Die große Zerstörung

Andreas Barthelmess Foto: OBetke

Der Ökonom An­dreas Barthelmess beschreibt in seinem Buch „Die große Zerstörung“, wie der digitale Umbruch unser gesamtes Leben beeinflusst. Er plädiert für einen kritischen Optimismus und fordert ein „Daten-#MeToo“.

M | In Ihrem Buch dreht sich alles um „Disruption“. Was genau verstehen Sie darunter?

Andreas Barthelmess | Ich verwende das Wort als Synonym für plötzliche Zerstörung und die Aufhebung alter Ordnungen. Der Begriff stammt aus der Evolutionsbiologie, wird heutzutage jedoch vor allem im Zusammenhang mit der digitalen Wirtschaft benützt. Ich will mit meinem Buch zeigen, dass Disruption keine rein technologische Kategorie ist. Disruption ist vielmehr ein Phänomen unserer Zeit, in der sich Änderungen nicht mehr Schritt für Schritt entwickeln wie etwa in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben es nicht mit einem Prozess, sondern mit einem abrupten und möglicherweise schmerzhaften Bruch zu tun.

Aber gab es technologische Umwälzungen nicht immer schon, von der Druckerpresse bis zur Dampfmaschine?

Diese Erfindungen haben Entwicklungen ausgelöst, die sich über einen langen Zeitraum hinzogen. Die digitale Beschleunigung erreicht jedoch auf einen Schlag alle Bereiche: Wirtschaft, Politik, Kultur und Freizeit. Zur Zeit der Industrialisierung konnte sich die Gesellschaft über Jahrzehnte auf die Veränderungen einstellen.

Fortschritt hieß früher, dass neue Gebäude auf alten Fundamenten errichtet worden sind; Disruption bricht dagegen mit der Vergangenheit. Inwiefern?

Denken Sie doch nur an die Automobilindustrie: Der Elektromotor ist alles andere als eine Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors. So ähnlich verhält es sich auch in fast allen anderen Bereichen. Viele Menschen schnuppern gern an neuen Büchern. Früher haben sich Verlage unter anderem tatsächlich auch über den Geruch ihrer Bücher und die Auswahl des Papiers definiert. So etwas spielt im Zeitalter des e-Books keine Rolle mehr.

Sie schreiben, das Zeitalter der Disruption habe gerade erst begonnen. Viele Menschen fühlen sich aber schon jetzt überfordert. Was kommt denn noch auf sie zu?

Die Corona-Krise zeigt es: Wir erleben derzeit eine ganz merkwürdige Situation. Auf der einen Seite haben wir den Eindruck einer entschleunigten Phase. Ich spreche in diesem Zusammenhang vom „Nutella-Deutschland“. Wer das Glück hat, entspannt im Home-Office arbeiten zu können, befindet sich in einem Zustand, wie er in der alten beschützten BRD geherrscht hat: Wir verbringen viel Zeit mit unserer Kernfamilie, und um 20 Uhr schauen wir die „Tagesschau“. Gleichzeitig erfährt der technologische Fortschritt durch die Krise eine dramatische Beschleunigung, wie sich zum Beispiel an den vielen Videokonferenzen und den sprunghaft gestiegenen Umsätzen des Online-Handels zeigt.

Wo ist das Problem? Wenn Videokonferenzen dazu führen, dass weniger geflogen wird, ist das doch ein Fortschritt. 

Das stimmt. Aber ich mache mir Sorgen, dass wir als Gesellschaft auf diese Veränderungen nicht vorbereitet sind und stattdessen versuchen, einen längst nicht mehr möglichen Status quo zu bewahren. Ich vermisse den positiven Blick in die Zukunft. Die Politik suggeriert „Wenn die Krise vorbei ist, wird alles wieder so wie früher.“ Warum formulieren wir es nicht andersrum und denken darüber nach, was wir wollen? Der disruptive Bruch bietet auch die Chance, etwas Neues zu kreieren. Entsprechende Visionen sind in der Politik jedoch nicht zu erkennen.

Sie stellen fest, die Disruption sei nicht aufzuhalten, geschweige denn rückgängig zu machen; deshalb sollen wir sie mitgestalten. Aber wie?

Erst mal ist es wichtig, offen und neugierig zu sein. Wer Angst vor der Zukunft hat, kann sie nicht gestalten. Das ist weniger eine Frage des Alters als vielmehr eine Frage der Mentalität. Ich selbst habe zwar eine durchaus skeptische Haltung zur Digitalisierung, plädiere aber trotzdem für einen kritischen Optimismus. Der Weg in die Zukunft ist beschwerlich und kompliziert, weil man ständig abwägen muss. Aber wenn die Zeiten anspruchsvoll sind, müssen wir auch an uns selbst einen höheren Anspruch haben. Viele Menschen ziehen es jedoch vor, im bequemen Schwarzweiß­denken zu verharren.

Sie verlangen unter Hinweis auf Goethes Zauberlehrling von der Politik, dass sie die Eigendynamik des Fortschritts zähmt. Wie soll ihr das gelingen?

Ich bin ein begeisterter Marktwirtschaftler. Trotzdem frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, die kapitalistischen Dogmen der Industrialisierung im digitalen Zeitalter in Frage zu stellen. Ich erwarte vom Staat, dass er die Interessen der Bürger gegenüber den digitalen Hypermonopolen verteidigt; da bin ich „old school“. Schauen Sie sich doch nur an, welchen Einfluss Google und Apple auf die sogenannte Corona-App haben! Das ist ein dramatisches Zeichen dafür, dass wir in vielen Bereichen gar nicht mehr autonom handeln können.

Sie prognostizieren sogar eine politische Krise: Die Mehrheit könnte kippen, wenn die Politik nicht angemessen auf die disruptiven Herausforderungen reagiert. Ist das nicht übertrieben?

Im Unterschied zu anderen Ländern ist die gebildete und tendenziell eher liberal ein­gestellte deutsche Mittelschicht noch relativ widerstandsfähig gegenüber populistischen Strömungen. Das kann sich aber sehr schnell verändern. Die digitale Wirtschaft wird den Arbeitsmarkt extrem polarisieren. Auf der einen Seite wird es sehr gut bezahlte Angestellte im Technology-Bereich geben, Programmierer, Manager, Data-Analysten; auf der anderen den Niedriglohnbereich. Die Angehö­rigen der bisherigen Mittelschicht aus dem alten Nutella-Deutschland werden unter Druck kommen: Die einen finden keine Arbeit mehr, die anderen erleben, dass ihre Arbeit nicht mehr so wertgeschätzt wird wie früher. Wenn sie sich dann auch noch ihr gewohntes Leben nicht mehr leisten können, besteht die Gefahr, dass sich diese Mehrheit frustriert von unserem Gesellschaftsmodell abwendet.

Sie setzen große Hoffnungen in soziale Netzwerke als Medium der Aufklärung. Sind Facebook und Co. nicht eher Plattformen für Hass und Verschwörungstheorien?

Mittelfristig geht von Social Media in der Tat eine große Gefahr für unsere Gesellschaft aus. Derzeit befinden wir uns noch in einer Phase, in der vor allem niedrige Instinkte angesprochen werden, aber dafür darf man nicht das Medium verantwortlich machen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Alle neuen Technologien haben sich irgendwann zivilisiert, aber sie haben sich nie rückgängig machen lassen. Ich war selbst lange skeptisch gegenüber Facebook, bis ich 2014 im Iran erlebt habe, dass dieses Netzwerk für die Menschen dort das Fenster zur Welt ist.

Wir müssen also nur Geduld haben?

Ohne die Druckerpresse hätte Luther seine Gedanken nicht verbreiten können, aber es hätte auch den Dreißigjährigen Krieg nicht gegeben. Trotzdem hat der Buchdruck langfristig für Aufklärung, Information und Transparenz gesorgt; er war die Voraussetzung für die Zugänglichkeit von Wissen und Bildung. Eine ähnliche Entwicklung werden wir hoffentlich bei Social Media erleben. Ein erhebliches Problem ist allerdings die Monopolstellung und die daraus resultierende Dominanz einzelner Unternehmen. Deshalb plädiere ich dafür, wettbewerbspolitisch hart durchzugreifen, dass es Konkurrenzangebote gibt. Hinzu kommt: Sehen wir Daten als öffentliches oder als privates Gut? Die Konzerne betrachten sie jedenfalls vor allem als ein Wirtschaftsgut, und die meisten Menschen überlassen Facebook, Google und Co. ihre Daten, ohne weiter darüber nachzudenken; und außerdem auch noch unentgeltlich.

Deshalb fordern sie ähnlich wie bei der Kampagne gegen sexuelle Belästigung ein „Daten-#MeeToo“. Wie soll das aussehen?

Die Frage ist ja: Warum tolerieren wir die Datenkraken? Hier sehe ich die Parallele zu #MeToo: Dort ging es ebenfalls um eine Übergriffigkeit, die Frauen und Männer irgendwann nicht mehr hinnehmen wollten. Deshalb müssen wir dringend auch die unterschwellig kultivierte Übergriffigkeit, die Facebook, Google und andere ausüben, kritisch hinterfragen. Die Initiative muss aber von der digital affinen Jugend ausgehen. Paradoxerweise hält sich diese Jugend für schwach, dabei ist sie so mächtig wie noch nie zuvor, weil sie die digitalen Medien auf ganz andere Weise beherrscht als die meisten Älteren. Aber solche Bewegungen haben auch immer viel mit dem Momentum zu tun. #MeToo konnte nur funktionieren, weil eine Mehrheit sexuelle Belästigung nicht mehr als Kavaliersdelikt betrachtet, sondern als Machtmissbrauch.

Andreas Barthelmess: Geboren 1979, ist Ökonom, Start-up-Unternehmer und Publizist. Seine beruflichen Anfänge fanden bei Roland Berger, den Vereinten Nationen in New York und bei Gruner + Jahr statt. Barthelmess lebt in Berlin und kommentiert das Zeitgeschehen regelmäßig für Die Zeit, Die Welt, NZZ, Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Spiegel.

Am 18. Mai erschien sein Buch „Die große Zerstörung“ (Dudenverlag, Berlin. 256 Seiten, 18 Euro).

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