Jeder ein Star?

Prof. Bernhard Pörksen aus Tübingen über die Casting-Gesellschaft

M | Was ist das – die Casting-Gesellschaft?

BERNHARD PÖRKSEN | Das Casting-Phänomen ist längst aus dem Fernsehen ausgewandert. Es gibt in der Gesellschaft ganz neue Imperative, die wesentlich darauf hinauslaufen, sich medienförmig zu inszenieren, medienförmig darzustellen. Der zentrale Imperativ der Casting-Gesellschaft lautet: Liefere eine Show! Und die sicher zugespitzte These dieses Buches lautet: Wir driften in eine Gesellschaft, in der medienkompatible Selbstinszenierung zur Lebensform wird.

M | Dies geschieht derzeit vor allem über zwei Transportmittel: Das Internet mit seinen sozialen Netzwerken und das TV mit seinen Container- und Casting-Shows. Wie wird der von Ihnen angesprochene Imperativ in diesen Kanälen umgesetzt?

PÖRKSEN | Vor allem das Fernsehen als die zentrale Inszenierungsmaschine, aber auch das Internet, die sozialen Netzwerke und die neuen Plattformen – denken Sie an Youtube – sind es, die diese Form von Selbstcasting bedingen. Sie wecken die Selbstdarstellungslust und produzieren einen mediengestützten Narzissmus. Wir beobachten aber, dass die zentrale Ideologie der Casting-Gesellschaft, dieses Denken, wie stelle ich mich medienförmig dar, die inzwischen als Leitmaxime unserer Bewertung auch von Politikerinnen und Politikern gilt, dass die längst auswandert.

M | Wieso?

PÖRKSEN | Wenn Sie zurückdenken an den letzten Bundestagswahlkampf, da wird schon mal von der SPD dann eine „Supernanny“ ins Spiel gebracht, die über Familienpolitik dozieren soll. Wenn Sie sich heute bei einem öffentlich-rechtlichen Sender wie dem SWR um ein Volontariat bewerben, dann müssen Sie nicht etwa einen Film über ein journalistisch relevantes Thema, sondern Sie müssen einen Werbespot in eigener Sache drehen. Das ist die Aufgabe:  Selbstdarstellung, Inszenierungsfähigkeit als journalistische Kernkompetenz. Ein weiteres Beispiel: In Bayern gibt es einen Bauverband, der eine Art Lehrstellen-Casting veranstaltet, das der ProSieben-Show „Drei Bewerber, ein Job“ nachempfunden ist. Und die dazu gehörige Botschaft lautet: Liefere eine Show, stelle dich dar, inszeniere dich!

 

M | Warum machen Menschen so was mit?

PÖRKSEN | Ich glaube, es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, im Leben anderer wichtig zu sein. Das ist eine anthropologische Konstante. Wir wollen auf der Bewusstseinsbühne anderer Menschen eine Rolle spielen. Die neue Dimension besteht nun darin, dass wir es mit einem nicht mehr abgrenzbaren Publikum zu tun haben. Ein Filmchen auf Youtube erreicht potentiell eben immer auch ein globales Publikum, ein Weltpublikum. Ich glaube, dass wir auf diese Herausforderung mental noch gar nicht vorbereitet sind. Im Grunde braucht jeder eigentlich eine eigene Medienstrategie, sonst findet er sich vielleicht in Zusammenhängen auf Plattformen wieder, die ihm zumindest zu einem späteren Zeitpunkt vollkommen missfallen. Und das Problem ist ja: Google vergisst nicht.

M | Sie zitieren in Ihrem Buch Markus Schroers Slogan „von der Angst vor Überwachung zur Lust an der Beobachtung“. Wie ist diese gesellschaftliche Verschiebung entstanden?

PÖRKSEN | Die Diagnose ist, dass es eine neue Lust am Beobachtetwerden, eine neue Lust am Sichzeigen gibt, die den Versuchen des Verhüllens – denken Sie an die Auseinandersetzung um die Volkszählung in den achtziger Jahren zurück – widerspricht. Es gibt zwei zentrale Entwicklungen oder Trends in der Mediengesellschaft: Voyeurismus auf Seiten des Publikums und Exhibitionismus auf Seiten der Akteure. Letztere präsentieren sich mit immer effektiveren Mitteln und Methoden. Sie liefern einfach die Selbstverengung der eigenen Person auf bestimmte Schlüsselreize – Schlüsselreize der Sexualität, der Intimität, des Privaten, des Primitiven, des Vulgären, des Absonderlichen. Da sie nichts von öffentlicher Relevanz, keine Neuigkeiten anzubieten haben, bedarf es solcher Reize, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, um medial stattzufinden.

M | Welche Rolle spielen in diesem Kontext die „klassischen“ Medien, also die Printmedien, das Radio? Spiegeln die das Phänomen kritisch wider oder machen die mit? Im „Vermischten“ der Printmedien tauchen diese Themen doch auch auf, oder?

PÖRKSEN | Natürlich haben wir eine fast kultische Verehrung von Prominenz in dieser Gesellschaft. Auch das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt, eine zentrale Entwicklung, die es durchaus zu kritisieren gilt. Und diese kultische Verehrung von Prominenz zieht sich quer durch alle Mediengattungen. Trotzdem haben natürlich die Bildmedien, aber auch die Netzmedien ganz andere Möglichkeiten. Andere Möglichkeiten der Visualisierung, aber auch andere Möglichkeiten, ein großes Publikum gatekeeperfrei zu erreichen. Printmedien programmieren aufgrund ihrer spezifischen Produktionsbedingungen eher eine gewisse Entschleunigung.

M | Wie kommen wir der Casting-Gesellschaft bei? Voyeurismus lässt sich nicht verbieten, Sendungen verbieten riecht nach Zensur, auf der individuellen Ebene kann man’s boykottieren. Haben Sie in diesem Zusammenhang medienethische Forderungen?

PÖRKSEN | Ich kann da keine Rezepte anbieten. Man muss sich darüber klar werden: Diese Figuren sind völlig unwichtig, sie erfüllen lediglich ein ökonomisches Kalkül. Sie erlangen nur Bedeutung, weil sich diese Gesellschaft darauf verständigt hat, Prominenz zu glorifizieren. Nur deshalb können diese so genannten Juroren und Selbstdarsteller ihre Form von öffentlichem Sadismus praktizieren.


Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen. Gemeinsam mit dem Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke und unter Mitarbeit von Tübinger Studenten hat er soeben das Gesprächsbuch herausgegeben:

Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien.

Erschienen ist es im Herbert von Halem Verlag Köln,
346 Seiten, 18 Euro.


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