WorldSpace: Wird eine Vision wahr ?

Ein Satellitenprogramm wird die Mediensituation in den Entwicklungsländern revolutionieren

Am 28. 10. 98 erlebten die deutschen Fernsehzuschauer den Start der Trägerrakete Ariane vom französischen Weltraumzentrum Kourou (Guyana), die den Satelliten AfriStar auf einer geostationären Laufbahn 36.000 km über dem Äquator aussetzte. AfriStar ist der erste von drei Satelliten des WorldSpace-Projektes, die dazu bestimmt sind, den Entwicklungsländern die Satellitentechnologie zugänglich zu machen.

Die anderen Satelliten AmeriStar und AsiaStar werden bis Mitte 1999 fertiggestellt und in den Orbit befördert werden. AfriStar soll die Kommunikationskapazitäten des afrikanischen Kontinent aufbessern, indem die Radiostationen die Möglichkeit erhalten, ihre Programme weltweit auszustrahlen. Dadurch wird die schwache Reichweite der Anstalten über ihre regionalen und nationalen Grenzen hinaus ausgedehnt, und die Medien (Radiostationen) der Entwicklungsländer in die internationale Kommunikation einbezogen.

Am Anfang dieses Projektes stand die Vision eines Mannes, der dem einseitigen Informationsfluß vom Norden in dem Süden entgegen wirken und die Informationsarmut der Menschen der südlichen Hemisphäre bekämpfen wollte. Ursprünglich sollte das Projekt AfriSpace heißen und nur auf Afrika begrenzt sein. Der US-Bürger Noah Samara, ein gebürtiger Sudano-Äthiopier, der in seiner Tätigkeit als Berater bei der Internationalen Telekommunikations-Union (ITU) seine Erfahrungen mit Satelliten gemacht hatte, initiierte das Projekt und gründete 1990 das Privatunternehmen WorldSpace, um sein Vorhaben umzusetzen. Er stellte jedoch schnell fest, daß der afrikanische Markt mit der geringen Anzahl der Radiostationen und die schwache Kaufkraft der Zuhörer unbedeutend ist. Das Projekt rentiert sich nur, wenn es global angelegt und ökonomisch rentabel ist. Asien und Lateinamerika, die ein riesiges Zuhörerpotential bieten, wurden in das Projekt einbezogen. Zusammengenomen bieten die drei Zielregionen einen Werbemarkt von 4,8 Milliarden potentiellen Zuhörern. So wurde AfriSpace in WorldSpace, mit Sitz in Washington, umgetauft. Das Projekt, das zunächst unmöglich erschien, gewann jedoch an Bedeutung, als das Unternehmen von der US-Kommunikationsbehörde eine Lizenz für die Entwicklung und den Abschuß von Satelliten für Afrika (AfriStar), Asien (AsiaStar) und Lateinamerika (AmeriStar) erhielt.

Die Gesamtinvestitionskosten werden auf ca. 3 Milliarden DM (1 Mrd. US-Dollar) geschätzt. An dem Projekt sind renommierte Raumfahrt- und Elektronikkonzerne wie Alcatel-Espace (Frankreich), Arianespace (Frankreich) und Matra-Marconi Space (Großbritannien) für die Herstellung und den Abschuß der Satelliten, die mit Solarenergie betrieben werden, beteiligt. Das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (Erlangen) und Rhode&Schwarz (München) sind zuständig für die Entwicklung von digitalen Radioempfängern, während die Firmen Micronas-Intermetall (Freiburg) und SGS-Thomson Microelectronics (Italien) für die Entwicklung von Microchips assoziert sind. Multis der Unterhaltungselektronik wie Victor-JVC, Sanyo, Panasonic und Hitachi stellen die Radioempfänger her und sind auch für den weltweiten Vertrieb zuständig. Das Fraunhofer Institut in Erlangen fungiert außerdem als Zweigstelle von WorldSpace in Deutschland (WorldSpace-Erlangen); von dort aus wurden alle Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der lezten drei Jahren koordiniert. Durch den Standort WordSpace-Erlangen wurden in Deutschland 35 Mio. DM für Forschung, Entwicklung, Design und Marketing investiert.

WorldSpace wird in der internationalen Presse bereits als „das revolutionärste Projekt in der Geschichte des Hörfunks nach der Erfindung des Fernsehens“ als entwicklungspolitischer und wirtschaftlicher Erfolg gefeiert.

Erfolgreiche Leistungstests und Feldversuche mit AfriStar seit Januar 1999 haben ergeben, daß das System und die Signale korrekt funktionieren und die Radioempfänger unter realen Bedingungen erwartungsgemäß arbeiten. Dr. Werner Saal-frank, Vize-Präsident von WorldSpace, ist mit den Ergebnissen zufrieden: „Wir haben unsere Ziele voll und ganz erreicht. Der Satellit AfriStar arbeitet einwandfrei, ebenso die neuen Satellitenempfänger. Mehr noch, die Reichweite von AfriStar ist größer als geplant, selbst hier in Erlangen haben wir einen einwandfreien Empfang.“ Die Entwicklungsphase ist abgeschlossen; nun steht die größte Herausforderung noch bevor: die kommerzielle Phase, die für den Erfolg des ganzen Projekt relevant ist.

Abgesehen vom humanitären Standpunkt des Projekts will sich WorldSpace als Privatunternehmen durch den Verkauf der Digitalempfänger, das Vermieten der Satellitenkanäle und den Verkauf von Werbung auf dem internationalen Kommunikationsmarkt behaupten. Über 20 Radioanstalten in Afrika, im Nahen Osten, in Südamerika und in Asien sowie internationale Sender wie Voice of America und Medienagenturen wie Bloomberg haben bereits Verträge mit WorldSpace abgeschlossen. Internationale Organisationen wie die UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) können Kanäle kostenlos nutzen. Das gesamte System bietet 432 Mono-, 216 Stereo- oder 108 Kanäle in CD Qualität an. Auch Texte und Bilder können übertragen werden. Mit einer Reichweite von 42 Mio. km2 pro Satellit wird WorldSpace 80 Prozent der Weltfläche mit 3 Kontinenten und 120 Ländern mit Qualitätsprogrammen in bester Hörqualität abdecken können.

Ein breites Angebot an Informationen, Unterhaltungs- und Bildungssendungen wird die Versorgung der Bevölkerung in den Entwicklungsländern revolutionieren. In Nordamerika gibt es einen Radiosender für 30.000 Einwohner, in Europa für 70.000. Im Zielgebiet des WorldSpace-Projektes gibt es heute 2000 Programme für 4 Milliarden Einwohner. Das ist durchschnittlich ein Radiosender für 2 Mio. Einwohner. Kleine Radiosender wie Radio Kledu in Mali oder Horizon-FM in Burkina-Faso werden demnächst auf dem ganzen Kontinent und sogar jenseits von Afrika zu empfangen sein.

Ein ähnliches Projekt der afrikanischen Länder, einen gemeinsamen Satelliten (Rascom) zu betreiben, wurde auf der Konferenz der afrikanischen Minister für Information im Mai 1997 in Kairo beschlossen. Rascom soll im Jahre 2002 ins All geschossen werden. Das Projekt kostet 500 Mio. US$ und soll mit Hilfe der Organisation der Afrikanischen Union (OUA), der Afrikanischen Entwicklungsbank (BAD) und anderen Regionalbanken finanziert werden. Ein schweres Unterfangen angesichts der desolaten ökonomischen Lage der afrikanischen Länder.

Die Euphorie und die hohen Erwartungen nach dem gelungenen Start des ersten Satelliten lassen jedoch Fragen offen. Da herkömmliche Radioempfänger die Sendungen nicht empfangen können, muß der potentielle Zuhörer, um in den Genuß der breiten Angebotspalette von WorldSpace zu kommen, rund 150 US$ investieren. Soviel kosten, die im Auftrag von WorldSpace entwickelten digitalen Radioempfänger, die die Signale des Satelliten empfangen und entziffern können. Ab Mitte 1999 läuft der Vertrieb der Empfangsgeräte in Afrika an. Die Anschaffung dieser Geräte geht über die Kaufkraft des Zielpublikums weit hinaus. Diese Summe entspricht Dreiviertel des durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Arbeiters. Das Vorhaben von WorldSpace, die Anschaffungskosten bis auf 20-30 US$ (34-51 DM) zu reduzieren, ist daher sehr gewagt. Bis zum Jahr 2001 sollen, so die Planung der Washingtoner Zentrale, 8 Millionen Radioempfänger vertrieben sein – entweder durch Verkauf oder durch subventionierte Spenden. Danach rechnen das Marketing mit bis zu 20 Millionen verkaufter Geräte jährlich. Die Geräte gibt es in drei Ausführungen, die Langwelle, AM und FM sowie Kurzwellenempfang anbieten und mit Solarenergie, Batterie und/oder Strom betrieben werden können.

Die Folgen dieses globalen Projektes sind für die Bevölkerung der Zielregionen in kultureller und ökonomischer Hinsicht noch nicht absehbar. Hier wird der Westen sowohl medienpolitisch als auch kulturell stark vertreten und die Zuhörer in Afrika und den Entwicklungsländern werden mit Werbung und westlichen Lebensweisen konfrontiert sein. Da die technologischen Bedingungen gegeben sind, liegt es nun auch in der Verantwortung der afrikanischen Radiomacher wertvolle Programme zu produzieren, die den lokalen sozioökonomischen Realitäten Rechnung tragen. Bei 150 Programmen (pro Satellit) kann es an Auswahlmöglichkeiten nicht mehr fehlen, und sich der Gefahr einer kulturellen Fremdbestimmung zu entziehen, wird sodann in eigener Verantwortung liegen: Umschalten. Aber erstmal abwarten, denn bis auf die Tatsache, daß Noah Samara den ehemaligen Intendanten des frankophonen Fernsehsender TV5-Afrique, Mactar Sylla, als Afrika-Regionalmanager verpflichtet hat, bleibt zunächst vieles über die künftige Medienpolitik von WorldSpace in Afrika noch offen.

nach oben

weiterlesen

Saudi-Arabien: Stopp für Cloud-Services

Amnesty International hat gemeinsam mit 38 anderen Menschenrechtsorganisationen und Einzelpersonen einen Aufruf veröffentlicht, der Google dazu bewegen soll, den angepeilten Start seines Cloud-Services in Saudi-Arabien bis auf Weiteres auf Eis zu legen. Grund hierfür sind ernsthafte Bedenken über anhaltende Menschenrechtsverletzungen im Land und die Sorge, dass die dortige Regierung die eigene Bevölkerung mithilfe der Daten von Tech-Firmen noch strenger zensieren und kontrollieren könnte als bisher.
mehr »

Lesbos: Die Simulation von Pressefreiheit

Wenn hoher Besuch auf die griechischen Inseln zu den Camps voller Geflüchteter kommt, dann „wird eine Simulation von Pressefreiheit aufgebaut“. Dann sind kurze kontrollierte Besuche von Pressevertreter*innen im Lager möglich. So hat die deutsche Journalistin Franziska Grillmeier den Besuchstag der EU-Kommissarin Ylva Johansson auf Lesbos Ende März erlebt. Sonst möchte die Regierung das Thema aus der Öffentlichkeit heraushalten und behindert jede Berichterstattung.
mehr »

Turkmen.News: Wie ein Staatsfeind gesehen

Keine andere ehemalige Sowjetrepublik hat sich nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates derart isoliert wie Turkmenistan. Nach Gorbatschows Perestroika folgte ein beispielloser Personenkult an der Spitze des Staates, der seine Bürger bis heute von Informationen aus der Welt abschneidet und in dem es offiziell kein Coronavirus gibt. Die Plattform „Turkmen.News“ gilt faktisch als einziges freies Medium. Fragen an den Gründer.
mehr »

„Wiener Zeitung“: Aus oder doch Rettung?

Es geht um mehr, als nur das neuerliche Ableben eines Printmediums. Mit dem Ende der „Wiener Zeitung“ würde der österreichische Qualitätsjournalismus eine wichtige Plattform verlieren. Die derzeit diskutierten Optionen einer Umwandlung in eine Wochen- oder eine reine Online-Zeitung sieht nicht nur die Redaktion skeptisch. Ein offener Brief zahlreicher Prominenter aus Politik, Kultur und Wirtschaft Österreichs soll helfen, das Blatt zu retten.
mehr »