Von der Bildfläche verschwunden

Tausende Stellenverluste erschüttern amerikanische Zeitungsbranche

Das amerikanische Zeitungsbusiness steckt in der schwersten Krise seines Bestehens. Mit jeder halbjährlichen Veröffentlichung der Auflagenzahlen des Industrieverbands Audit Bureau of Circulations fährt der Branche jedes Mal neu ein Schock durch die Glieder. Ende April war es wieder soweit: Um durchschnittlich sieben Prozent sank die Auflage der rund 400 größten US-Zeitungen innerhalb eines Jahres, in Einzelfällen sogar um 20 Prozent – die schlimmsten Zahlen der letzten zehn Jahre.

„Ich erwarte nicht, dass sich das bald ändern wird“, sagt der Zeitungsanalyst John Morton. „Zeitungsabonnenten sterben schneller als sie ersetzt werden können“. Die seit Jahren anhaltenden Umsatzeinbrüche, geschürt durch die Konkurrenz neuer Internetpublikationen, und der allgemeine Leserschwund der Printprodukte können durch die Onlineausgaben der Verlage bisher nicht wettgemacht werden, vor allem weil Anzeigen in Printform noch immer weitaus besser bezahlt sind, als online.
Die Krise fordert ihre Opfer: Allein im letzten Jahr wurden 16.000 Beschäftigte in Printmedien entlassen und 67 vor allem kleinere Zeitungen wie die Rocky Mountain News oder der Baltimore Examiner verschwanden von der Bildfläche. Bis Ende April diesen Jahres wurden bereits 8.500 Stellen gestrichen. Von Stellenstreichungen und Abfindungen bleiben auch renommierte Publikationen wie der San Francisco Chronicle oder die Washington Post nicht verschont. Einige Unternehmen, wie der angesehene Tribune-Verlag erklärten den Bankrott. Andere Zeitungen wie der Seattle Post-Intelligencer und der Christian Science Monitor stellen ihre Printausgaben ein und konzentrieren sich ausschließlich auf ihre digitalen Versionen.

Kaum Zeit für Recherche

Die Folge: Die Etats für redaktionelle Kräfte schrumpfen konsequent und mit ihnen das Potential für anspruchsvollen Journalismus. Weitere Bedrohungen für Qualitätsjournalismus sind die verringerte Motivation der Macher und eine Schwerpunktsetzung, die immer mehr vom öffentlichen Auftrag der Presse abrückt und immer weiter in Richtung Verbraucherjournalismus und Lokaljournalismus geht. „Je kleiner die Belegschaft ist, desto weniger Zeit hat man für aufwendige Recherchen und investigativen Journalismus“, sagt Rem Reider, Chefredakteur der Fachzeitschrift American Journalism Review. „Alles dreht sich darum, noch schnell ein Video zu drehen oder sich um die Podcasts zu kümmern“.
Die Krise macht auch vor den renommiertesten Publikationen nicht Halt: Die New York Times muss im Zeitalter konkurrierenden Internet-Contents und dem sich ändernden Medienkonsum nicht nur in ihrer journalistischen Bedeutung zunehmend Abstriche machen. Vor allem finanziell steckt das Unternehmen, die New York Times Company, in Schwierigkeiten. Der Verlag ertrinkt in einem Schuldenberg, der durch jahrelange Fehlinvestitionen und nicht zuletzt den Bau eines 52 Stockwerke hohen Wolkenkratzers in Manhattan entstand, der das Unternehmen 600 Millionen Dollar kostete. Um die Schulden zu begleichen borgte man sich 250 Millionen Dollar von dem mexikanischen Medienunternehmer Carlos Slim, nach der Eigentümerfamilie der Sulzbergers inzwischen der größte Anteilshaber. Das Unternehmen entließ bereits 100 Mitarbeiter auf Verlagsseite und beschnitt die Gehälter aller Angestellten um fünf Prozent, um weitere Entlassungen zu verhindern. Der Anteil an dem Baseballteam der Boston Red Sox soll verkauft werden und leitende Redakteure fordern die Belegschaft auf, Ideen in punkto Kosteneinsparungen zu sammeln. Das Kernprodukt der Times soll laut der Beteuerungen des Chefredakteurs Bill Keller jedoch nicht leiden: „Die Lösung einer schlechten Wirtschaftslage kann für uns nicht weniger Journalismus heißen“.
Einer anderen Times-Tochter wäre es fast ganz an den Kragen gegangen: dem Boston Globe. Die Times hatte der etablierten Zeitung, die für 2009 ein Defizit von 85 Millionen Dollar erwartet, gedroht sie ganz zu schließen sofern nicht 20 Millionen eingespart würden. Nach zähem Ringen konnte sich die Unternehmensspitze durchsetzen, jedoch nicht ohne große Opfer: Die Angestellten müssen drastische Gehaltskürzungen hinnehmen und die im Vertrag festgelegte Arbeitsplatzgarantie wurde ganz gestrichen. Mit massiven Entlassungen wird weiterhin gerechnet.

Bezahlstrategie für Online

Als Retter der angeschlagenen Zeitungsbranche putzt sich derzeit ein unwahrscheinlicher Held heraus: der Medienmogul Rupert Murdoch. Das von ihm unter großem öffentlichen Protest erworbene Wall Street Journal implementierte von Anfang an eine Bezahlstrategie für sein Onlineprodukt. Er fungiert nun als Vorbild für den Rest der Branche, wo der Content in der Regel kostenlos zugänglich gemacht wird. Während vor allem die Auslandsberichterstattung bei den meisten Verlagen leidet, hat das Journal in den letzten Jahren die Zahl seiner Auslandsreporter ausgebaut.
Obwohl das gesamte Business bei der jüngsten Veröffentlichung der Auflagenzahlen durchgehend negative Werte meldete, konnte das Journal als einzige Zeitung innerhalb des letzen Jahres einen kleinen Zuwachs verbuchen und liegt mit einer Auflage von 2,08 Millionen nur noch knapp hinter dem Branchenführer USA Today mit 2,11 Millionen. „Das Journal hat den Vorteil, dass es nun zur News Corporation mit seinen dutzenden von anderen Geschäftsbereichen gehört“, sagt Samuel Craig, Medienprofessor an der New York University. „Das heißt, auch wenn es der Zeitungsbranche schlecht geht, werden die Verluste durch Gewinnein anderen Bereichen aufgefangen. Man ist nicht von einer einzigen Einnahmequelle abhängig.“
Als eine der wenigen Rettungsmaßnahmen, vor allem für die rund 1.400 lokalen und regionalen US-Zeitungen, gelten die sogenannten Hyperlocal News, also lokale Berichterstattung, die sich auch den kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Ereignissen widmet. Einer der Verlage, der das Konzept perfektioniert hat, ist der Zeitungsriese Gannett. Zu dem größten Verlag des Landes gehören nicht nur USA Today, sondern weitere 85 Lokalblätter über die gesamten Vereinigten Staaten verteilt. „Wenn lokale Zeitungen und ihre Webseiten über etwas nicht berichten, weil es nur ein paar hundert Leser interessieren könnte, tun sie sich damit keinen Gefallen“, sagt Mark Krzos, der bei der Gannett-Zeitung News Press in Fort Myers, Florida arbeitet. Er ist ein sogenannter mobiler Journalist, auch „MoJo“ genannt, was bedeutet, dass er die meiste Zeit bei der Recherche oder im Auto verbringt, um dort seine Geschichten zu verfassen und dann gleich zum nächsten Termin weitereilt. Er deckt im Lauf eines Tages alles ab, von einem Softballspiel für Senioren oder dem jüngsten Stau in der Stadtmitte bis hin zu Müllproblemen am Strand. „Lokale Nachrichten stellen auch für große Zeitungsverlage eine Marktlücke dar, weil man sie in anderen Medien wie dem Fernsehen oder Radio in dieser Menge nicht bekommt“, sagt Krosz. „Warum sollten sie sich auf nationale Berichterstattung beschränken? Das wäre ja als würde man sagen ich verkaufe Eis, aber nur Vanilleeis“.

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