Den Virus ins Haus geholt

Dudelfunk im Saarland zwischen Qualitäts- und Quotenkampf

Unter dem Motto „Dudelfunk auf allen Wellen? Die Zukunft der saarländischen Radiolandschaft zwischen Qualitätsanspruch und Quotenkampf“ hat die ver.di-Betriebsgruppe beim Saarländischen Rundfunk (SR) eine brisante Diskussion organisiert. Aus Neutralitätsgründen moderierte TV-Mann Wolfgang Wirtz-Nentwig.

Mit der Einführung von „Format“-Radios wurde die grundlegende Veränderung eines Mediums vollzogen. Seit das Radio Trendsetter wurde, meinen Experten eine Anpassung der Qualität nach unten festzustellen. Das Radio ist ein tagesbegleitendes Medium – zur Vertiefung eines Themas benutzt man die Tageszeitung. Nach Ansicht von Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk war Radio in Deutschland früher „staatstragender“ – erst mit den Privaten habe man sich „den Virus ins Haus geholt und Quote zum Hauptkriterium gemacht“.

Für den Medienpsychologen an der Universität des Saarlandes eine Situation, welche die öffentlich-rechtlichen Anstalten plötzlich in eine Lage versetzte, „als wenn der Vatikan Präservative herstellen würde“. So weist SR-Programmdirektor Dr. Hans-Günther Brüske vehement die Kritik am Kulturprogramm SR2 zurück: Wer schimpft, „versündigt“ sich an einem anspruchsvollen Programm, das unter der Woche zwei Prozent Höreranteil hat – immerhin 20.000 Hörer, wie eingeworfen wird.

Ungenutztes Info-Angebot

Geht es um Quote statt Qualität, kann im Saarland „Radio Salü“ ohnehin niemand das Wasser reichen. Der Privatsender („Die neuesten Hits und das Beste aus den 80ern“) ist mit deutlich über 30 Prozent klarer Marktführer – „bei einem Etat von 6 Millionen Euro jährlich gegenüber 125 Millionen Euro beim Saarländischen Rundfunk“, wie Salü-Geschäftsführer Jan-Michael Meinecke nicht müde wird, zu vergleichen. Ein Vergleich, der hinkt, ist doch der öffentlich-rechtliche Output anders als beim Ein-Frequenz-Sender Salü mit den SR-Programmen 1 bis 4 plus dem Jugendsender „Unser Ding“ plus einem ausgedehnten TV-Bereich in Masse und Klasse sehr ordentlich. „Früher war’s ein Deal: Die Öffentlich-Rechtlichen haben Geld, um Programm zu machen, die Privaten haben Programm, um Geld zu machen“ – eine Spitze des Moderators, die Salü-Chef Meinecke bestätigt: „Quote ist für uns Qualität.“ Dennoch fahre Radio Salü Informationsanteile „nicht systematisch“ zurück, behauptet Meinecke. Eine in der Detail-Analyse wohl kaum haltbare Aussage, zumal sie die starke inhaltliche Kritik ignoriert – Salü hat keinerlei monothematische Sendungen im Programm, und in der Berichterstattung werden vom „O-Ton“ abweichende Darstellungsformen wie Features, Kommentare, Portraits, Diskussionen seit je her vermisst.

Was kann sich der SR noch leisten? „Es gibt ein Rundfunk-Symphonie-Orchester, das sehr viel Geld kostet. Ich bin nicht bereit, alles im Angebot zu halten, so dass die Qualität leiden muss.“ Brüske hat Glück, dass gerade keine Musiker im Saal sind, findet aber sogar Beistand in der Person von Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk. Der Wissenschaftler tritt schon länger für eine institutionelle Trennung der im öffentlich-rechtlichen Hybrid-System vereinten Modelle „Einschaltquote“ und „Vermittlung von Bildung und Kultur“ ein. Eine Trennung immerhin, die das Weiterbestehen öffentlich-rechtlichen Rundfunks dauerhaft sichern könnte. Eine Trennung allerdings, die Programmdirektor Brüske nicht schmeckt: „Ich brauche und will Zuspruch – was nützen Nachrichten um 16 Uhr, die keiner hört?“ In Zahlen ausgedrückt, möchte Brüske mit seinem Vorzeige-Programm SR 1 die 30-Prozent-Hürde nehmen. Gleichzeitig spart SR 1 ein, um SR 2 und 3 „vor Einschnitten zu bewahren“.

SR-Redakteur Uli Möhler, ehrenamtlicher ver.di-Vorsitzender im Saarland, würzt die Diskussion mit Insider-Wissen. Er sei erfreut, sagte Möhler, dass es bei SR 1 keine Kürzung im Info-Bereich gegeben habe und das SR-Fernsehen gar eine „Info-Offensive“ plane. Sein Einwand, gerichtet an den Programmdirektor: „Das glauben wir nicht, weil Kollegen Statistik geführt haben!“ Bereits seit 1999 habe der SR im Informationsbereich kräftig abgebaut: „Radio-Report, Abendmagazin, Infozeit – alles ersatzlos gestrichen.“ Der Nachrichtensprecher befürchtet, dass zukünftig überregionale Nachrichten lediglich in Form von 6 – 8-Zeilen-Meldungen stattfinden. „Information ist nicht nur Uhrzeit und Wetter“, gibt Möhler zu bedenken. Durch das Korrespondenten-Netz der ARD habe der SR „kostenlosen Zugang zu viel mehr Angeboten“. Brüskes Erwiderung, eine Nachricht müsse ja „nicht immer von einem Journalisten behandelt werden“, kontert Moderator Wolfgang Wirtz-Nentwig mit der Frage, ob er statt dessen an eine Putzfrau denke. Für ihn, der als „neutraler“ Fernseh-Redakteur und Moderator die Diskussion leitet, stellt sich die Frage nach einer Vision für die Sender: „Aldi oder Feinkost Wiesinger?“

Nächster Clou in Sicht

Hans-Günthers Brüskes Wunsch nach „einem gut sortiertem Aldi“ wird allerdings kaum in Erfüllung gehen. Dudelfunk-Trendsetter und Saarland-Marktführer Radio Salü hat bereits den nächsten Clou im Blickfeld: „Salü Gold“, ein Oldie-Radio für das Saarland, läuft seit Januar 2003 digital über DAB, die Chancen auf eine zusätzliche UKW-Frequenz stehen nicht schlecht. Na, das klingt jetzt aber mehr nach „Rudis Reste Rampe“.

 

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