Zwischen den Fronten

Internationale Berichterstatter im Irak entführt und getötet

Der Irak ist für Journalisten zur Zeit das gefährlichste Land der Welt. Allein in diesem Jahr sind dort schon 20 Berichterstatter oder Mitarbeiter von ihnen getötet worden. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage haben deutsche Fernsehsender ihre Korrespondenten aus der irakischen Hauptstadt Bagdad zurückgezogen. ARD-Reporter berichten vorübergehend aus Kairo oder Amman.

Den Zuschauern des Fernsehsenders „el-Arabija“ bietet sich am 12. September ein grausames Bild. Der 28-jährige Reporter Masen el-Tomaisi kommentiert gerade live aus Bagdad, dass eine aufgewühlte Menge vor einem brennenden US-Panzer feiert, als von einem Kampfhubschrauber aus eine Rakete in die Menge abgefeuert wird. Man hört eine Explosion und Schreie, der Korrespondent verschwindet aus dem Fernsehbild. Der Palästinenser el-Tomaisi wird bei dem Angriff – wie auch weitere zwölf Personen – getötet. 50 Menschen werden verletzt, darunter auch ein Kameramann von „Reuters TV“ sowie ein irakischer Fotograf. Ein amerikanischer Armeesprecher rechtfertigt den Angriff später damit, dass in dem Panzer befindliche Waffen nicht in die Hände der Aufständischen fallen sollten.

Seit Beginn des Irak-Krieges im vergangenen Jahr kamen mindestens 41 Menschen bei dem Versuch ums Leben, die Öffentlichkeit über den Krieg und die Lage im Land zu informieren – Redakteure und freie Journalisten, Übersetzer und Fahrer. Die meisten von ihnen starben wie el-Tomaisi bei militärischen Angriffen, obwohl US-Präsident Bush schon im Mai 2003 das Ende der Hauptkampfhandlungen erklärt hatte. Doch Journalisten geraten bei den Kämpfen zwischen Aufständischen und US-Militärs immer wieder zwischen die Fronten. Im März dieses Jahres beispielsweise wird das Auto von zwei „El-Arabija“-Reportern beschossen, obwohl es als Medienfahrzeug gekennzeichnet ist. Ali al-Khatib und Ali Abdel Aziz sterben. Mounir Bouamrane und Waldemar Milewicz, die für das polnische Fernsehen arbeiten, werden im Mai in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Der ZDF-Mitarbeiter Mahmoud Hamid Abbas wird im August bei Kampfhandlungen getötet – drei Beispiele von vielen. Die Angreifer sind meist nicht erkennbar, werden nicht ermittelt und nicht zur Rechenschaft gezogen. Dazu kommt die Angst, in die Krallen unberechenbarer Entführer zu geraten.

So wie Georges Malbrunot und Christian Chesnot, die Mitte August entführt wurden. Malbrunot ist Korrespondent der französischen Zeitung „Le Figaro“, Chesnot arbeitet unter anderem für den Fernsehsender „Radio France“. Die beiden wollten am 20. August in die Stadt Nadschaf fahren, wurden aber unterwegs angehalten und von Aufständischen verschleppt. Seitdem bemüht sich die Regierung in Paris um ihre Freilassung – bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe allerdings vergeblich.

Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Hoffnung, dass die Journalisten bald freikämen. Doch die Informationen über das Schicksal der beiden Franzosen entpuppen sich im Nachhinein zumeist als Gerüchte. Eine „Islamische Armee im Irak“ bekannte sich zu der Entführung. Zunächst forderte die Gruppe die Aufhebung des Kopftuchverbotes an Frankreichs Schulen. Später berichteten Korrespondenten von Lösegeldforderungen in Millionenhöhe. Mehrfach hieß es zwischenzeitlich, die Entführten seien bereits freigelassen oder an Vermittler übergeben worden; doch diese Informationen bewahrheiteten sich nicht. Frankreich wurde per Internet erst als Feind der Muslime bezeichnet. Dann lobten die Entführer Paris Anfang Oktober plötzlich für die kritische Position im Irak-Krieg. Die Freilassung der Geiseln erfolgte dennoch nicht. Immerhin – so die offiziellen Mitteilungen der französischen Regierung – gebe es Hinweise, dass Malbrunot und Chesnot noch leben.

Mit Enzo Baldoni wurde kurzer Prozess gemacht. Am 19. August von der Gruppe „Islamische Armee im Irak“ entführt, wurde er eine Woche später tot aufgefunden. Der 56-jährige Mitarbeiter der Zeitung „Diario della Settimana“ hatte einen Hilfstransport des Roten Halbmondes und des italienischen Roten Kreuzes begleitet. Seine Entführer forderten Italien auf, seine 3.000 Soldaten aus dem Irak abzuziehen. Das „Komitee zum Schutz von Journalisten“ (CPJ) nannte den Mord eine sinnlose und verachtenswerte Tat. „Enzo Baldoni war keine Partei in dem Krieg, er war ein neutraler Beobachter, der über Geschehnisse berichtete“, betont die Vorsitzende der Organisation, Ann Cooper. Doch das war seinen Entführern egal. Auch Aufrufe von westlichen wie arabischen Journalistenorganisationen, sofort damit aufzuhören, Reporter zu Zielscheiben zu machen, verhallten ungehört. Den Entführern geht es darum, Angst und Schrecken zu verbreiten – auch und gerade unter den Medienschaffenden.

Wie Entführungen im Irak ausgehen, kann deshalb nicht vorhergesehen werden. Elf Journalisten kamen wieder auf freien Fuß. So beispielsweise der amerikanische Journalist Micah Garen und sein Übersetzer Amir Duschi, deren Entführung nach acht Tagen endete. Die beiden arbeiteten an einem Film über archäologische Stätten und deren Schutz in Kriegsgebieten. Ihre Freilassung erfolgte, obwohl die US-Streitkräfte der Forderung nach einem Abzug aus Nadschaf nicht nachkamen. Motive und Hintergründe solcher Entführungen sind meist unklar. Die betroffenen Regierungen schweigen zu der Frage, ob Lösegeld gezahlt wurde oder nicht.

Die Unberechenbarkeit der Aufständischen sind die eine, die Einschüchterungen und Behinderungen von offizieller Seite die andere Seite der Medaille. Wer aus dem Irak berichtet, gerät schnell ins Visier der Rebellen; er kann aber auch den Besatzern oder der Übergangsregierung auffallen. Dies gilt insbesondere für den arabischen Fernsehsender „El-Dschasira“, der nach einer Anordnung der irakischen Übergangsregierung seit dem 7. August nicht mehr im Land arbeiten darf. Ebenfalls im August wurden vier Mitarbeiter der iranischen Nachrichtenagentur IRNA von der irakischen Polizei festgenommen. Ein Grund dafür wurde nicht genannt. Schon im Juli 2003 hatten US-Soldaten zwei Reporter des staatlichen iranischen Fernsehens festgenommen und vier Monate lang inhaftiert, weil sie angeblich die Sicherheit des Irak gefährdeten. Die Behörden in Teheran waren zunächst von einer Entführung ausgegangen, weil sie erst zwei Wochen nach dem Vorfall informiert wurden.

Im Januar dieses Jahres sollen drei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters von US-Soldaten verhaftet und misshandelt worden sein. Ein Brief der Reporter ohne Grenzen, die sich bei US-Verteidigungsminister Rumsfeld für eine Untersuchung des Vorfalles einsetzten, blieb unbeantwortet. „Die Aussagen der Journalisten über die Misshandlungen sind erschütternd. Zudem fühlt sich die US- Armee offensichtlich nicht an Gesetze gebunden: seit Monaten hat die Armee es nicht für nötig gehalten, die drei Opfer zu den Vorfällen zu befragen“, heißt es in dem Brief.

Doch trotz der extrem schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalisten, hat sich für die irakischen Medien die Lage deutlich verbessert hat. Während unter Saddam Hussein Meinungs- und Pressefreiheit jahrzehntelang ein Fremdwort war, ist inzwischen eine angesichts des widrigen Umfelds erstaunliche Medienvielfalt entstanden. Mehrere neue Zeitungen und Radiostationen wurden gegründet. Zum Teil passierte das mit Hilfe der US-Besatzer, aber auch aus dem arabischen Raum werden Investoren aktiv. In Bagdad entstand erstmals ein Antennen-Fernsehprogramm und auch ein lokaler TV-Sender wurde ins Leben gerufen. „Die Berichterstattung ist für irakische Verhältnisse heute sehr frei möglich. Es tut sich eine Menge, die Lage der Medien ist viel besser als früher“, betont Katrin Evers von Reporter ohne Grenzen.

 

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