Ruhiger Mahner

Hermann Vinke, einst ARD-Journalist, schreibt weiter Jugendbücher

Weiße Haare, freundliches Gesicht, warmherzige Stimme. Gleich holt Hermann Vinke ein Märchenbuch hervor, um es seinen Enkeln vorzulesen. Weit gefehlt.

Die Bücher, mit denen der frühere ARD-Hörfunkjournalist zu tun hat, sind von ganz anderem Kaliber: Der mehrfach preisgekrönte Autor schreibt seit 32 Jahren zeitgeschichtliche Werke, vor allem über die Nazi-Zeit, aber auch über DDR und BRD. Zum Vorlesen eignen sie sich allerdings durchaus, denn die meisten seiner rund 20 Bücher richten sich an Jugendliche, sind also eingängig formuliert.
Sein bisher erfolgreichstes Werk erschien 1980: „Das kurze Leben der Sophie Scholl“. Seitdem wird die Widerstandskämpferin nicht länger „nur als Anhängsel von Hans Scholl“ wahrgenommen, meint Vinke. Eine halbe Million Exemplare in mehreren Sprachen wurden verkauft, und der Autor erhielt dafür zwei angesehene Preise: den „Buxtehuder Bullen“ und den „Deutschen Jugendbuchpreis“.
Sein jüngstes Werk („Wunden, die nie ganz verheilten“) ist wenige Monate alt und lässt NS-Zeitzeugen zu Wort kommen, bevor sie für immer verstummen. „Diese Menschen dürfen einfach nicht vergessen werden“, sagt Vinke, der im September 70 Jahre alt wurde. „Es wäre schlimm, wenn wir uns dem Auftrag der Erinnerung künftig verweigern würden.“
Vergangenheitsbewältigung als Lebensthema: Das erklärt sich vielleicht aus Vinkes Biografie. 1940 im Emsland geboren, als mittleres von neun Kindern einer katholischen Zimmermannsfamilie; der Vater kriegsversehrt und Wehrmachtsdeserteur; der 13-jährige Bruder beim Einmarsch der Alliierten getötet; seine Heimat: eine Region mit mehreren ehemaligen Nazi-Lagern.
In den 1960-er Jahren, als Vinke mit gerade mal 23 Jahren Lokalchef der Papenburger Ems-Zeitung wurde, da schrieb er gerne über Heimatgeschichte – gemeinsam mit Gerhard Kromschröder, dem späteren stern-Reporter. Heimatgeschichte? Dazu gehörten auch die Lager. Doch die Recherchen der beiden kamen gar nicht gut an. „Lasst doch den alten Kram!“, schimpften die Leute, als die Jungredakteure zum Beispiel widerlegten, dass in den Lagern vor allem Kriminelle eingesessen hätten. Das ging nicht lange gut für die beiden. Sie sollten sich doch bitte spätestens innerhalb eines Jahres einen neuen Arbeitsplatz suchen, verlangten ihre Chefs nach vielen Leserprotesten. Kromschröder ging 1967, Vinke ein Jahr später. Er landete in Moers, wo er zuerst für die Neue Ruhr Zeitung und dann für die WAZ schrieb.

Bremen–Berlin–Bremen

Der Emsländer mit dem rollenden „R“ blieb seiner Heimat aber auf spezielle Weise verbunden: 1969 übermalte er einen geschichtsklitternden Gedenkstein auf einem Lagerfriedhof und ging später sogar mit Hammer und Meißel gegen die Inschrift vor. Das brachte ihm ein Ermittlungsverfahren ein, aber auch das überstand er ungebrochen: Es wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Nach alledem war Vinke natürlich erste Wahl, als ein Verlag einen Autor suchte, der über den einstigen Lagerhäftling Carl von Ossietzky schreiben könnte. So kam 1978 Vinkes erstes Buch auf den Markt. Da war er schon seit acht Jahren NDR-Redakteur in Hamburg und hatte nebenbei Geschichte, Soziologie und Entwicklungswirtschaft studiert.
Beim Hörfunk konnte er einen Kindheitstraum realisieren: ins Ausland gehen. Ab 1981 berichtete er aus Tokio über Ostasien und beobachtete hautnah den Sturz des philippinischen Präsidenten Marcos.
1986 katapultierte das ARD-Korrespondentenkarussell ihn nach Washington und 1990 nach Ostberlin. Bis dahin hatte er schon viel erlebt, aber die Wendezeit „hat alles getoppt“. „Wenn Sie morgens aufstehen, wissen Sie: Heute findet Geschichte statt, und Sie dürfen darüber schreiben.“
1992 begann dann für ihn eine Zeit, über die er nicht mehr sprechen möchte: Vinke wurde Hörfunk-Programmdirektor bei „Radio Bremen“. Er versuchte den Spagat, das anspruchsvolle zweite Programm zu erhalten und das erste Programm massentauglicher zu machen. Dabei begab er sich aber zu weit in die Niederungen des Seichtfunks, wie Kritiker fanden.
Die konfliktträchtige Bremen-Phase endete 2000 mit der Rückkehr nach Berlin: Vinke berichtete fortan als Reisekorrespondent über Osteuropa – zunächst festangestellt, ab 2002 freiberuflich, bis zu seinem Ruhestand 2007.
Ruhestand? Davon kann keine Rede sein. Der parteilose „unabhängige Linke“ plant weitere Buchprojekte und reist derweil durchs Land, um Jugendlichen die jüngere Geschichte nahezubringen, manchmal auf 60 Lesungen pro Jahr. Warum gerade junge Leute? Weil die „noch nicht so festgelegt“ sind, sagt der verheiratete fünffache Vater, der wieder in Bremen lebt und möglichst jeden Tag auf dem Deich Rad fährt.
Eines muss er aber noch loswerden: Er ist ja schon seit über 40 Jahren dju-Mitglied und war stellvertretendes Betriebsratsmitglied beim NDR. Aber medienpolitisch scheint die Gewerkschaft ihm „eingeschlafen“ zu sein. „Wir kommen kaum noch in den Medien vor“, klagt er und wird dabei auch mal lauter.
Zum zornigen Alten wird der freundliche Großvater, wenn er an „Armut, Elend, Hunger und Ausbeutung“ denkt. „Das treibt mich um.“ Denn: „Wenn man 70 geworden ist, dann überlegt man sich: Was hinterlässt unsere Generation den kommenden?“ Sein Beitrag für eine bessere Welt: „Ich habe viele Ideen für neue Bücher, und diese Themen gehören gewiss dazu.“

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