Aufbruch und Wandel

Die Lage könnte nicht verworrener sein: Einerseits meldet die Filmförderanstalt FFA Halbjahreserfolge für die Filmbranche, auch große TV-Sender bekennen sich zu mehr Eigenproduktionen. Andererseits setzen Filmtheaterpleiten und erfolglose Kino-Tarifverhandlungen eher negative Zeichen.

Seit Anfang des Jahres ist das neue Filmfördergesetz in Kraft – und trotzdem monieren Produzenten Hindernisse wie zu geringe Förderung. „Neue Arbeitsplätze und Innovation in einer Zukunftsindustrie“ verspricht eine Resolution, die derzeit kreist und mit möglichst vielen Unterschriften an den „sehr geehrten Herrn Bundeskanzler“ geschickt wird. Es geht jedoch nicht um die Arbeitsmarktreform Hartz IV und deren Veränderung oder Verhinderung. Vielmehr macht sich der Lobbyverband „film20“ stark für „ein zweites Förderinstrument“ – gemeint sind Steueranreize für Privatanleger zugunsten deutscher Filmproduktionen. Derartiges habe „in immer mehr Ländern für einen Entwicklungsschub der heimischen Filmwirtschaft“ gesorgt, und werde auch hierzulande „mehr Auslastung für die Studios, mehr Produktion und Koproduktion, mehr Qualifikation on the job für die künstlerischen und technischen Kreativen“ bringen, verspricht „film 20“.

Gestartet bei der internationalen Konferenz für Film- und Fernsehproduktion Ende August in Potsdam-Babelsberg zielt die „film 20“-Initiative auf einen „Durchbruch zu nachhaltigem Aufschwung“, wie Generalsekretärin Georgia Tornow betonte. Sie will zusätzlich zur Bundes- und Länderförderung (M 03 / 2003) die fast 2 Milliarden Euro deutsches Privatanlegerkapital aus Medienfonds, das bisher hauptsächlich in internationale Produktionen fließt, für hiesige Produzenten nutzbar machen. Das Verfahren nach britischem Vorbild nennt sich Sale and Leaseback für Filmproduktionen – mit einem „German Spend“: Ein bestimmter Anteil des Filmbudgets muss in Deutschland ausgegeben werden.

Das Modell zielt nicht nur auf deutsche Produktionen, sondern ebenfalls auf die so genannten „vagabundierenden Projekte“, jährlich weltweit 150 Filme, die an keinen Produktionsort gebunden sind, sondern dort gedreht und nachbearbeitet werden, wo die Rahmenbedingungen (Finanzierung, Infrastruktur) günstig sind, darunter Streifen wie der Oscar-Gewinner „Cold Mountain“ (Rumänien) und „Herr der Ringe“ (Neuseeland). Erarbeitet haben das Modell Experten um den Steueranwalt Stefan Lütje von der renommierten Kanzlei Linklaters, Oppenhoff & Rädler, diskutiert wurde es bei mehreren Kongressen, 12 workshops, zwei parlamentarischen Abenden und etlichen Hinterzimmerrunden. Immerhin lobbyiert „film 20“ schon seit letztem Jahr bei den politisch Verantwortlichen.

Intelligentes Finanzkonzept

Und die auch von Fachleuten nicht wegzudiskutierenden Argumente sprechen für sich: Selbst bei konservativer Rechnung würde die Einführung 50 Prozent mehr Beschäftigung in der Filmwirtschaft direkt bedeuten, Kapazitätsauslastung der Studios und mindestens Verdreifachung der Beschäftigung in angrenzenden Branchen sowie 330 Mio. Euro geringere Ausgaben bei den Sozialkassen im Jahr 2010 und 700 Mio. Euro zusätzliche Liquidität in der Staatskasse im gleichen Jahr. Den Anlegern garantiert Sale and Leaseback neben Steuervorteilen eine sichere Rückzahlung. Dabei ist das Modell, wie „film 20“ betont, keine neue Subvention, sondern „eine Steuerverschiebung mit Rückzahlgarantie“. Anfängliche Steuer-Mindereinnahmen würden durch die wirtschaftlichen und steuerlichen Effekte schnell kompensiert.

Außerdem stärke eine reformierte Förderung wie das novellierte Filmfördergesetz zusammen mit neuen Formen wie Sale and Leaseback die mittelständische deutsche Filmwirtschaft, verhelfe zusammen mit anderen Maßnahmen zu einer gesünderen Eigenkapitalausstattung. Denn die ist wahrlich nicht üppig – Produzenten leben „abhängig von Sendern von der Hand in den Mund“, moniert auch Bernd Burgemeister, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Fernsehproduzenten. Ohnehin ist das TV-Auftragsvolumen in den letzten vier Jahren von über 2 auf 1,6 Milliarden Euro gesunken. Hoffnung auf Aufschwung versprechen nicht nur steigende Werbeeinnahmen, sondern auch Bekenntnisse wie vom Chef der RTL-Gruppe, Gerhard Zeiler, bei der Präsentation des neuen Programms: „eigenproduzierte Fiction“ mache große TV-Sender „unverwechselbar“. Auch Sat.1-Vizechefin Alicia Ramirez setzt weiter auf profilprägende TV-Movies (etwa 20 pro Jahr) und eigene Serien.

Selbst wenn der TV-Produktionskuchen wieder größer wird: die besten Happen teilen sich vor allem wenige Große – wie im Kinobereich sind auch hier Konzentrationsprozesse unübersehbar. So hat sich erst im August durch einen Überraschungscoup mit der MME AG (Me, Myself & Eye) die „größte unabhängige TV-Produktionsgesellschaft in Deutschland“ gegründet. Zumindest behauptet das der neue MME-Vorstandschef Martin Hoffmann, der vom neuen ProSiebenSat.1-Besitzer gefeuerte frühere Sat.1-Chef. Durch die Übernahme der Moviemento GmbH (Köln, München) beliefert MME künftig alle großen TV-Stationen (Sat.1, RTL, WDR, ARD, ZDF) und will mit einem Umsatz von knapp 73 Millionen Euro unter die fünf größten TV-Produzenten aufrücken. Der avisierte Umzug der MME-Zentrale von Hamburg nach Berlin kündigt eine weitere Verschiebung zwischen den traditionellen Filmstandorten an – immerhin bleibt die Hoffmann-AG auch in München und Köln präsent.

Produzenten-Konzentration

Die MME-Aufholjagd beim Umsatz wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Constantin Film AG, die zusammen mit der Kirch Media Entertainment fast 200 Mio Euro dieses Jahr umsetzen will – allerdings aus einer Mischung von Verleih (u. a. „(T)raumschiff“), Rechtehandel und TV- / Kino-Produktion. Ein ähnliches Konglomerat in der Film-TV-Branche ist die Tele-München-Gruppe von Gerhard Kloiber (u. a. RTL II, Tele 5, Lizenzhandel und TV-Produktionen) und die Firma Eos des früheren Kirch-Managers Jan Mojto. Jedoch sind die vier TV-Spitzenproduzenten mit zusammen 936,5 Mio Euro Jahresumsatz in Deutschland allesamt Konzerntöchter: die Ufa-Gruppe ist im Bertelsmann-Besitz, Studio Hamburg eine NDR-Tochter, an der Bavaria sind u. a. WDR, SWR und MDR beteiligt und Endemol (u. a. Big Brother) gehört der spanischen Telefonica.

Genau diese Situation kritisieren im Schulterschluß „film 20“ und der TV-Produzentenverband sowie weitere Organisationen. Außer finanziellen Verbesserungen durch Bundes- / Länderförderung und neue Steuermodelle fordern sie denn auch einen Fair-Play-Kodex zwischen mächtigen Sendern und kleinen Mittelständler-Produzenten. Wirklich dual sei das deutsche Rundfunksystem nur, wenn sich der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Tochterfirmen in Transparenz und Selbstbeschränkung übe, sagt Georgia Tornow.

Außerdem müsse durch veränderte Handelsbedingungen der Beteiligten ein funktionierender Zweitrechte-Markt in Deutschland entstehen, aus dem dann die Produzenten bessere Erträge schöpfen können. Stichworte sind dabei die Digitalisierung und Veränderungen etwa im Kabelmarkt – sie lassen neue Vertriebswege (Handy, mobile Media) für audiovisuelle Produkte entstehen. Dazu kommt noch der Spiele-Bereich (PC, Konsolen etc.), ein allein bei Software in Deutschland über eine Milliarde Euro schwerer Markt, der Filmproduzenten neue Chancen eröffnet. Deshalb waren Games und Film auch Schwerpunkt der jüngsten Medienwoche Berlin-Brandenburg. „Noch sind wir nicht so weit, dass wir den Startschuss für eine Games-Förderung geben können“, räumt allerdings die neue Chefin des Medienboard Berlin-Brandenburg, Petra Müller, ein.

Zumindest sind im neuen, seit 1. Januar geltenden Filmfördergesetz, Computer- und Video-Spiele erstmals als förderungswürdige Kunst eingestuft. Insgesamt steigt der wesentlich aus Branchenabgaben gespeiste Fördertopf der FFA auf 52,7 Millionen Euro, verdoppelt sich die Film-Absatzförderung um das Doppelte. Als Nachfolge der Export-Union des Deutschen Films wurde Ende August die German Film-Service and Marketing GmbH gegründet und mit neuen Mitgliedern auf breitere Basis gestellt. Kein Wunder, dass der neue FFA-Chef Peter Dinges seine Halbjahresbilanz 2004 unter die Überschrift stellte „Der Aufschwung kehrt zurück“. Zu der für das Jahresende zu erwartenden positiven Filmbilanz trage, so Dinges, der deutsche Film und das neue Selbstbewusstsein der Kreativen nicht unwesentlich bei.

Ob nur Umbruch in der Film- / TV- und Kino-Branche oder Aufbruch – entscheidend für ver.di ist, wie viele Jobs es gibt und unter welchen Bedingungen die Beschäftigten arbeiten. Und da stehen die Zeichen auf Sturm (Kinotarife Seite 23 / 24), führen die neuen Arbeits- und Sozialreformen der Bundesregierung (M 8 – 9/2004) eher zu einer „Verhartzung“ – besonders für Mitarbeiter bei Film- und TV-Produktionen. Zusätzlich angeheizt werden dürfte der Studiowettbewerb durch die EU-Osterweiterung. Schon jetzt erweisen sich Prag und Warschau als harte Standort-Konkurrenten – etwa für die Medienstadt Babelsberg. Dort hat sich der Käufer des traditionsreichen Ufa-/Defa-Geländes, Vivendi, nach zwölf verlustreichen Jahren zurück gezogen. Die Neubesitzer Carl Woebcken (Berliner Animations Fonds) und Christoph Fisser (Atelierbetriebe München-Schwabing) setzen zwar weiter auf eine Mischung aus TV- und Filmproduktion. Doch 50 der 220 Festangestellten sollen abgebaut werden, befürchtet Betriebsratsvorsitzender Jan-Peter Schmarje.

 


Bücher

Jahrbuch 2004 des Bundesverbandes Deutscher Fernsehproduzenten (Hg.),
VISTAS Verlag, 275 Seiten, 15 Euro,
ISBN 3-89158-381-8

Die Fernsehproduzenten – Rolle und Selbstverständnis
Lutz Hachmeister, Dieter Anschlag (Hg.),
UVK Verlagsgesellschaft, 268 Seiten, 24 Euro
ISBN 3-89669-423-5

Dominic Case: Filmtechnik in der Postproduktion. Das Kompendium
Aus dem Englischen von Anne Urban.
Zweitausendeins, Frankfurt / M. 2004,
220 Seiten, zahlreiche Abbildg., 20 Euro,
ISBN: 3-86150-611-4, nur über Verlagsversand www.Zweitausendeins.de

KaPe: Grundlagen der Filmbelichtung
mediabook-Verlag, 188 Seiten, A6,
19.80 Euro, ISBN 3-937708-01-4


Links

www.ffa.dewww.kulturstaatsministerin.dewww.film20.dewww.tv-produzenten.de

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »

WDR: Rundfunkräte debattieren über Programmauftrag

Unruhe im WDR: Ein Drittel der Mitglieder des Rundfunkrates wollte auf einer Sondersitzung des Gremiums grundsätzlich über den Programmauftrag des Senders diskutieren. Befürchtet werden Qualitätsverluste bei der Umschichtung von „linear“ zu „online“, vor allem bei Kulturformaten. Zur Unterfütterung ihrer Positionen hatte die Gruppe ein Diskussionspapier mit zehn Punkten zur „Zukunft der Gestaltung des Programmauftrags im WDR“ vorgelegt. Das Echo auf diesen Vorstoß fiel allerdings gemischt aus.
mehr »