Furcht, aber kein Mitleid

Der Vorhang ist noch nicht gefallen. Der letzte Akt noch nicht vorbei. Schon jetzt aber kann man sagen, dass die Akteure des Trauerspiels „Wie finden wir einen Intendanten“ ihre Rollen nicht bewältigt haben. Bereits die Anlage des Dramas macht einen glücklichen Ausgang unwahrscheinlich.

Ein schwarzer und ein als rot geltender Dramaturg erproben sich an der Regie. Berufene und selbsternannte Assistenten versuchen, dem auf Kompromiss ausgelegten Stück dramaturgische Effekte zu verleihen. Einer will gar die Regie ganz an sich ziehen.

Während hinter der Bühne heftig an Fäden gezogen wird, gehen auf den Brettern die stehenden Heere in Ausgangsposition. 77 wackere Streiter, mehr alte Recken und Parteisoldaten als Kämpfer für einen freien Rundfunk, erhalten ihre Anweisungen. Der erste Akt geht als schlechte Generalprobe über die Bühne. Die eigentlichen Akteure werden mehr oder weniger zu Statisten degradiert. Entfaltung künstlerischer Fähigkeiten, eigene Gestaltung und Initiative sind nicht vorgesehen. Nach bester Dilettantenart versuchen sich Schauspieler als Regisseure und umgekehrt. Kein zukünftiger Heerführer, keine Amazone für siegreiche Schlachten um die Gunst der Zuschauer wird auf den Schild gehoben.

Was als klassisches Drama angekündigt wurde, erscheint am Ende des ersten Aktes als Tragikomödie. Die von Lessing in seiner Hamburger Dramaturgie postulierte Reinigung von Furcht und Mitleid findet nicht statt. Der Kulturträger öffentlich-rechtliches Fernsehen ist Opfer der Staatsnähe. Davor muss man sich fürchten. Das Mitleid gehört den gescheiterten Kandidaten. Wer als solcher genannt wird, hat schon den Dolch im Rücken. Bevor sich der Vorhang zum zweiten Mal hebt, ist er schon „eine schöne Leich‘.“

Die Neubesetzung der Heldenrollen gerät zum Casting für soap-operas. Das System schlägt sich selbst. Weil die Politik unter Erfolgszwang ist, spielt sie nach ihren Regeln. Nicht rundfunkspezifische Kriterien, nicht die Sicherung des Programmauftrages bestimmen die Regie. Politische Arithmetik, das ausgeklügelte System der Farbenlehre, dekliniert durch alle Hierarchieebenen, leitete die Akteure. Ein wichtiges Wahljahr ist eingeläutet. Kanzlerkandidat oder intendierter Kandidat, das ist jetzt die Frage.

Ob Drama oder soap opera, der Zuschauer soll unterhalten werden. Vielleicht besetzen wir die Hauptrolle mit der des klassischen Schurken. Wie wäre es mit Richard III.? Mit Lessing gesprochen: „Wenn nun aber der Personen des „Richards“ keine einzige die erforderlichen Eigenschaften hat, die sie haben müssten… . Wenn er nicht Mitleid und Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muss er doch haben und … ist es nicht gleichviel, ob er diese, oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie vergnügt: was will man mehr?“

Nichts, ist man geneigt zu sagen. Jedenfalls nicht für die Zuschauerdemokratie. Um die aber geht es hier ja nicht. Hier geht es, wenn man so will, um ein klassisches Lehrstück. Was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk droht, wenn der Staat ihm nicht mehr fern ist, das zeigen die Inszenierungen um die Intendantenwahlen beim ZDF. War es zu Zeiten der Aufklärung die Presse, die sich aus den Zwängen und Abhängigkeiten der Politik befreien musste, sind es heute die elektronischen Medien, vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Die Fusionen von SWF und SDR, sowie aktuell von SFB und ORB sind, ebenso wie die Intendantenwahl beim ZDF, Lehrstücke über Medienfreiheit.

Entsprechend den einschlägigen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes muss die Staats- und Politikferne der Medien (wieder)hergestellt werden. Dies gilt für die leitenden Funktionen ebenso wie für die entscheidenden Gremien. Die Medien und damit der Rundfunk sind im Interesse einer funktionierenden Demokratie den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet.

„Aufklärung“, so Kant, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Die Mitglieder des Rundfunkrates sind ihrem Auftrag als Vertreter der Gesellschaft für einen funktionsfähigen, unabhängigen Rundfunk verpflichtet. Allein danach sind die Entscheidungen zu fällen, sonst nimmt der Rundfunk nachhaltig Schaden. Ob der Rubikon schon überschritten ist, wird sich am Ende des dritten Aktes zeigen.


 

Heinrich Bleicher-Nagelsmann ist medienpolitischer Sprecher in ver.di
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