Die neue „Weltbühne“ heisst „Ossietzky“

Politische Wochenschrift soll noch 1997 erscheinen

Lange habe sie gefehlt, meinen die Herausgeber. Jetzt soll es sie möglichst noch vor Weihnachten wieder geben: eine linke Wochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft, eine Zeitschrift wie einst die „Weltbühne“. Die neue „Weltbühne“ heißt „Ossietzky“. Der Heilbronner Distel-Verlag bringt sie heraus. 32 Seiten stark soll „Ossietzky“ wöchentlich im DIN-A5-Heft-Format erscheinen – wie das große Vorbild.

Nicht nur beim Format will der Herausgeberkreis um den Journalisten Eckart Spoo an die „Weltbühne“ anknüpfen. Auch bei den Inhalten fühlen sich die Herausgeber der publizistischen Tradition Carl von Ossietzkys verpflichtet. Der Name des Pazifisten, Friedensnobelpreisträgers und Chefredakteurs der „Weltbühne“ ist Programm.

„Ossietzky“ wendet sich „gegen nationalistischen und rassistischen Dünkel; gegen ökonomische, politische und gar militärische Herrschaftsansprüche; gegen alle Ideologien, die soziale Ungleichheiten zu rechtfertigen versuchen“. Die Zeitschrift tritt ein „für die universalen Menschenrechte“, wie es in einem Verlags-Prospekt heißt. „Ossietzky“ will offen sein für Artikel, die in anderen Blättern kaum erscheinen würden.

Zum Herausgeber-Kreis gehören neben Eckart Spoo die ostdeutsche Schriftstellerin Daniela Dahn, der Paderborner Soziologe Arno Klönne, der Hamburger Publizist Otto Köhler, der Marburger Faschismusforscher Reinhard Kühnl sowie der Bremer Jurist und Publizist Rolf Gössner. Die Tochter von Carl von Ossietzky, Rosalinde von Ossietzky-Palm, habe ihn und die anderen Herausgeber ermuntert, die Zeitschrift zu gründen, berichtet Spoo. Kein Name könne deutlicher die humanistischen Vorstellungen bezeichnen, die die Herausgeber in der Gesellschaft geltend machen wollten. Carl von Ossietzky war von 1926 bis 1933 Chefredakteur der „Weltbühne“. Sie war eine wichtige Zeitschrift in der Weimarer Republik, ein Bollwerk gegen Militarismus und Nationalismus. 1931 wurde Ossietzky wegen angeblichen Landesverrates und Verrats militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Rehabilitiert ist er bis heute nicht. 1934 steckten ihn die Nazis in ein Konzentrationslager. Ein Jahr später erhielt Ossietzky den Friedensnobelpreis, durfte ihn aber nicht annehmen. Ossietzky starb 1938 an den Haftfolgen. Die Nazis verboten die „Weltbühne“ 1933, eine Zeit lang erschien sie im Prager Exil. Nach dem Krieg wurde die „Weltbühne“ in Ost-Berlin wieder herausgegeben, bis sie 1991 eingestellt wurde.

Ursprünglich wollte das Herausgeberteam seine neue Zeitschrift unter dem alten Titel „Die Weltbühne“ gründen. Doch die bloße Ankündigung des Vorhabens mobilisierte Personen und Verlage, die nach eigenen Angaben die Nutzungsrechte am Namen „Weltbühne“ besitzen. So meldete sich der in den USA lebende Peter Jacobsohn. Der 82jährige ist der Sohn von Siegfried Jacobsohn, der den „Weltbühne“-Vorläufer „Schaubühne“ gegründet hatte. Auch eine „WeBe Verlags- und Beteiligungsgesellschaft mbH c/o MOZ GmbH“ beansprucht die Rechte am Titel. Publizistische Absichten haben beide bislang nicht glaubhaft gemacht.

Statt sich in diesem Rechte-Knäuel zu verstricken, verzichteten die Herausgeber lieber auf den alten Namen und nannten die Zeitschrift selbstbewußt nach dem eigentlichen Vorbild „Ossietzky“. Überschneidungen mit anderen linken Zeitschriften wie „Konkret“ oder den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ erwartet Eckart Spoo kaum. „Ossietzky“ erscheine wöchentlich und sei auch nicht an eine bestimmte Zielgruppe gerichtet und verzichte auf „großes Marketing“. Daß ihr Projekt gewagt ist, ist den Beteiligten klar. Die Startauflage werde sicherlich klein sein, meint Spoo. „Jetzt kommt es darauf an, daß wir möglichst viele Abonnenten gewinnen können.“ Davon hinge letztlich auch der Preis ab. Etwa vier Mark soll das Heft voraussichtlich kosten. Der Preis soll aber nicht den zweier Straßenbahnfahrscheine überschreiten. Das war schon bei der alten „Weltbühne“ so.

 

 

Weitere aktuelle Beiträge

Danica Bensmail: „Widerstände spornen an“

Danica Bensmail hat am ersten März das Amt der dju-Bundesgeschäftsführung übernommen. Ein Gespräch mit „der Neuen“ über kaltes Wasser, die Bedeutung von Paarhufern für Diversity in den Medien und Treppengeländer. Danica Bensmail ist erst wenige Wochen im Amt – eine kleine Ewigkeit und ein Wimpernschlag zugleich. „Die ersten 48 Stunden waren ein wenig wie der sprichwörtliche Wurf ins kalte Wasser“, sagt Danica und lacht. Aber alles halb so wild, so eine Abkühlung belebe schließlich die Sinne.
mehr »

dju fordert Presseauskunftsrecht

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di fordert, in den laufenden Koalitionsverhandlungen endlich das längst überfällige Bundespresseauskunftsgesetz zu beschließen. Danach sieht es gegenwärtig allerdings nicht aus. Bestehende konstruktive parlamentarische Vorlagen zu einem entsprechenden Gesetzentwurf habe die CDU/CSU in der Vergangenheit blockiert, moniert dju-Co-Vorsitzender Peter Freitag. Wie schon die letzte Große Koalition unter Angela Merkel setzte aber auch die soeben abgetretene Ampel-Regierung ein entsprechendes Vorhaben nicht um.
mehr »

Mehr Vielfalt statt Einfalt im TV

Die vielfach ausgezeichnete Britcom „We Are Lady Parts“ über eine islamische Mädchen-Punkband in London ist eines der vielen Beispiele von „Diversity“-Formaten, die in der Coronazeit einen regelrechten Boom erlebten. Die neue zweite Staffel der Comedy war vor kurzem für den renommierten Diversify TV Awards nominiert. Deutsche Anwärter waren diesmal nicht vertreten.
mehr »

Rassismus in den Kommentarspalten

Wenn Redaktionen in ihren Social-Media-Posts mit reißerischen Fragen und Generalisierungen arbeiten, kommen aus der Leserschaft häufiger rassistische Kommentare als wenn die Journalist*innen Kontext liefern. Das ist ein zentrales Ergebnis des Monitoring-Projekts „Better Post“, das die Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) im September 2021 mit ihren Partnern im „Kompetenznetzwerk gegen Hass im Netz“ starteten, denn: „Rassismus darf kein Clickbait sein“.
mehr »