Kredithürden

Kultur- und Kreativbranche in Europa: Mehr Investitionen sind möglich

Europas Kreativwirtschaft droht aufgrund fehlender Kredite in den kommenden sieben Jahren eine Finanzierungslücke von 13,4 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine Anfang des Jahres von der EU-Kommission vorgelegte Studie.

Die Milliardenlücke entspricht den Investitionen, die unterbleiben, „weil Unternehmen mit einer soliden Geschäftsstrategie und gutem Risikoprofil ein Darlehen verweigert wird oder weil sie sich gar nicht erst darum bemühen, da sie keine ausreichenden Sicherheiten anbieten können“, heißt es in der Pressemitteilung der EU-Kommission.
Die Studie „Survey on access to finance for cultural and creative sectors“ belegt, wie leistungsstark Europas Kultur- und Kreativbranche ist. Demnach gibt es in der Europäischen Union knapp eine Million Unternehmen im Kultur- und Kreativbereich. Angeführt wird das Ranking von Italien mit gut 146.000 solcher Firmen. Deutschland folgt mit rund 88.000 an dritter Stelle, nach Frankreich und vor Großbritannien.
Einigermaßen unerwartet liegt die Gewinnspanne der Branche über dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Alle europäischen Kreativunternehmen zusammen erwirtschafteten im Jahr 2010 einen Umsatz von 402 Milliarden Euro und einen Gewinn von 153 Mrd. Euro, so die von Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend vorgelegte Untersuchung. Deutsche Unternehmen liegen mit einem Umsatz von 68 Milliarden Euro auf dem zweiten Platz hinter Großbritannien mit rund 76 Mrd. Euro. Allerdings wartet die deutsche Kreativbranche EU-weit mit der höchsten Wertschöpfung auf: Sie betrug im Jahr 2010 etwa 31 Mrd. Euro, dicht gefolgt von Großbritannien mit 29 Mrd. Euro. „Eine erstaunlich hohe Rendite“, findet Veronika Mirschel vom ver.di-Referat Selbstständige. Und: „An den Solo-Selbstständigen, die die Kreativbranche ja nach wie vor prägen, geht dies aber offenbar spurlos vorbei.“
Die Studie liefert dennoch interessante Einblicke, die als Argumente bei der Suche nach Finanzinvestoren und Kreditgebern dienen können. Unter anderem verweist sie auf einen Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und -alter. Je länger eine Firma am Markt ist, desto größer ist sie in der Regel. Die Studie soll helfen, neue EU-Strategien zu erarbeiten, mit denen die Kultur- und Kreativbranche in Europa gefördert werden kann. Dazu zählt beispielsweise die neue Bürgschaft des EU-Programms „Kreatives Europa“. Parallel zu dieser ab 2016 bereit stehenden Bürgschaft will die EU die Branche mit Business-Knowhow fit machen. Eine Verbesserung des Kenntnisstandes von Darlehensgebern und kreativen Darlehensnehmern könne dazu beitragen, eine höhere Kreditwürdigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Kultur- und Kreativbranche zu erreichen.
Über das Programm „Kreatives Europa“ wird ein Topf mit 120 Millionen Euro für Bürgschaften zur Verfügung gestellt. Erwartet wird, dass auf diese Weise über 750 Mio. Euro an erschwinglichen Darlehen mobilisiert werden. Das Gros der Programmmittel soll allerdings weiterhin in nicht rückzahlbare Zuschüsse fließen.
Laut Studie fehlt es mittelständischen Unternehmern der Branche häufig an kaufmännischer und an Managementkompetenz. Eine Umfrage im Kontext der Studie ergab: Nur 41 Prozent der Firmen haben überhaupt einen Businessplan. In der Branche gibt es „eine große Mutlosigkeit, was die Bewerbung hinsichtlich externer Finanzierung betrifft“. Von den 26 Prozent der Antwortenden, die sich in den letzten drei Jahren nicht um eine Fremdfinanzierung bemüht hatten, gaben 39 Prozent an, sie fänden dies zu kompliziert oder zu zeitaufwendig. Hier will die Kommission helfen, die unternehmerische Kompetenz von Angehörigen der Kreativbranche zu unterstützen: mit einer Beratung der Unternehmen über den Zugang zu Finanzmitteln, mit Programmen des Enterprise Europe Network zur Verbesserung von Marktzugang oder Investitionsbereitschaft und Unternehmerschulung für Studierende oder Branchenangehörige im Rahmen der Erasmus+-Aktionen „Wissensallianzen“ und „Allianzen für branchenspezifische Fertigkeiten“, über die Finanzmittel für Partnerschaften zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen bereitgestellt werden.
Der Deutsche Kulturrat hatte Anfang 2012 das damals vorgelegte EU-Rahmenprogramm „Kreatives Europa“ kritisiert. Die „fast ausschließliche Konzentration auf die Kultur- und Kreativwirtschaft“, so der Rat damals, halte man „für den falschen Weg eines EU-Kulturprogramms“. Es werde damit „einer rein ökonomischen Betrachtung des europäischen Integrationsprozesses Vorschub geleistet“. Dies werde dem „Doppelcharakter“ der Kultur nicht gerecht. Diese seien zwar Wirtschaftsgüter, hätten aber auch einen Eigenwert. Speziell Kultur lasse sich nicht allein an Umsatzzahlen oder erreichten Besuchern messen. „Kulturelle und künstlerische Entwicklungen bedürfen auch ökonomischer Freiräume.“ Der „Paradigmenwechsel von der Schaffung eines europäischen Kulturraums … zu einem Wirtschaftsprogramm“ verkenne, „dass Europa nicht allein durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern vor allem durch eine aktiv geförderte europäische Bürgerschaft und ein vielfältiges zivilgesellschaftliches Engagement gestärkt werden muss“.

Weitere Informationen:

http://ec.europa.eu/deutschland/press/pr_releases/ 11954_de.htm
http://ec.europa.eu/culture/ creative-europe/index_de.htm

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Arm trotz Arbeit – Mitreden in der Denkfabrik

Warum der an sich „phantastische Beruf“ eines Musikpädagogen ein Imageproblem hat? Weil nicht festangestellte Musikschullehrer*innen im Jahresschnitt von 13.000 Euro leben und Nebenjobs annehmen müssen. Dass ein Arbeitseinkommen die Existenz nicht sichert, betrifft nicht nur Kurierfahrer, Altenpflegerinnen, Erntehelfer oder Putzfrauen. Arm trotz Arbeit – das Deutschlandradio beleuchtet dieses Thema in seiner „Denkfabrik 2022“. Mit steigender Brisanz.
mehr »

ARD: scharf, aber respektvoll im Bürgerparlament

In zentralen gesellschaftlichen Problemen – Corona, Migration, Arm und Reich – erleben viele Menschen die Gesellschaft als gespalten. Seit Amtsantritt der Ampelkoalition hat sich nach einer Infratest dmap-Umfrage im Auftrag der ARD der gesellschaftliche Zusammenhalt sogar noch verschlechtert. Mit ihrer Themenwoche „WIR gesucht – Was hält uns zusammen?“  will die ARD gegensteuern. Neue Formate wie „Das Bürgerparlament“ sollen den direkten Dialog mit dem Publikum fördern. Auftakt gelungen.
mehr »

ARD-Streiktag: Mit viel Wut im Bauch

Mit Entschlossenheit und einer gehörigen Portion Wut sind an vielen ARD-Standorten hunderte Beschäftigte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks am 9. November in den Warnstreik getreten. Sie reagierten mit dieser konzertierten Aktion, zu der ver.di aufgerufen hatte, auf die festgefahrenen Tarifverhandlungen in der ARD. Mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sieben Sendern beteiligten sich. Bei der Deutschen Welle in Bonn und Berlin gab es aktive Mittagspausen vor den Häusern. In vielen Programmen kam es zu Ausfällen, Sendungen aus der Konserve mussten Lücken füllen. 
mehr »

Der Bärendienst eines Privatmanns

Tom Buhrows Rede im Hamburger Übersee-Club liefert der Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk neuen Zunder – von unerwarteter Seite. Er gibt vor, als Privatperson und damit auf „eigenes Risiko“ zu sprechen, was systemisch und in der aktuellen Debattenlage schwer möglich ist und nach prominentem Abdruck in der FAZ wohlfeil daherkommt. Vielmehr leistet er dem Gedanken eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, gelinde gesagt, einen Bärendienst.
mehr »