Ende der „Gefälligkeiten“?

ARD-Hörfunk: Reduzierung der gegenseitigen Produktionshilfen wird zum Problem für die Freien

Die norddeutsche Tiefebene ist reich an Kulturthemen, sagte sich ein Bremer Journalist. Regelmäßig bietet er ARD-Funkhäusern Beiträge an, unter anderem über die Wiedereröffnung der Bremer Kunsthalle. Eine DeutschlandRadio-Redaktion wollte den Beitrag haben. Vier Wochen im voraus bat der freie Journalist um einen Schnitt- und Aufnahmetermin bei Radio Bremen, um aktuell berichten zu können. Doch die „Dispo“, die die Termine verwaltet, bedauerte: Der gewünschte Aufnahmetermin könne ihm nicht reserviert werden. Termine würden nur noch innerhalb von vierzehn Tagen vergeben, sofern Radio-Bremen-Redaktionen sie nicht selber brauchten. Ob noch ein Termin frei wäre, wenn er sich vierzehn Tage vor der Kunsthallen-Eröffnung wieder melde, sei natürlich offen.

Die 14-Tage-Regelung ist Teil eines umfangreichen Pakets, das die Betriebsdirektion von Radio Bremen geschnürt hatte, um die sogenannten „Gefälligkeiten“ für andere ARD-Sender drastisch zu reduzieren. So werden seit Februar keine „richtigen“ Produktionen mit Ton-Ingenieur und TontechnikerIn für andere Sender mehr durchgeführt. Termine von mehr als zwei Stunden Dauer sind nicht mehr zu bekommen. „Gefälligkeitstermine“ an Wochenenden für andere Sender wurden abgeschafft. Selbst Aufnahmegeräte werden seit einiger Zeit nicht mehr an freie Autorinnen und Autoren ausgeliehen.

Hörfunk-Programmdirektor Hermann Vinke zeigte sich überrascht, als freie Autorinnen und Autoren ihn auf die Einschränkung der „Gefälligkeiten“ in seinem Haus ansprachen. Eine Beratung mit den Betroffenen hält er aber erst dann für erforderlich, wenn die ARD einen Beschluß über die Zukunft der gegenseitigen Produktionshilfen gefaßt hat.

Die Malaise ist freilich nicht auf Radio Bremen beschränkt: Beim NDR in Hamburg werden fast keine Gefälligkeits-Termine mehr vergeben; die Dispo vertröstet: „Rufen Sie in vier Wochen wieder an!“ Mehrfach sind bereits vereinbarte Beiträge „abgestürzt“, weil Produktionsmöglichkeiten fehlten. Es kommt sogar vor, daß Hamburger Freie für Kurzbeiträge nach Berlin fahren, um dort für das DeutschlandRadio zu produzieren. Der ORB interpretiert die „Gefälligkeitsdienste“ als „Kann-Bestimmung“ und gewährt Freien maximal eine Stunde Produktionshilfe. Der Potsdamer Sender verlangt, daß O-Töne bereits umgeschnitten und das Zuspielband bereits gecuttet sind, bevor Freie damit in den Produktionstermin gehen.

Regionale Unterschiede

Weniger Probleme mit „Gefälligkeiten“ haben derzeit freie Journalistinnen und Journalisten beim wohlhabenden WDR: Die Arbeit an Zuspielbändern für aufwendige WDR-Produktionen hat der Kölner Sender längst im Zuge des „Outsourcing“ an kommerzielle Studios ausgelagert, die dann mit dem WDR abrechnen. Auch Beiträge, die Kölner Autoren für andere ARD-Sender produzieren, leitet der WDR an professionelle Kommerz-Studios in der Stadt weiter. Und Franz-Josef Reichert, Hörfunk Programmdirektor beim Saarländischen Rundfunk, versichert, sein Haus werde „sicher nicht in absehbarer Zeit der Bremer Praxis folgen“.

Die wechselseitigen „Gefälligkeiten“ (auch Produktionshilfe genannt) sind ein seit Jahrzehnten bewährtes und unbürokratisches Verfahren der gegenseitigen Unterstützung in der ARD. Eine in Norddeutschland ansässige freie Autorin etwa, die sich schwerpunktmäßig mit Meeresökologie beschäftigt, „verkauft“ ihre Beiträge auch an ARD-Redaktionen in Süddeutschland. Die Zuspielbänder mit O-Tönen und Geräuschen schneidet sie mit Hilfe einer Tontechnikerin in einem Funkhaus in ihrer Nähe, wo auch die Sprachaufnahme gemacht wird. Anschließend wird das fertige Band dem bestellenden Sender überspielt. Nach dieser Praxis kann etwa der NDR den Bericht eines freien Kritikers über eine Münchner Theaterpremiere anfordern. Das so praktizierte System der gegenseitigen „Gefälligkeiten“ sorgte für einen lebhaften Austausch von Beiträgen quer durchs Land, was auch dem in den Rundfunkgesetzen verankerten Gedanken des Föderalismus entspricht. Eine Feature-Redaktion etwa konnte bewährte Autorinnen und Autoren an sich binden, selbst wenn diese am anderen Ende der Republik lebten. Zuspielbänder für Stundenfeatures, die zwei oder drei Arbeitstage erfordern, werden am Wohnort der Autorin/des Autors hergestellt. Der anfordernde Sender hatte in der Regel nur die Leitung für die Überspielung zu zahlen; die Studio- und Personalkosten wurden nicht gegeneinander aufgerechnet; sie galten als kostenfreie „Gefälligkeiten“ im Rahmen der ARD-„Familie“.

Damit soll jetzt Schluß sein. In der großen „Familie“ hängt seit längerem der Haussegen zwischen „gebenden“ und „nehmenden“ Anstalten beim Senderfinanzausgleich schief. Besonders die „nehmenden“ Häuser sehen sich gezwungen, ihren Sparwillen demonstrativ unter Beweis zu stellen. Bei Radio Bremen (Jahresetat 179 Millionen DM, davon knapp die Hälfte aus dem Senderfinanzausgleich) soll der Abbau der „Gefälligkeiten“ eine Planstelle in der Technik einsparen oder, aufs Jahr gerechnet 120000 DM. Gleichzeitig schafft der Sender vollendete Tatsachen: Vier Tontechnikerinnen, die aus Altersgründen ausscheiden, werden nicht ersetzt. Schon vor Jahren war die Tontechniker-Ausbildung der ARD in Nürnberg beendet worden, ausgebildete TontechnikerInnen sind auf dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zu haben. Die herkömmliche analoge Schnittechnik wird in vielen Studios abgebaut und statt dessen werden digitale Schnittsysteme vom Typ DIGAS angeschafft. Es wird erwartet, daß Autoren ihre Beiträge künftig selber schneiden. Nur: Für Freie ist in Trainingsprogrammen meistens kein Platz, schon gar nicht für die „Exoten“, die überwiegend für andere ARD-Anstalten arbeiten.

Schwarzer Peter bei Freien

Die Programme aller ARD-Anstalten leben zu einem gewissen Teil von freien Autorinnen und Autoren außerhalb des Sendegebietes, sie sorgen für Farbe und bundesweite Kompetenz. Das interessiert die Buchhalter und Technik-Gewaltigen in den Sendern, die offenbar das Kommando über das Programm übernommen haben, allerdings nicht. Die Freien könnten ja ein kommerzielles Studio anmieten, heißt es. Der schwarze Peter wäre damit wieder bei den Freien: Studios, soweit verfügbar und mit akzeptablem Standard, kosten zwischen 65 und 200 Mark die Stunde. Wer künftig einen Hörfunkbeitrag anbietet, muß die Redaktion überzeugen, neben dem Autorenhonorar noch ein paar Scheine fürs Studio draufzulegen – oder stillschweigend das Studio von seinem Honorar bezahlen. Wer etwa dem Saarländischen Rundfunk einen Fünfminutenbeitrag liefert, erhält dafür ganze 200 Mark. Je nachdem, wie zeitaufwendig die Produktion und wie teuer das Studio ist, müßte die Autorin noch drauflegen. Und wer weiterhin darauf vertraut, bei Radio Bremen einen der raren kostenlosen „Gefälligkeitstermine“ zu ergattern und dabei leer ausgeht, outet sich gegenüber der auftraggebenden Redaktion als unzuverlässig.

Freie AutorInnen haben sich nun in Bremen und in Hamburg zusammengetan, um gegen die dramatische Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen. In Bremen wurden die Mitglieder des RB-Rundfunkrates über die zu erwartenden Einschränkungen der Berichterstattung informiert. In Hamburg will sich der Personalrat des NDR für die Freien einsetzen. Vor allem wollen Norddeutschlands Freie in den nächsten Wochen Informationen über Einschränkungen der „Gefälligkeiten“ und andere exi-stenzbedrohende Maßnahmen gegenüber den Freien in anderen ARD-Funkhäusern zusammentragen und Möglichkeiten einer professionellen Selbstorganisation beraten.

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