Unabhängige Medien in Russland?

Fernsehstudio eines privaten TV-Senders in Krasnoyarsk, Russland
Foto: REUTERS/Ilya Naymushin

„Der Journalismus stirbt in Russland.“ Mit diesen Worten hat der Vorsitzende des russischen Journalistenverbandes vor einigen Monaten in Moskau eine öffentliche Debatte zum Thema Pressefreiheit in Russland eröffnet. Elf Studenten der Moskauer Lomonosov-Universität haben nun jedoch zumindest einen kleinen Lichtblick in das vornehmliche Dunkel der russischen Medienlandschaft gebracht und im Rahmen des Projektes Menschen-Medien-Demokratie während eines zweiwöchigen Arbeitsaufenthaltes in Berlin 26 unabhängige Medien in Russland porträtiert. Entstanden ist daraus eine erste Version der unabhängigen Medienlandschaft in Russland.

Ob Online-Medien, Websites, Radiosender oder regionale Zeitungen, ja, es gibt sie noch die unabhängigen Medien in Russland. Ihr Erfolgsrezept? Inhaltliche und/oder regionale Nischen bedienen, über Themen berichten, die in den offiziellen beziehungsweise staatlichen Medien nicht angesprochen werden. Die Studenten der Lomonosow-Universität in Moskau, insbesondere von der Fakultät für Journalismus, haben regionale Zeitungen, Online-Medien und Websites, zwei Radiosender und den immer noch aktiven Internet-Fernsehkanal Doschd in fünf Kapiteln porträtiert und das Ergebnis auf www.ansTageslicht.de/Russlandmedien zugänglich gemacht. Gefördert wurde das Projekt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

Ein eigenes Kapitel haben die Moskauer Studenten dem „7×7-Journal“ gewidmet, einem Online-Medium, das in mittlerweile zwölf russischen Regionen erscheint und dass sich zur Aufgabe gemacht hat, über die Dinge zu berichten, über die andere regionale Medien nicht berichten. Das Publikationskonzept beruht auch auf der Idee eines partizipativen Journalismus, Menschen aus der Zivilgesellschaft nehmen bei der Recherche und Verbreitung von Informationen eine aktive Rolle ein. So werden Nachrichten von professionellen Journalist_innen recherchiert und zusammengestellt und Meinung und Kommentare, insbesondere in den Blogs, von Vertretern der Zivilgesellschaft verfasst. Das „7×7-Journal“ zeichnet sich zudem durch das besondere Alleinstellungsmerkmal eines eigenen Redakteurs für das Thema „Menschenrechte“ aus, ein Thema, über das in Russland nur sehr wenige Medien überhaupt berichten.

Widererwarten gibt es auch in der Kremlmetropole Moskau keinen Mangel an unabhängigen Medien zu beklagen. Im Gegenteil: In Moskau hatte die Bewegung der neuen Zivilgesellschaft ihren Ausgangspunkt und hier in der russischen Hauptstadt, gegenüber dem Kreml, findet in der Lomonosov-Universität auch das Projekt Menschen-Medien-Demokratie statt. Als eine der wenigen überregionalen unabhängigen Zeitungen erscheint in Moskau seit 1993 die Nowaja Gaseta, dasjenige Medium Russlands, das die meisten Toten zu beklagen hat, unter anderem die Redakteurin Anna Politkowskaja, deren Ermordung sich am vergangenen 07. Oktober zum zehnten Mal gejährt hat. „Die Zeitung ist vermutlich das unabhängigste und freieste Medium Russlands. Deswegen, weil sich die Redaktion ihre Spielräume nicht nehmen lässt. Und dafür regelmäßig Risiken eingeht“, schreiben die Studenten in ihrem Porträt. Aktuell gehören 76% der Aktienanteile der Redaktion, 14% dem ehemaligen Hauptanteilseigner und (Klein)Oligarchen Alexander Lebedev und 10% Mikhail Gorbatschow. Daneben finanziert sich die Nowaja Gaseta mittlerweile auch durch Crowdfunding und Spenden.

Abgesehen von diesen wenigen Ausnahmen, zu denen etwa auch das ebenfalls in Moskau herausgegebene, russische Wirtschaftsblatt „Vedomosti“ gehört, sind unabhängige Medien in Russland vor allem regionale Medien, ob sie nun online oder gedruckt erscheinen. Nicht nur, dass die über 80 russischen Regionen ein relativ unabhängiges wirtschaftliches und kulturelles Eigenleben führen können und regionale Medien somit spezifische Informationsbedürfnisse bedienen können: So bietet etwa die Website www.fontanka.ru kritische und hintergründige Informationen aus St. Petersburg oder beschäftigt sich das Portal www.ecmo.ru mit Umweltthemen in Moskau und Umgebung, aber auch russlandweit.
In einem Land wie Russland müssen Zeitungsmacher auch immense technisch-logistische Probleme überwinden und sich zudem gegen lokale Blätter durchsetzen, die von der staatlichen Obrigkeit subventioniert werden. So befinden sich die meisten unabhängigen regionalen Zeitungen denn auch direkt im Besitz der Journalist_innen selbst. Journalist_innen wie Irina Leontiewa, Chefredakteurin der in Vyborg im St. Petersbrug-Gebiet erscheinenden Zeitung Viborgskije Vedomosti. 1990 gegründet, ist die Zeitung seit 1996 im Besitz der Redaktion und informiert die 80.000 Einwohner von Vyborg zwei Mal wöchentlich in einer Auflage von 11.000 Exemplaren über die Geschehnisse in ihrer Stadt.
Etwas weiter südlich hingegen, an der Grenze zu Estland, schreibt die Redaktion der Pskowskaja Gubernija aus Pskow „darüber, was im politischen, kulturellen, städtebaulichen Regionsleben, in der Wirtschaft und in der Sozialsphäre passiert, um zu versuchen, die Ursachen und die Folgen dieser Ereignisse zu analysieren“. Der wohl bekannteste Kopf der Wochenzeitung ist der Publizist, Journalist, Politiker und Menschenrechtsaktivist Lew Schlosberg, der am vergangenen 18. September in den russlandweiten DUMA-Wahlen für die sozialliberale Partei Jabloko kandidiert hat. 2016 wurde Pskowskaja Gubernija mit dem „Free Media Award“ ausgezeichnet, den die Fritt Ord Foundation und die ZEIT-Stiftung Ebelein und Gerd Bucerius ausloben.

Mit Echo Moskwy findet sich auch der erste freie, noch zu Zeiten der Sowjetunion unter Gorbatschow gegründete Hörfunksender Russlands in der Karte der unabhängigen russischen Medien wieder. Obwohl sich 66% der Anteile in den Händen der Gazprom Media Holding, eine der tragenden Säulen der politischen Macht in Russland, befinden und nur 34% im Besitz der Redaktion, hat das Redaktionsstatut bisher dafür gesorgt, dass der Sender seine unabhängige und kritische publizistische Linie ungehindert fortführen konnte. So kann das Statut nur mit einer Mehrheit von 75% verändert werden, der Chefredakteur gibt allein den publizistischen Kurs vor und wird ausschließlich von der Redaktion gewählt und bestellt.

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