Filme zum vermodern?

Göttinger Institut für wissenschaftlichen Film vor Abwicklung

Der Bestand der „IWF Wissen und Medien“ in Göttingen, den meisten immer noch besser bekannt als „Institut für den Wissenschaftlichen Film“, zählt fast 10.000 Titel. Seit 1977 wird die gemeinnützige GmbH von Bund und Ländern finanziert, anfangs als Einrichtung der „blauen Liste“, zuletzt als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (WGL). Doch Ende 2007 fällt die IWF aus der gemeinsamen Bund-Länder-Förderung heraus. Nun gibt es einen Abwicklungsplan bis 2010.

Zum größeren Teil handelt es sich in der IWF um Filme mit naturwissenschaftlichen Inhalten, doch immer häufiger kommen Produktionen aus Kultur- und Sozialwissenschaften dazu. Die alten Celluloidfilme aus dem nicht-digitalen Zeitalter werden nicht mehr eingesetzt. Vor einigen Jahren haben die Beschäftigten der IWF angefangen, diese Medien auf digitale Datenträger (CD/DVD) umzukopieren. Außerdem wurde mit der online-Verwertung begonnen. Knapp 2.200 Filme stehen über das Internet auch zum Download bereit. Derzeit werden im Monat durchschnittlich 50.000 mal Filme auf der Homepage der IWF angeschaut.
Vor zwei Jahren noch hatten Gutachter die IWF positiv beurteilt. Im Rahmen der üblichen Evaluation in der WGL hatten sie dem Institut bescheinigt, dass es sich „mittelfristig zu der führenden Mediathek für wissenschaftliche audiovisuelle Medien“ entwickeln könne. Doch der Senat folgte dem Votum der von ihm selbst beauftragten Experten nicht und empfahl der Bund-Länder-Kommission (BLK), die IWF nicht weiter zu fördern. In einer ersten Reaktion darauf hatte der niedersächsische Wissenschaftminster Lutz Stratmann noch erklärt, er wolle versuchen, seine Kollegen in Bund und Ländern für die Weiterförderung der IWF zu gewinnen (siehe M 06/2006).

Keine verbindlichen Aussagen

Davon ist längst keine Rede mehr: Niedersachsen als Sitzland hat der BLK kürzlich einen Plan zur Abwicklung für die Jahre 2008 bis 2010 vorgelegt, der das Aus für die IWF bedeutet. Materialien, „soweit sie erhaltenswert sind“ sollen in die „Technische Informationsbibliothek“ (TIB) nach Hannover verbracht werden und mit dem Abbau der 54 Arbeitsplätze in Göttingen soll „so zügig wie möglich“ begonnen werden. Die Göttinger SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta vermutet wohl nicht zu Unrecht, dass die Filme der IWF in der TIB im Keller vermodern werden, denn, so heißt es in einer Presseerklärung zutreffend: „Im Vertrag hat das Land festgehalten, dass mit der Aufbewahrung nicht die Schaffung der für die Verfügbarhaltung der Materialien erforderlichen Ausstattung der TIB verbunden ist.“
In der Öffentlichkeit aber behauptet das Wissenschaftsministerium fortwährend, man setze sich für „Erhalt und Nutzung der Wissenschaftsmedien ein“. Und weiter heißt es, man sei über eine Integration der IWF sowohl im Gespräch mit der TIB in Hannover, als auch mit der Universität Göttingen.
Merkwürdig mutet allerdings an, dass vom Ministerium in Hannover bis heute keine verbindlichen Aussagen darüber gemacht wurden, wie diese beiden Szenarien aussehen (könnten). Seit längerem befinde man sich in „klärenden Gesprächen“ – der dezidierte Abwicklungsplan aber konnte in den vergangenen Monaten erarbeitet werden! Einen Widerspruch will das Ministerium darin nicht erkennen. Dieser Plan sei schließlich nötig gewesen, heißt es aus Hannover, damit die Abwicklung der IWF für die nächsten drei Jahre noch gemeinsam von Bund und Ländern finanziert werde. Ansonsten wäre schon Ende 2007 das Aus für die IWF gekommen – und Niedersachsen hätte die Kosten der Abwicklung alleine tragen müssen.
So wie es aussieht, ist die Regierung in Hannover offenbar nicht bereit, für den Erhalt der IWF mehr als die ca. 600.000 Euro auf den Tisch zu legen, die es bisher in der Bund-Länder-Finanzierung zahlen musste. Das Wissenschaftsministerium favorisiert die Integration der IWF in die TIB sicher auch deshalb, weil diese (als Leibniz-Institut) nach wie vor von Bund und Ländern finanziert wird, während Niedersachsen bei der „Göttinger Lösung“ alleine den Zahlmeister geben muss!
Die IWF hat in den letzten Jahren erhebliche Investitionen vorgenommen und sich vom Produzenten wissenschaftlicher Filme zum Mediendienstleister entwickelt. Nur bei Auftragsproduktionen rücken die Kameraleute der IWF heute noch aus. Wissenschaftliche Filme werden „gesammelt“, technisch aufbereitet und den Hochschulen zur Verfügung gestellt. In manchen Fächern sind die Medien der IWF unverzichtbarer Teil der Lehre, etwa am Institut für Historische Anthropologie in Göttingen. Dort arbeitet die Akademische Rätin Susanne Hummel mit alter DNA und einem Film der IWF über die Arbeit im Labor. Denn, das ist ein „so empfindliches Material,“ sagt sie, „dass Sie da einfach nicht mit größeren Gruppen von interessierten Studenten ins Labor gehen können“, weil das die Proben kontaminieren würde. Momentan aktualisieren Susanne Hummel und die IWF diesen Lehrfilm zum Umgang mit alter DNA. Die Biologin befürchtet „schwere Schäden“, wenn IWF in Göttingen abgewickelt und geschlossen wird, denn ihr ist keine andere Einrichtung bekannt, die Vergleichbares leistet. Doch, was kümmert das die Politik? Am 19. November segneten die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern den Abwicklungsplan aus dem Hause Stratmann ab. Die ersten Kündigungen bei der IWF werden voraussichtlich Ende des 1. Quartals ausgesprochen, nach den Wahlen zum niedersächsischen Landtag.

 
nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Reform oder Abrissbirne im Hörfunk

Die Hängepartie um Finanzierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) geht weiter. Nach wie vor sträuben sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten, der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) für eine Beitragserhöhung um 58 Cent auf 18,94 Euro zu folgen. Bis Oktober wollen die Länder einen Reformstaatsvertrag vorlegen, um künftig über Sparmaßnahmen Beitragsstabilität zu erreichen. Einzelne ARD-Sender streichen bereits jetzt schon ihre Hörfunkprogramme zusammen.
mehr »

Erneute Streiks bei NDR, WDR, BR, SWR 

Voraussichtlich bis Freitag werden Streiks in mehreren ARD-Sendern zu Programmänderungen, Ausfällen und einem deutlich veränderten Erscheinungsbild von Radio- und TV-Sendungen auch im Ersten Programm führen. Der Grund für den erneuten Streik bei den großen ARD-Rundfunkanstalten ist ein bereits im siebten Monat nach Ende des vorhergehenden Tarifabschlusses immer noch andauernder Tarifkonflikt.
mehr »

Schutz vor zu viel Stress im Job

Immer weiter, immer schneller, immer innovativer – um im digitalen Wandel mithalten zu können, müssen einzelne Journalist*innen wie auch ganze Medienhäuser sich scheinbar ständig neu erfinden, die Belastungsgrenzen höher setzen, die Effizienz steigern. Der zunehmende Anteil und auch Erfolg von KI-basierten Produkten und Angeboten ist dabei nur das letzte Glied in der Kette einer noch nicht abgeschlossenen Transformation, deren Ausgang vollkommen unklar ist.
mehr »

Für eine Handvoll Dollar

Jahrzehntelang konnten sich Produktionsfirmen auf die Bereitschaft der Filmschaffenden zur Selbstausbeutung verlassen. Doch der Glanz ist verblasst. Die Arbeitsbedingungen am Set sind mit dem Wunsch vieler Menschen nach einer gesunden Work-Life-Balance nicht vereinbar. Nachwuchsmangel ist die Folge. Unternehmen wollen dieses Problem nun mit Hilfe verschiedener Initiativen lösen.
mehr »