute“.

RTVE stellte 1200 jüngere und schlechter bezahlte Kräfte ein, unter ihnen auch Lara Prieto von CdI. „Doch die Neuen wehren sich nicht nur gegen die Manipulation, sie machen es auch noch viel besser, als wir das je gemacht haben“, zollt der alte Hase Audije der Generation Anerkennung.

 

nach oben

weiterlesen

Fotografieren ist unerwünscht

Die Pressefotografen und Kameraleute auf den Kanaren sind empört. Seit Wochen kommen vermehrt Flüchtlingsboote vom afrikanischen Festland auf die Inseln. Die meisten landen auf Gran Canaria. Mindestens 15.000 Migranten sind im Laufe des Jahres auf den Kanaren angekommen. So viele waren es seit 2006 nicht mehr. Doch es gibt kaum Bilder in den Zeitungen und im Fernsehen.
mehr »

Türkei wegen Haft für Journalisten verurteilt

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Türkei verurteilt, weil sie acht Journalisten und Manager der Zeitung "Cumhuriyet" und der "Cumhuriyet"-Stiftung monatelang eingesperrt hatte. Mit der Haft seien die Meinungsfreiheit und das Recht auf Freiheit und Sicherheit der Betroffenen verletzt worden, erklärte der EGMR am Dienstag in Straßburg. Ihnen wurde Schadenersatz von 16.000 Euro pro Person zugesprochen.
mehr »

Nicaragua: Zensur als Bedrohung per Gesetz

Das nicaraguanische Parlament verabschiedete am 27. Oktober ein Gesetz zur Regulierung des Internets. Unter dem Deckmantel des Schutzes der Informationsfreiheit erteilen die Abgeordneten den Gerichten weitgehende Handhabe, um gegen Falschinformationen vorzugehen. Jedoch: Was falsch ist, definiert die Regierung. Für unabhängige Medien und Berichterstatter*innen  könnte das Gesetz zum Damoklesschwert werden, so Carlos Fernando Chamorro, Redaktionsleiter der Wochenzeitung Confidencial. Er sieht die Pressefreiheit in Gefahr.
mehr »

US-Medien zeigen Haltung

Die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahl stehen noch immer nicht fest. Dennoch verkündet Donald Trump seit Tagen bereits seinen Sieg und spricht von Wahlmanipulation. Doch sowohl etablierte Medien als auch Social Media-Seiten reagieren nun auf Falschaussagen und Desinformationskampagnen. Einige US-Sender brechen sogar die Übertragung seiner Pressekonferenz aus dem Weißen Haus vorzeitig ab.
mehr »