Vogelfreie Chronisten

Im früheren Jugoslawien mehren sich Übergriffe gegen Journalisten

Die Aufarbeitung der im früheren Jugoslawien begangenen Kriegsmassaker bleibt für heimische Journalisten ein riskanter Job. Als vermeintliche Nestbeschmutzer geraten die Chronisten des Verbrechens immer häufiger in das Visier nationalistischer Gewalttäter.

Feinde hat sich Dejan Anastasijevic während seiner 16jährigen Karriere als Journalist viele gemacht. Aus Kroatien, Bosnien und Kosovo berichtete der Reporter des serbischen Wochenblatts „Vreme“ in den 90er Jahren über den tatsächlichen Verlauf der Jugoslawien-Kriege. Seit deren Ende schreibt der 45jährige Serbe über die damals begangenen Kriegsverbrechen – und die Machenschaften der Geheimdienste und des organisierten Verbrechens. „Es gibt viele Leute, die mich nicht mögen,“ sagt der Mann mit dem ergrauten Kurzhaarschnitt – und zieht mit tiefen Zügen an seiner Zigarette. In der Ära des verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic sah sich der zum Staatsfeind deklarierte Kriegs-Chronist zeitweise gar zur Emigration nach Wien gezwungen. Damals seien aber zumindest „die Fronten klar“ gewesen: „Der staatlichen Propaganda-Maschinerie standen die unabhängigen Medien gegenüber.“ Nun sei sein Berufsalltag ein „Guerilla-Krieg“: „Man weiß nie, von wo der Angriff kommt.“
Die Attacke kam in der Dunkelheit. Kurz vor drei Uhr riss in der Nacht zum 14. April eine ohrenbetäubende Explosion den Reporter und seine Frau aus dem Schlaf. „Das Zimmer war mit Glasscherben übersät. Als ich den Pulverdampf roch, wusste ich sofort, dass es sich um einen Anschlag handelte.“ Zum Glück hatte jedoch nur eine der beiden auf der Fensterbank seiner Erdgeschoss-Wohnung deponierten Handgranaten gezündet: „Wäre die andere auch explodiert, säße ich nun nicht mehr hier.“ Über die Motivation der flüchtigen Täter könne er nur spekulieren, sagt Anstasijevic: „Ich nehme mal an, dass sie überzeugt sind, dass sie den Anschlag zum Wohle Serbiens begingen. Und dass sie davon ausgehen, dass es keine ernsthaften Versuche geben wird, sie zu fassen.“
Acht Jahre liegt das Ende der Kriege im zerfallenen Jugoslawien zurück. Doch die Aufarbeitung der von eigenen Landsleuten begangenen Verbrechen ist für die Journalisten in den Nachfolge-Staaten noch stets ein riskanter Job. Allein im vergangenen Jahr registrierte Serbiens Journalistenverband 50 Fälle von Todesdrohungen und Angriffe gegen Journalisten. Noch immer sind drei mysteriöse Morde an serbischen Journalisten in den letzten 13 Jahren nicht aufgeklärt. Doch auch in Bosnien, Kosovo oder Kroatien sehen sich Reporter, die über Kriegsverbrechen berichten, als vermeintliche „Nestbeschmutzer“ Bedrohungen und Attacken ausgesetzt. Wegen Todesdrohungen gegen einen Redakteur des kroatischen Wochenblatts „Feral Tribuna“ wurde im April zwar erstmals ein Lokalpolitiker in Osijek zu sechs Monaten Haft verurteilt. Doch in der Regel bleiben Übergriffe gegen Journalisten ungesühnt.

Keine echte Reform

Journalisten seien für nationalistische Gewalttäter ein „leichtes Ziel“, sagt Anastasijevic. Eine echte Reform des Sicherheits- und Justizapparats sei ausgeblieben – und viele Funktionäre aus der Milosevic-Ära auf ihrem Posten geblieben, erläutert er die auffällig nachlässige Verfolgung der Straftaten. Zwar sicherten Präsident Boris Tadic und Premier Vojislav Kostunica nach dem Anschlag ihm persönlich dessen rasche Aufklärung zu. Doch bis jetzt sind die Täter noch nicht gefasst. Auch die wachsenden Spannungen im Kosovo-Konflikt macht der „Vreme“-Reporter für die zunehmende Zahl von Drohungen gegenüber serbischen Journalisten verantwortlich: „Es wächst eine Art nationaler Frustration, die leicht zu Aggression führen kann – vor allem gegenüber denjenigen, die nicht als Patrioten angesehen werden.“
Besonders die von der eigenen Nation begangenen Kriegsverbrechen seien in den Staaten des früheren Jugoslawien noch stets „kein Thema, das offen diskutiert“ werden könne, sagt der kroatische Journalistik-Professor Stjepan Malovic an der Universität Zagreb: „Viele der Personen, die direkt oder indirekt daran beteiligt waren, sind noch immer an der Macht – und werden nervös, wenn jemand die Frage thematisiert.“ Doch auch das Publikum will von den Untaten der eigenen Landsleute oft nichts wissen. Es falle ihnen schwer, mit Enthüllungen über Kriegsverbrechen konfrontiert zu werden, so Anastasijevic. Sie könnten nicht glauben, dass „die eigenen Jungs“ derartige Verbrechen begangen haben sollten: „Den Journalisten, die darüber berichten, haftet schnell das Image von Verrätern an.“
Die Täter der Anschläge auf Journalisten kommen in der Regel aus dem Dunstkreis früherer paramilitärischer Einheiten, die nach Ende der Jugoslawien-Kriege zu Keimzellen der Mafia wurden. Alle aus dem zerfallenen Jugoslawien hervorgegangenen Länder seien „relativ schwache Staaten“, in denen organisierte Kriminalität manchmal mehr Macht habe als die offiziellen Institutionen, erklärt Anastasijevic den nach wie vor großen Einfluss von zu Drogenhändlern mutierten Ex-Milizionären. „Wenn man organisiertes Verbrechen duldet, hat es die Tendenz sich auszubreiten,“ warnt der Reporter. Als Beispiel nennt er die Ermordung von Premier Zoran Djindjic im März 2003, der einen solchen Drogenhändlerring stoppen wollte.
Seit dem Anschlag auf ihn gibt der Mann mit der schwarzen Lederjacke mehr Interviews als er führt. Doch dass er derzeit weniger Zeit für seine eigentliche Arbeit hat, nimmt er in Kauf. „Die Öffentlichkeit ist mein einziger Schutz,“ weiß Anastesijevic. An ein Abtauchen verliert der Reporter genauso wenig Gedanken wie über einen Jobwechsel: „Ich stand schon früher unter Druck. Aufgeben oder Ruhe geben werde ich nicht.“

 
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