„Veja lügt“

Brasilianische Zeitschrift verunglimpft indigene Völker

Guarani- und Tupiniquim-Indianer wollen in Brasilien gegen die Zeitschrift Veja klagen. Grund ist eine vierseitige, bebilderte Reportage vom 29. März, in der das führende brasilianische Nachrichtenmagazin – mit einer Auflage von mehr als einer Million Exemplaren – die Ureinwohner als „falsche Opfer“ bezeichnet. Doch „Veja lügt“, so Häuptling Werá Kuaray.

Unter dem fett gedruckten Titel der Reportage „As falsas Vítimas (Die falschen Opfer)“ zeigt Veja den Häuptling zusammen mit neun anderen Caciques und Repräsentanten der Guarani- und Tupiniquim-Dörfer im Bundesstaat Espirito Santo, wie sie vor den Toren der Zellulose-Fabrik von Aracruz gegen die Zerstörung ihres Landes durch Eukalyptusplantagen zur Produktion von Klopapier protestieren. Werá Kuaray: „Wir sind nicht die falschen Opfer. Aracruz zerstörte unser soziales Leben, hat uns die Freiheit genommen und die intakte Natur, die unsere Lebensgrundlage bildete.“
Der Häuptling ist umso mehr empört über das Nachrichtenmagazin, weil es nicht ein einziges Wort darüber verliert, dass bei der jüngsten friedlichen Protestaktion gegen Aracruz 13 Indianer teilweise schwer verletzt wurden. Die Guarani und Tupiniquim hatten im vergangenen Jahr einen Teil des zurückgeforderten Landes besetzt und zwei traditionelle Dörfer darauf errichtet. Am 20. Januar 2006 räumte dann die Staatspolizei – auf Geheiß von Aracruz – mit massiver Gewaltanwendung, Tränengas und Gummigeschossen die beiden Dörfer und zerstörte die Hütten.
Der Veja-Bericht verunglimpft aber noch weitere indigene Völker Brasiliens, wie die Waimiri-Atroari, die Xikrin, Gavião oder die Tuxá. Er stellt die Ureinwohner als skrupellose Profiteure von Großstaudämmen, Rohstoffausbeutung und anderen, den Regenwald zerstörenden Industrieprojekten vor; als Großgrundbesitzer, die sich die Taschen mit den Entschädigungszahlungen der Industrie voll stopften und gar nicht genug davon kriegen könnten. Dabei scheuten die Veja-Reporter, José Edward und Leonardo Coutinho, auch nicht davor zurück, Experten falsch zu zitieren. Dies zumindest ist im Fall des von ihnen angeführten, international angesehenen Anthropologen Stephen G. Baines von der Universität Brasilia belegt. „Das angebliche Zitat von mir ist eine Falschinterpretation meiner Aussagen“ so Baines in einer schriftlichen Stellungnahme. Der Anthropologe distanziert sich deutlich vom Veja-Bericht, der „frontal die Rechte der indigenen Völker angreift und in unverschämter Weise die Interessen der großen Firmen an den Indianerreservaten verteidigt.“
Die offensichtliche „Propaganda“ des Nachrichtenmagazins gegen Brasiliens traditionelle Völker ist aber kein Einzelfall, sondern eher Methode. Veja und andere führende Medien Brasiliens konstruierten „Wahrheiten“ über die Ureinwohner, um die traditionellen und vom Staat Brasilien anerkannten Rechte der indigenen Völker in Frage zu stellen, wie die Wissenschaftlerin Maria José Alfaro Freire von der Universität Rio de Janeiro im Jahr 2000 exemplarisch am Fall „Paiakan“ dokumentierte.
Ende der 1980er Jahre war der Kayapó-Häuptling Bepi Gorotire (Paulinho) Paiakan in den westlichen Medien zum Idealbild des um die Rettung des Amazonasregendwaldes kämpfenden Indianers aufgestiegen. Klaus Töpfer, der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ehrte ihn 1990 mit dem Global 500-Umweltpreis, was der gesamten Indianerbewegung in Brasilien großen Aufschwung verlieh. Die erste UN-Umweltkonferenz (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 sollte schließlich eine internationale Bühne für die Anliegen der indigenen Völker des Amazonasstaates werden. Doch pünktlich zur „Rio 92“ demontierte Veja den Kayapó-Häuptling national und international mit der fragwürdigen Titelstory „O Selvagem (Der Wilde)“, die Paiakan als brutalen Vergewaltiger vorverurteilte.
„Die Veja-Geschichte zusammen mit den folgenden Fernsehberichten von O Globo führten dazu, dass sich die Indios während der Rio 92 nicht mehr auf die Straße trauten“, erinnert sich die Soziologin Márcia Gomes de Oliveira, die während der Umweltkonferenz im Global Forum das Seminar „500 Jahre indigener Widerstand in Amazonien“ organisierte und die dazu angereisten Indianervertreter und Häuptlinge betreute. „Die Bevölkerung Rios, die zuvor positiv gegenüber den indigenen Völkern eingestellt war und die Häuptlinge mit großer Sympathie empfangen hatte, sah plötzlich alle Indios als Vergewaltiger an und beschimpfte sie, wo immer sie sich blicken ließen.“
Die brasilianischen Massenmedien wiederholten die Story der – auch zu diesem Zeitpunkt längst noch nicht bewiesenen – angeblichen, brutalen Vergewaltigung einer jungen, „weißen“ Frau durch Paiakan zwei Monate lang wieder und wieder, kritisiert die Anthropologin Alcida Rita Ramos von der Universität Brasilia. Dabei zeigten sich weder Veja noch der Rest der Medien von dieser ungerechten Vorverurteilung beunruhigt.
Dem Mediendruck zum Trotz wurde Paiakan 1994 wegen Mangels an Beweisen zunächst freigesprochen. Erst nach Intervention durch das Ministerio Publico (Ministerium für öffentliche Angelegenheiten) kam es 1998 in zweiter Instanz im Bundesstaat Pará zum Schuldspruch. Zweifel am Urteil der Justiz des von Großgrundbesitzern und Erzbergbauunternehmen geprägten Bundeslandes bestehen allerdings bis heute. So ist einer der Hauptzeugen gegen Paiakan just der Frauenarzt, den der Kayapó-Häuptling zuvor selbst angeklagt hatte. Denn der Arzt hatte die Frau Paiakans ein Jahr zuvor, 1991, während einer Unterleibsuntersuchung ohne ihr Zugeständnis sterilisiert – eine jahrelang von einigen brasilianischen Frauenärzten in öffentlichen Krankenhäusern ausgeführte Menschenrechtsverletzung und Körperverstümmelung an indianischen Frauen sowie an Frauen der verarmten Bevölkerungsschicht.
Nichtsdestoweniger ist Veja noch heute stolz auf die Demontage des Kayapó-Häuptlings. Das Magazin führt die „erfolgreiche“ Titelstory von 1992 unter dem Titel „Desaba o Mito (Zerstörung eines Mythos) auf seiner Website „30 Jahre Veja“ ganz oben an. Der Bericht „As falsas Vítimas“ erschien übrigens genau einen Monat bevor sich der Guarani-Cacique Werá Kuaray zusammen mit dem Tupiniquim Paulo Henrique Vicente de Oliveira, Koordinator von Brasiliens zweitgrößter Indigenen-Organisation APOINME, zu einer Aufklärungstour nach Schweden und Deutschland aufmachte, um dort gegen den Import des Zellstoffs von Aracruz zu protestieren und vor Investitionen in die brasilianische Eukalyptusplantagen- und Papierbranche zu warnen.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Präzedenzfall für die Pressefreiheit

Der britische High Court wird diese Woche über den letztmöglichen Berufungsantrag des WikiLeaks-Gründers gegen seine Auslieferung an die USA entscheiden. Reporter ohne Grenzen (RSF) wird die Anhörung vor Ort im Gericht beobachten und wiederholt den dringenden Appell an die US-Regierung, das Verfahren gegen Assange einzustellen, damit er umgehend freikommt. Wir sprachen mit Ilja Braun von RSF über die Hintergründe des Verfahrens und die Chancen für eine Berufung.
mehr »

Kritik am Digitale-Dienste-Gesetz

Sie erhalten digital eine Morddrohung, ihr Facebook-Post wurde gelöscht oder sie haben plötzlich keinen Zugang mehr zum Account: Für viele regimekritische Exil-Journalist*innen auch in Deutschland gehört das zum Arbeitsalltag. Ein geplantes Gesetz soll ihnen nun helfen, sich effektiver dagegen zu wehren. Reporter ohne Grenzen (RSF)  macht in einer  Stellungnahme deutlich, wo die Rechte von Medienschaffenden noch gestärkt werden müssen. So fordert die Organisation etwa, die Datenweitergabe von Plattformen an das Bundeskriminalamt einzuschränken.
mehr »

Öffentliches Interesse kann Leben retten

Für ihre Arbeit als belarusische Journalistin wurde Iryna Khalip vom Lukashenko-Regime ins Gefängnis gesteckt. Sie wurde für „Mut im Journalismus“ ausgezeichnet. Seit 2020 ist Khalip im Exil und schreibt weiter unter anderem für die „Novaya Gazeta Europa". Derzeit ist sie mit ihrem Mann Andrei Sannikov, dem Exildiplomaten, im Dokumentarfilm „This Kind of Hope“ in Berlin zu sehen.
mehr »

Medien im Exil: Von Moskau nach Riga

Mehr als 30 Jahre lang hatte Radio Free Europe/Radio Liberty ein Büro in Moskau. Der US-Auslandssender kam 1991 auf Einladung des damaligen Präsidenten Boris Jelzin nach Russland. Doch spätestens mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist die Arbeit der Journalist*innen dort unmöglich geworden. Vor einem Jahr ist die Redaktion nach Lettland umgezogen. Nun berichtet sie aus dem Exil und ist überzeugt: Vor allem in unsicheren Zeiten hat sie die Aufmerksamkeit der Menschen in Russland. Ein Besuch in Riga.
mehr »