Keine Vermischung von Journalismus und Sport

Professor Josef Hackforth, Dekan der Fakultät Sportwissenschaft der Uni München über die Symbiose Sport und Medien.

«M»: Wer ist abhängiger vom anderen – der Sport von den Medien oder die Medien vom Sport?

Josef Hackforth: Das ist eine Symbiose. Beide Teile benötigen sich gleichermaßen. Die Medien haben mit der Programmsparte Sport ein attraktives Zugpferd. Die höchsten Einschaltquoten und Marktanteile mit Ausnahme der Sendung „Wetten dass“ werden durch den Sport gemacht. Auf der anderen Seite benötigt der Sport die Medien, um seine Veranstaltungen, seine Athleten, seine Sonderereignisse weltweit zu transportieren. Andernfalls bekämen die Spieler nicht die Gehälter und die Veranstalter nicht die TV-Rechte und Lizenzen.

«M»: Welche Auswirkungen hatte der Kirch-Konkurs auf die Sportvermarktung in den Medien?

Josef Hackforth: Der Konkurrenzkampf zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern hat die Preise für den Erwerb von Rechten und der Vermarktung von Rechten immens in die Höhe getrieben. Steigerungsraten von 200, 300, ja fast 1000 Prozent für einzelne Sportarten und Ereignisse waren keine Seltenheit. Insoweit war der Markt völlig aus den Fugen geraten, die Sportrechte sind nicht mehr refinanzierbar gewesen. Nach der Insolvenz der Kirch-Gruppe hat ein neues Denken eingesetzt, ist eine neue Bescheidenheit eingekehrt. Alle Beteiligten haben gemerkt, dass man wieder zu marktgerechten Preisen zurückkehren muss. Das betrifft Spielergehälter ebenso wie TV- Lizenzen und Zweitverwertungen.

«M»: Den größten Teil der TV-Gelder teilen sich einige wenige Disziplinen wie Fußball und Formel Eins. Die kleineren Sportverbände kommen unter die Räder …

Josef Hackforth: Es gibt ein Übergewicht von fünf bis neun Sportarten, die die gesamte Sportberichterstattung, und zwar im Fernsehen, im Hörfunk und in den Printmedien dominieren. Die anderen Sportarten – wir haben insgesamt über 60 Sportverbände in Deutschland – kommen dabei eindeutig zu kurz. Aber selbst wenn sie angeboten würden, etwa im Fernsehen, fänden sie nicht ihr Publikum. Die Nichtberücksichtigung dieser Sportarten beruht also ganz eindeutig auf dem mangelnden Interesse seitens der Leser, Hörer und Zuschauer.

«M»: Von daher ergibt auch ein eigener Sportkanal von ARD und ZDF, wie er gelegentlich gefordert wird, wenig Sinn?

Josef Hackforth: Dieser eigene Sportkanal des Deutschen Sportbundes wird jetzt seit 30 Jahren diskutiert. Er ist bis heute nicht auf Sendung gegangen, aus einem guten Grund: Dieses Programm kann sich nach Marktgesichtspunkten nicht tragen. Wenn dafür Gebühren verausgabt werden, wäre das eine andere Situation. Aber es würde überwiegend ein Programm ohne Zuschauer bleiben.

«M»: Einige Sportveranstalter kaufen sich mittlerweile selbst ins Programm von Sendern ein. Beim HR etwa hat der inzwischen zurückgetretene Sportchef Jürgen Emig dies offenbar von sich aus jahrelang forciert. Wie beurteilen Sie diese Praxis?

Josef Hackforth: Ich denke, der Sportjournalismus und der Sport sollten zwei unterschiedliche, getrennte Systeme bleiben. Der Sportjournalismus hat den gesamten Sport zu analysieren, zu kontrollieren, darüber zu informieren, etc. Wenn sich die Dinge vermischen, Sportverbände oder Vereine gleichzeitig publizistisch agieren und tätig sind, halte ich das für eine bedenkliche Entwicklung. Der Journalist sollte am Ende entscheiden können, worüber er in welcher Form berichtet oder auch kommentiert.

«M»: Fetisch Live-Berichterstattung – kommt beim Sport die recherchierende Hintergrundberichterstattung nicht zu kurz?

Josef Hackforth: Der Anteil der Live-Berichterstattung von Sportereignissen beim Medium Fernsehen ist stetig gestiegen. Diese Berichterstattung hat einerseits Vorteile wie hohe Emotionalität und Attraktivität. Anderseits ist es von Nachteil, wenn solche Ereignisse nicht mehr hintergründig oder analytisch aufbereitet werden, so wie es früher beim „Sportspiegel“ oder beim „Sport unter der Lupe“ der Fall war. Die Zeiten dieser Sportdokumentationen sind vorbei. Doch liegt gerade hierin die Chance von Zeitungen und Zeitschriften. Wenn der Zuschauer oder Hörer am Wochenende zunächst ein Live-Ereignis sieht oder hört und sich dann komplementär Hintergründe und Analyse in der Tageszeitung holt, dann wäre das eine sinnvolle Ergänzung der Medien untereinander.

«M»: Günter Netzer als Mitinhaber der Rechteagentur Infront und Fußball-WM-2006-Organisator Franz Beckenbauer als Co-Kommentatoren bei ARD und ZDF – sind da nicht Interessenkonflikte programmiert?

Josef Hackforth: Für alle gesellschaftlichen Bereiche gilt, dass eine solche Art von Vernetzung oder Interessenkollision immer bedenklich ist. Wenn ich einerseits geschäftliche Interessen habe, andererseits dann noch medial präsent bin, dann kann das im Einzelfall zum Interessenkonflikt führen und der Sache nicht dienlich sein. Auf der anderen Seite können natürlich – gerade im Fall Franz Beckenbauer – hier die Verbindungen nicht zu eng zueinander sein, so dass noch ein unbeeinflusstes Urteil möglich ist. Wieweit das bei Netzer der Fall ist, sei dahingestellt.

«M»: Wer wird Fußballeuropameister 2004?

Josef Hackforth: (lacht) Ich bin genauso wenig Hellseher wie Sie, Ihre Leser und alle andern auch. Ich wünsche mir nur eins: dass die deutsche Mannschaft sich bei diesem Turnier besser präsentiert als in den Spielen nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2002.

Das Gespräch führte Günter Herkel

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »