Die Chancen von Reformen nutzen

Outsourcing und andere Marktstrategien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Ein von kommerziellen und staatlichen Interessen unabhängiger Sender, der die Sorgen und Nöte, die Ziele und Vorstellungen der Bürger seines Bundeslandes in seinem Programm widerspiegelt, seine Zuschauer und Zuhörer sachgerecht und umfassend informiert und damit zum öffentlichen Meinungsbildungsprozeß beiträgt, gerät – um so ernsthafter er dieses betreibt – in von machtpolitischen und kommerziellen Gelüsten getriebene Auseinandersetzungen.

M 10/97
Peter Völker:
Wer schützt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor sich selbst?

Politischer Druck läßt sich heute oft in Mark und Pfennig messen. Dabei werden von unserer kommerziellen Konkurrenz und ihren politischen Lobbyisten nicht ohne Kalkül immer knappere Finanzmittel für unsere Rundfunkanstalten gefordert. Die Strategie unserer Gegner besteht offensichtlich darin, durch eine kontinuierliche Verknappung der Mittel unser Programmangebot im Vergleich zu den Privaten verschlechtern zu wollen. Diffamierungskampagnen werden gezielt während der Ermittlung des Finanzbedarfs für die Öffentlich-Rechtlichen über die private Presse gestartet. In Anbetracht der Verflechtung der großen kommerziellen Medienkonzerne und Verlage ist deren „unabhängige“ Berichterstattung äußerst zweifelhaft: Während bei den öffentlich-rechtlichen Sendern der Personalabbau bejubelt wird, wird jeder neue Arbeitsplatz bei den Kommerziellen als Schaffung „neuer, zukunftsorientierter Arbeitsplätze“ gefeiert.

Als GewerkschafterInnen stehen wir deshalb einerseits vor der schwierigen Aufgabe, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Sender das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem gegen diese Angriffe zu verteidigen, andererseits ist es ein Fakt, daß wir mit kleiner werdenden Mitteln eine notwendige Ausweitung des Programmangebotes zu bewältigen haben.

Unser erstes Ziel als Gewerkschafter sollte es daher sein, daß diese Steigerung der Produktivität nicht durch Arbeitsverdichtung, sondern durch Optimierung der Arbeitsabläufe und Anpassung der Strukturen an die Arbeitsabläufe erreicht wird.

Wirtschaftlichkeit kontra Kreativität?

Mit den gewachsenen Strukturen der öffentlich-rechtlichen Sender, mit ihren starren Hierarchien und dem vorhandenen Abteilungs- und Kästchendenken werden wir nicht in der Lage sein, die Herausforderungen der kommenden Jahre zu überstehen. Reformen und Neuorganisationen sind notwendig. Dabei ist für uns in erster Linie entscheidend, wie diese Reformen zustande kommen. Eine Neuorganisation über das Management erhält in der Regel die Hierarchiestrukturen und rationalisiert nur an der Basis. Dadurch wird das Hauptziel die Effizienzsteigerung, also die Arbeitsverdichtung. Die Ergebnisse dieser Maßnahmen sind in Anbetracht der schon vorhandenen Arbeitsverdichtung in den Produktionsbereichen für alle Beteiligten nicht befriedigend. Die Motivation der Kolleginnen und Kollegen sinkt unter Null. Das Know-how für eine grundlegende Neugestaltung liegt bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst. Sie kennen die Probleme in den Arbeitsabläufen und Strukturen durch tägliche Erfahrung. Nur durch eine breite Beteiligung der Belegschaft wird gewährleistet, daß eine Steigerung der Effektivität erreicht werden kann. Dies bedeutet u.a. einen optimalen Einsatz jeder Kollegin und jedes Kollegen für unser Programm und hohe Motiva-tion. Und dieses bedeutet, sprechen wir es doch offen aus:
Rationalisierung!

Anders als in den Betrieben der Privatindustrie, in denen Rationalisierungen zur Zerstörung von Existenzgrundlagen führen, kommen uns, solange wir ein eigenproduzierender Sender sind, die Verbesserungen selbst zugute. Eine beteiligungsorientierte Neuorganisation erfordert Kenntnisse in Organisation und Steuerung dieser Prozesse. Nicht die Managementmethoden sind es, wovor wir uns schützen müssen: Dies ist ein Kampf gegen Windmühlen! Projektmanagementmethoden z.B. sind ein notwendiges Handwerkszeug, um Prozesse zu organisieren und zu steuern. Dies gilt insbesondere auch für Beteiligungsprozesse. Inhalte und Ziele werden von den Beteiligten festgelegt, nicht von der Methode!

Kreativität erfordert Zeit. Wenn wir Zeit brauchen, müssen wir für Strukturen sorgen, die uns diese Zeit zur Verfügung stellt. Wirtschaftlichkeit bedeutet, Kosten und Nutzen in ein vertretbares Gleichgewicht zu bringen. Im Kontext unseres Verfassungsauftrages bedeutet dies, die Mittel strategisch dort richtig einzusetzen, wo sie die Erfüllung des Auftrags am stärksten unterstützen.

Durch eine Kostentransparenz muß ein notwendiger Selbststeuerungsprozeß ermöglicht und eingeleitet werden. Die Einführung eines Controllings bedeutet hierbei nicht notwendigerweise die Einführung eines wirtschaftlichen Knebelorgans, sondern richtig angewendet einen unverzichtbaren Bestandteil zur Realisierung dieser Kostentransparenz. Es liefert die Informationsgrundlage für nachvollziehbare, wirtschaftliche Entscheidungen. Wirtschaftlichkeit in der Programmproduktion erfordert Kreativität. Kreativität erfordert Wirtschaftlichkeit.

Alle fürs Programm und ein Programm für alle!

Das Klima in der Bundesrepublik ist in den letzten Jahren rauher geworden: Arbeitslosigkeit und soziale Kürzungen, die Sorgen um die Zukunftschancen ihrer Kinder, all dies sind drängende Probleme für einen großen Teil unserer Bürger. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht bei diesen Entwicklungen nicht außen vor, er ist keine Insel, sondern er befindet sich inmitten dieser stürmischen See von Interessenskonflikten.

Nehmen wir als Gewerkschafter zur Kenntnis, daß das Geld für die größte Schicht unserer Gesellschaft knapper geworden ist, daß viele Familien jede Mark im Monat herumdrehen müssen. Vor diesem Hintergrund ist es unsere Pflicht, gegenüber den Gebührenzahlern sicherzustellen, daß jede Mark im Sinne unseres Verfassungsauftrags optimal eingesetzt wird. Dies bedeutet zwangsläufig, die Arbeitsabläufe und die Aufbauorganisation in einem ständigen Prozeß zu überprüfen und zu optimieren. Wichtig ist, daß dieses von den MitarbeiterInnen mitverantwortet, mitgestaltet und mitgetragen wird.

Wir haben nichts zu verschenken, wenn wir überleben wollen. Alle Energie und Kreativität gehört dem Programm für unsere Bürgerinnen und Bürger.

Wir können die Auseinandersetzung um die Existenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems nur gewinnen, wenn wir eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger an unserer Seite haben. Dieses Ziel können wir nur erreichen, wenn sie den Gebrauchswert für sich in unserem Programm erkennen können. Die Grundlage hierfür bildet die engagierte Erfüllung unseres gesetzlichen Auftrags zu umfassender, sachgerechter und wahrheitsgemäßer Information, die politische, soziale und kulturelle Entwicklungen in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang darstellt und die Vielfalt der bestehenden Meinungen in möglichster Breite und Vollständigkeit zum Ausdruck bringt.

Die inhaltliche Qualität unserer Sendungen geprägt vom Willen, die Zuschauer und Zuhörer unseres Bundeslandes zu erreichen, um sie optimal zu informieren und anspruchsvoll zu unterhalten, bilden die entscheidenden Faktoren in der Konkurrenz mit den privaten Anbietern.

Die Motivation unserer Kolleginnen und Kollegen muß daher auf unseren Verfassungsauftrag ausgerichtet sein. Der Erhalt der Eigenproduktion ist ein entscheidender Faktor, um die Unabhängigkeit der Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Sender zu gewährleisten. Die Organisation der Produktion in privatwirtschaftlich arbeitenden Betrieben bedeutet eine Fokussierung auf Gewinnmaximierung und ein Abschöpfen des erarbeiteten „Mehrwertes“, der derzeit noch voll in unsere Programmproduktion zurückfließen kann. Die Ausrichtung dieser privatisierten Betriebe auf finanzstarke kommerzielle Kunden ist eine zwangsläufige Folge und hat weitreichende Konsequenzen für das uns zur Verfügung stehende Leistungsangebot. Eine Anpassung im Erscheinungsbild und eine Preisgestaltung durch stärkere wirtschaftliche Kräfte sind weitere absehbare Folgen. Eine Unabhängigkeit der Berichterstattung ist damit nicht mehr gewährleistet.

Der entscheidende Schnittpunkt, gegen den mit aller Entschiedenheit gearbeitet werden muß, bildet daher das Outsourcing von Teilen oder der gesamten Produktion. Nur solange wir ein eigenproduzierender öffentlich-rechtlicher Sender sind, kommen uns unsere Verbesserungen selbst zugute. Niemand schöpft uns den Rahm ab, und wir machen nicht Programm, um „Kasse“ zu machen. Auch ein Intendant geht nicht mit mehr Geld nach Hause, weil er Strukturen rationalisiert.

Freiwerdende Mittel fließen voll ins Programm. Ein optimal organisierter öffentlich-rechtlicher Sender kann wirtschaftlicher und schlagkräftiger als ein profitorientierter Betrieb sein. Intendanten von der Couleur Reiter liefern die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrer Politik ans Messer, wenn man nicht Dummheit unterstellt, dann mit Kalkül. Den Kolleginnen und Kollegen des MDR gilt deshalb unsere volle Solidarität.

Nicht jeder Sender der ARD hat das Glück, einen klugen und erfahrenen Streiter für das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem an seiner Spitze zu haben wie der hr. Intendant Prof. Klaus Berg verhielt sich bei den Reorganisationsmaßnahmen im Hessischen Rundfunk immer klar, aber auch hart. Doch die Arbeitsgrundlagen und Ziele für das Vorgehen bei der Neustrukturierung waren immer eindeutig: Erhalt der Eigenproduktion, keine Entlassungen, aber auch keine Aufgabengarantie, optimaler Einsatz und Motivation jedes Mitarbeiters für unser Programm. Dies beinhaltet eine deutliche Optimierung der Wirtschaftlichkeit: Eine Rationalisierung im Sinne einer Vernünftigung der Prozesse.

Beim hr geschah dieses unter breiter und engagierter Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Personalrat des hr initiiert, trägt, steuert und gestaltet diese Maßnahmen im Sinne der MitarbeiterInnen mit. Nein, es war nicht problemlos, es wurde gestritten und gerungen, unsere alten Abteilungs- und Hierarchie-Strukturen stecken noch tief in den Knochen aller Beteiligten, und das Know-how für interne Neustrukturierungen mußte erst aufgebaut werden. Aber letztendlich haben wir immer für ein Ziel gestritten: Für den Erhalt unseres Senders.

Mut zur Veränderung ist notwendig. Zu den Tagen der offenen Tür im Hessischen Rundfunk im September 1997 kamen 170000 Bürgerinnen und Bürger. „Ihr seid ja schließlich unser Sender“, hörte ich mehrmals von unseren Besuchern. Das macht Mut.

Es ist aber auch eine große Herausforderung für alle unsere Kolleginnen und Kollegen, dem gerecht zu werden.

Norbert Kaden
Hessischer Rundfunk

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