Filme, um die Welt zu verändern

Hitlers Hitparade: Adolf Grimme Preisträger C. Cay Wesnigk

Der am 18. März mit einem Adolf Grimme Preis ausgezeichnete Fernsehfilm „Hitlers Hitparade“ hat in den Feuilletons eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Bunte Filmschnipsel aus einem scheinbar unbeschwerten Nazialltag werden mit fein dosierten Bildern des Schreckens unkommentiert zu einer sich selbst entlarvenden Kollage zusammengefügt und dabei mit den Schlagern von Zarah Leander, Rudi Schuricke, Ilse Werner und anderen Showgrößen der damaligen Zeit unterlegt.

Bei dem Produzenten des ungewöhnlichen Dokumentarstreifens, dem Preisträger C. Cay Wesnigk hat der Film, der inzwischen auch ein Silver Diploma beim 4. International Documentary Film Festival in Stockholm gewonnen hat, neben der Freude über die Anerkennung tiefe persönliche Spuren hinterlassen.

Mit erstem Fernsehfilm ins ZDF

„Eigentlich war für mich das Thema Faschismus ziemlich weit weg“, sagt der 43-jährige Filmemacher, der 1990 mit dem Dokumentarspiel „Vier Wände, eine deutsche Einheit“ den Glashaus-Preis der IG-Medien gewonnen hat. Vor 13 Jahren seien Oliver Axer und Susanne Benze – für Hitlers Hitparade ebenfalls mit dem Grimme Preis ausgezeichnet (für Buch und Regie) – an ihn zunächst mit der Idee herangetreten, sich über die Schlagermusik des Dritten Reiches filmisch dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu nähern. „Als wir damals mit diesem kühnen Ansatz und dem provokanten Titel Hitlers Hitparade Förderer und Fernsehanstalten begeistern wollten, herrschte erst einmal Stille am anderen Ende der Leitung“, erinnert sich Wesnigk. Doch er ließ nicht locker. Je mehr er sich mit der Idee und dem Rohmaterial des Filmes beschäftigte, desto mehr packte ihn das Projekt auch persönlich. „Plötzlich habe ich mich gefragt: Vielleicht wäre ich damals auch mit Begeisterung dabei gewesen?“ Eine Erfahrung, die er schon 1992 mit seinem Kompilationsfilm „Kinder, Kader, Kommandeure“ gemacht hat, als ihm klar wurde, wie unterschwellig und wirksam die Verführung zum Mitmachen in der DDR gewirkt hat. „Ich wäre wahrscheinlich auch ein guter FDJ-Funktionär geworden“, so sein Kommentar heute.

Weil Wesnigk durch die Gnade seiner späten Geburt und seinen Geburtsort seine soziale Prägung jedoch in den achtziger Jahren im Westen erfahren hat, wurde aus ihm zunächst ein typischer Vertreter der No-Future-Generation, wie er sagt. Feste Vorstellungen von seiner Zukunft habe er damals nicht gehabt. Zeichnen zum Beispiel hätte ihm Spaß gemacht, aber es fehlte an Talent. Kleine Filme auf Super 8 hat er bereits in der Schule gedreht. So bewarb sich der gebürtige Bad Schwartauer, der noch heute im selben Einfamilienhaus am Rande von Lübeck wohnt, nach dem Abi an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, wo er zu seiner großen Verwunderung auch angenommen wurde. Mit 24, direkt nach Abschluss des Studiums kam er mit seinem ersten Fernsehfilm gleich ins ZDF: „Vergessen Sie’s“, eine fiktive Geschichte, in der erzählt wird, wie der Staat Menschen eines Hamburger Stadtteils anhand ihres Mülls überwacht. Geschichten erzählen ist denn auch das treibende Motiv für den Künstler, der von sich ganz schlicht und altmodisch sagt, dass er Filme macht, „um die Welt zu verändern“. Ein Anspruch, der vor dem Hintergrund der heutigen Fernsehrealität ziemlich gewagt erscheint. Doch er will dem Betrachter keine politische Botschaft unterjubeln. Ein guter Film, so sein Credo, müsse drei Kriterien erfüllen: den Zuschauer zum Lachen bringen, ihn zum Weinen bringen und ihm eine Welt zeigen, die er noch nicht kennt. Auch durch seine Kinospots zur Aids-Prävention oder für Zivilcourage zieht sich sein inhaltlicher Anspruch wie ein roter Faden.

Aktiv in der AG Dok

Dass es heute unter dem Diktat von Kosten- und Quotendruck schwerer denn je ist, gute Dokumentarfilme zu produzieren, weiß Wesnigk nur zu gut aus eigener Erfahrung. So habe er sich zahllose Absagen anhören und inhaltliche Änderungen akzeptieren müssen, bevor ZDF und Arte in Co-Produktion Hitlers Hitparade ermöglicht hätten. Doch nachdem der preisgekrönte Film zweimal auf Arte gelaufen ist, wird er wohl nie mehr im Fernsehen zu sehen sein, auch nicht im co-produzierenden ZDF. Der Sender sieht sich nicht in der Lage, die Urheberrechte für das verwendete Archivmaterial zu bezahlen, die bei jeder Ausstrahlung bedient werden müssen.

Als ver.di-Mitglied und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) setzt sich Wesnigk für bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung seiner Kolleginnen und Kollegen ein. Neue Möglichkeiten erhofft er sich von der Weiterentwicklung der digitalen Technik. Mit der Online Film AG, dem wirtschaftlichen Arm der AG Dok ist Wesnigk dabei, eine Internetplattform schaffen, bei der man sich gegen Gebühr gezielt Filme runterladen kann. „Das soll so funktionieren wie ein offener Kanal, ohne dass allerdings die Zuschauer in Geiselhaft genommen werden, wie bei den linearen Programmen.“ Bis das Projekt so weit ist, kann es allerdings noch etwas dauern. Als nächstes steht erst mal ein Projekt für die ARD auf seinem Zettel: Eine Dokumentation über bekannte Erben.

 

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