ARD: scharf, aber respektvoll im Bürgerparlament

Portrait von Günter Herkel

Günter Herkel lebt in Berlin und arbeitet als freier Medienjournalist für Branchenmagazine in Print und Rundfunk.
Foto: Jan-Timo Schaube

Meinung

In zentralen gesellschaftlichen Problemen – Corona, Migration, Arm und Reich – erleben viele Menschen die Gesellschaft als gespalten. Seit Amtsantritt der Ampelkoalition hat sich nach einer Infratest dmap-Umfrage im Auftrag der ARD der gesellschaftliche Zusammenhalt sogar noch verschlechtert. Mit ihrer Themenwoche „WIR gesucht – Was hält uns zusammen?“  will die ARD gegensteuern. Neue Formate wie „Das Bürgerparlament“ sollen den direkten Dialog mit dem Publikum fördern. Auftakt gelungen.

Keine leichte Aufgabe, denn das Verhältnis des Publikums zu den Medien selbst ist in die Krise geraten. Allenthalben ist von Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust die Rede. Das Image des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird gegenwärtig durch eine Skandalserie beschädigt. Eines Rundfunks, dem das Bundesverfassungsgericht eine entscheidende Rolle in der politischen Willensbildung und gesellschaftlichen Integration zuschreibt. Dazu gehört aber auch ein Publikum, das sich nicht mit der Rolle des passiven Konsumenten begnügt, sondern sich als Bürger mit Anspruch auf Teilhabe begreift.

Die NDR Talkshow „Das Bürgerparlament“ versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. In einem dem britischen Unterhaus nachempfundenen Hamburger Studio diskutieren Bürgerinnen und Bürger miteinander „auf Augenhöhe“, wie es heißt „ohne Expertinnen, ohne Politiker, mit Argumenten statt mit Polemik, scharf, aber respektvoll“. Die Auftaktsendung vom 8. November, dem „ARD-Dialogtag“, fiel durchaus gelungen aus. Der Rahmen: 20 per Online-Bewerbung ermittelte Menschen unterschiedlicher Herkunft, vom LKW-Fahrer (59) über die Soldatin (29) bis zum ehemaligen Geschäftsführer (72) diskutierten unter dem Slogan „Verzicht, nicht mit mir!“ – ein vor dem Hintergrund von Inflation, Energiekrise und wohlfeilen Politiker-Empfehlungen höchst brisantes Thema.

Ein lebhafter Schlagabtausch, befördert durch gut vorbereitete, überwiegend eloquente Teilnehmer*innen, eine maximale Redezeit von 60 Sekunden und mit einem wohltuend zurückhaltenden „Parlamentspräsidenten“ und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni. Ein Identifikationsangebot für „Normalbürger“, die TV-Talk-Shows mit dem ewig gleichen politischen Personal und parteitaktischen Manövers satthaben. Oder, wie die taz urteilte, „gutes Reality-TV“, das den Zuschauer*innen zu Hause das Gefühl gab: „Hey, das da im Fernsehen könnte ich sein.“

Versuche, das Publikum stärker in die öffentliche Meinungsbildung einzubinden, hat es schon früher gegeben. Vor allem im Hörfunk haben Call-in-Sendungen mit Bürgerbeteiligung eine lange Tradition. Als Pionier-Format gilt „Hallo Ü-Wagen“ – eine Mitmachsendung, in der die WDR-Radiojournalistin Carmen Thomas 20 Jahre lang (1974-1994) wöchentlich Menschen zu vom Publikum angeregten Alltags- und Tabuthemen mit Experten und Publikum live interviewte.

Auch in der Gegenwart gibt es einige Formate, die sich zumindest ansatzweise um einen Dialog mit dem Publikum bemühen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg versucht es mit dem RBB-Bürgertalk „Wir müssen reden!“, einem Forum, bei dem Politiker und Experten an öffentlichen Orten mit Publikum in Kontakt treten. Zuletzt geschehen am 18. Oktober live im Einkaufszentrum „Der Oderturm“ in Frankfurt/Oder, passenderweise zum Thema „Zwischen Wut und Existenzangst – warum gehen im Osten so viele auf die Straße“. Ganz ähnlich verfährt seit 2016 der WDR-Zuschauer-Talk „Ihre Meinung“ mit Moderatorin Bettina Böttinger.

Sendungen dieses Kalibers laufen allerdings Gefahr, die Omnipräsenz von Politiker*innen noch zu steigern, die Bürger*innen dagegen auf eine Statistenrolle zu degradieren. So geschehen in den sogenannten „Townhall-Meetings“, die von den Sendern seit einigen Jahren gern im Umfeld von Wahlen organisiert werden. Und in denen „Bürgerbeteiligung“ sich meist in der Rolle von Stichwortabgabe für monologisierende Politiker*innen erschöpft.

„Die Sender müssen ein starkes Eigeninteresse haben, ihre Beziehungen zum Publikum dialogischer zu gestalten“, urteilte der vor einem Jahr verstorbene Medienkritiker Fritz Wolf in seiner 2015 für die Otto-Brenner-Stiftung verfassten Studie „Wir sind das Publikum – Autoritätsverlust der Medien und Zwang zum Dialog“. Diese Dialogisierung müsse offensiv angegangen und als Ziel auch öffentlich kommuniziert werden. Wolf forderte seinerzeit die Sender auf, entsprechende Sendeformen zu entwickeln, „die dem stärkeren Kontakt mit dem Publikum als mündigen Bürgern dienen“.

Das NDR-„Bürgerparlament“ kommt dieser Aufforderung exemplarisch nach. Die Sendung setzt mehr Vertrauen in die Bürger*innen selbst: Das Innovative besteht gerade im Verzicht auf Experten und Politiker. Auf diese Weise lässt sich nicht nur die Meinung eines diversen Publikums zu gesellschaftlichen Themen aller Art einholen und öffentlich diskutieren. Über dieses weitgehend ungefilterte Format können Bürger auch über ihre Ansprüche an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder an ein modernes Mediensystem befragt werden bzw. miteinander in Austausch kommen.

Nächste Folge von „Das Bürgerinnenparlament“ (!) am 15. November 21 Uhr im NDR. Thema: „Gendern, Euer Ernst?“

 

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