Augen zu und durch?

Mannheimer Morgen: Schlechtes Betriebsklima treibt Redakteure zu Kündigungen

Von den rund 80 Redakteurinnen und Redakteuren der nordbadischen Tageszeitung Mannheimer Morgen (Teilzeitstellen eingerechnet) haben rund ein Dutzend jüngst gekündigt. Die Ursache sehen Insider vor allem in einem schlechten Betriebsklima.

Zuletzt kündigte der Ressortleiter Wirtschaft – nach rund einem Jahr in der Redaktion des Mannheimer Morgen (MM). Sein Vorgänger war nach gut einem Jahr zu seinem früheren Arbeitgeber zurückgekehrt. Mittlerweile verlassen die Redaktionsmitglieder den MM offenbar nicht nur, weil andernorts eine bessere Position lockt, sondern weil die Flucht selbst das Ziel ist. Ein weiteres Mitglied der Wirtschaftsredaktion lehnte das Angebot eines unbefristeten Arbeitsvertrages ab und entschied sich für eine freie Tätigkeit. Eine zwei Jahrzehnte lang beschäftigte Wirtschaftsredakteurin kündigte kurzerhand und lebt nun von freier Tätigkeit. Der MM, das sei hier unterstrichen, bezahlt reguläre Tarifgehälter und, für ältere Redakteure, eine respektable Betriebsrente.
Das anhand der MM-Wirtschaftsredaktion beschriebene Phänomen steht für die komplette Redaktion dieser Tageszeitung. Das sei eine ganz natürliche Fluktuation, hieß es dazu von Seiten der Geschäftsführung in einer Betriebsversammlung. Der Betriebsrat erläutert, dass der Geschäftsführer, zeitig auf die gehäuften Kündigungen angesprochen, darauf nur mit einem Schulterzucken reagiert habe.
Aber laut MM-Kollegen liegen die Ursachen der Kündigungen weniger in einer Verlockung durch neue Perspektiven, sondern in einem unerträglich gewordenen Betriebs- und Arbeitsklima. Betroffen davon sind alle Ressorts. Sport: eine Redakteurin kündigt wegen einer, wie es heißt, als ungerecht empfundenen Arbeitsverteilung. Vermischtes: ein Online-Redakteur kehrt zu seinem früheren Arbeitgeber zurück, weil ihm angeblich die Rückendeckung von Seiten der Ressortleitung fehlt. Politik: ein Redakteur kündigt, weil eine auf Polemik basierende Kommunikation ein offenbar unerträgliches Ressortklima schafft. Eine weitere Kollegin verlässt das Politikressort freiwillig zum Ablauf der Probezeit.
Bei allem gibt es eine offizielle Begründungsvariante, aber auch eine inoffizielle. Inzwischen, sagt man, frage immer öfter auch das Personalbüro nach, denn die in Redaktionskonferenzen und Vollversammlungen thematisierten Missstände wuchern unverändert weiter. Zugleich nimmt die Zahl ernsthafter Erkrankungen zu. Ein Herzinfarkt hier, anhaltende Gereiztheit dort, bei einer Betriebsversammlung war von Entnervtheit und Tränenausbrüchen die Rede.
Die Ursachen für all dies werden in zweierlei vermutet: Einmal in der stetig gewachsenen Arbeitsbelastung, die mit Jahr für Jahr neuen Projekten einherging. Es begann demnach mit der Einführung des Newsdesks und einer nicht geregelten Kompetenzhoheit zwischen Deskchef, Ressortleitern, Newsroomchef und Chefredaktion. Weiter ging es den Kollegen zufolge mit einer Jahresrückblicksbeilage im Magazinformat, die zusätzlich zu erstellen war und zuletzt mehrere Arbeitskräfte beanspruchte. Es folgten ein neues Bildbearbeitungssystem, ein neues Textverarbeitungssystem und zuletzt ein substantiell verändertes neues Layout. All diese jahrelang verschleppten Projekte, deren Realisierung per se außer Frage stand und zum Teil gut gelang, mussten im normalen Alltag bewältigt werden. Zugleich wurde, wie es heißt, der Abbau angesammelter freier Tage erwartet.

Inkompetenz und Ignoranz

Und hier macht sich als Ursache der gewachsenen Unzufriedenheit der zweite Punkt bemerkbar, nämlich der Führungsstil im Hause Mannheimer Morgen. Von Inkompetenz und Ignoranz ist da die Rede, von menschenverachtendem Autoritätsgehabe und, bezüglich der Themensetzung, von intelligenzfreier Orientierung an Agenturumfängen, Beschränkung auf Onlineaktualität als Auswahlkriterium und von lokalpolitischer Gefälligkeit.
Als tieferer, weiter zurückliegender Grund für diese Entwicklung wird noch der Streit um das Redaktionsstatut vor rund zehn Jahren angeführt, der den Wendepunkt im Mannheimer Morgen markiert haben soll. Damals wurden zur Inthronisierung eines neuen, des heute noch amtierenden Chefredakteurs die Mitspracherechte des Redaktionsrats ausgehebelt, und die folgende gerichtliche Auseinandersetzung vergiftete den Umgangston offenkundig nachhaltig.
Vor allem aber wurde gerade damals auch die mittlere Führungsebene neu besetzt, und bei der Wahl der neuen Ressortleiter etwa für Sport, Lokales, Regionales und Vermischtes waren scheinbar mehr die Gefügigkeit und die Willfährigkeit eines Kandidaten gefragt als die fachliche und auch menschliche Kompetenz. Erschwerend komme ferner zum einen hinzu, dass aus dem Pool dieser mittleren Führungsebene die rotierenden Deskchefs gestellt werden, und dass zum anderen diese Führungsebene schon aus Altersgründen sicherlich noch bis zu 15 Jahren so bestehen bleiben dürfte. Grund genug gerade für jüngere Redakteure, den Absprung möglichst früh zu schaffen. Aber was machen die anderen: Augen zu und durch? Für die Lesbarkeit einer Tageszeitung, sprich die journalistische Qualität, nicht gerade die ideale Einstellung! „Nun, es gäbe da ja noch die Möglichkeit, sich gemeinsam zu wehren“, so ver.di-Mediensekretär Gerhard Manthey aus Stuttgart. In der Tat habe die Verlagsleitung in den vergangenen Jahren alles getan, um die Kolleginnen und Kollegen kommerziell gefügig zu machen. „Und leider haben sie nie ihr von uns bis zum Bundesarbeitsgericht erkämpftes Redaktionsstatut in Anspruch genommen, um ihre redaktionelle Unabhängigkeit zu sichern. Die Angst und die Einschüchterung haben bisher gewirkt! Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif, für einen gemeinsamen Widerstand. Wir bieten dafür jede Unterstützung an“, versichert Manthey.

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