Krisenstimmung trotz Doku-Boom

Marktstudie: Dokumentarfilme erleben in Deutschland nicht den erhofften Aufschwung

Michael Moores Filme „Bowling for Columbine“ und „Fahrenheit 9 / 11“ haben im Kino für eine Renaissance des Dokumentarfilms gesorgt. Auch im Fernsehen erlebt alles, was „nicht-fiktional“ ist, seit fünf Jahren einen Boom. Hier zu Lande feierten vor allem Reality-Formate Erfolge: Event-Shows („Deutschland sucht den Superstar“) oder Reality-Seifenopern wie „Big Brother“ sind schlicht preiswerter zu produzieren als Filme und Serien. Da sich der Doku-Boom in Deutschland vor allem von seiner zweitklassigen Seite zeigte, haben Dokumentationen hier jedoch bei Weitem nicht den Aufschwung erlebt wie im Ausland.

In ihrer Marktstudie zur „Fernsehproduktion in Deutschland“ hat die Kölner Medienunternehmensberatung HMR schon 2001 in der Fernsehbranche einen Mangel an Transparenz erkannt, der „zu unverständlichen Fehleinschätzungen der nationalen und internationalen Marktsituation, unklarer Kategorisierung, mangelnder Begriffsschärfe und medienpolitischer Ignoranz“ führe. Die Folgestudie „Dokumentarische Produktion in Film und Fernsehen“ schließt nahtlos an die frühere Untersuchung an. Heute beklagen die Autoren „Verfallserscheinungen des Genres“ im „Nonfiction“-Markt: „Allgemein wird der Verlust an Relevanz, Individualität und Qualität der Sendungen diagnostiziert“. Das hängt natürlich nicht zuletzt auch mit der öffentlich-rechtlichen Programmstrategie zusammen, den Sendealltag bis ins Detail durchzuformatieren und Filme mit eigener Handschrift ins Mitternachts-Getto abzuschieben.

Ökonomische Zwänge

Gerade unter den Produzenten klassischer Dokumentarfilme haben die Autoren der Studie eine Krisenstimmung ausgemacht. Vor allem kleinere Firmen, heißt es in der Studie, verlören ihre Existenzgrundlage und würden zunehmend vom Markt verdrängt. Durch die Begrenzung der öffentlich-rechtlichen Budgets erhielten solche Befürchtungen zusätzlich Nahrung. Empirische Grundlagen dafür gab es bislang jedoch nicht. Betrachtungen wie etwa Fritz Wolfs Analyse „Alles Doku – oder was?“ setzen sich in der Regel vorwiegend inhaltlich mit dem Genre auseinander und ignorieren die ökonomischen Seiten. Diese Lücke will die neue Studie schließen.

Aus Sicht von HMR gehört non-fiktionales Programm in all seinen Mischformen aktuell „zu den dynamischsten Programmbereichen im deutschen wie auch im internationalen Fernsehen“: Die Sender seien zunehmend bereit, Sendeplätze für Filme und Serien durch dokumentarische Formate zu ersetzen. Hoch interessant, nicht nur aus Sicht der Branche, ist das Zahlenmaterial der Studie. Dem zu Folge sind in Deutschland derzeit rund 820 Produzenten im Markt aktiv, die im weiteren Sinne dokumentarische Programme herstellen. Das Auftragsvolumen liegt bei rund 510 Millionen Euro pro Jahr und macht damit gut ein Fünftel jener knapp 2,3 Milliarden Euro aus, die deutsche Sender insgesamt in Auftragsproduktionen investieren. Auf den Kernbereich Dokumentationen und Reportagen entfallen dabei rund 250 Millionen Euro. Wie bei Filmen und Serien auch erwirtschaften einige wenige Unternehmen den Löwenanteil des gesamten Produktionsvolumens: Auf die 25 größten Nonfiction-Anbieter entfallen laut Studie 56 Prozent des Umsatzes. Die Liste wird von Spiegel-TV angeführt (Umsatz: 47 Millionen Euro). Rund zwei Drittel der Produzenten sind Kleinunternehmen, deren Umsatz pro Jahr deutlich unter 500.000 Euro liegt; sie sorgen für 10 Prozent des gesamten Marktumsatzes.

Trotz ohnehin preiswerterer Produktionsbedingungen beklagen die befragten Produzenten eine „latente Unterfinanzierung“; der wirtschaftliche Druck nehme stetig zu. Die Autoren der Studie fordern daher veränderte Rahmenbedingungen; nur so sei die „Kultur des Dokumentarischen“, die maßgeblich zum Profil der deutschen Film- und Fernsehlandschaft beitrage, auch langfristig in ihrer Vielfalt und Qualität zu erhalten. Mögliche Auswege werden skizziert. Zum Beispiel müsse Produzenten die Möglichkeit zur Kapitalbildung gegeben werden. Bislang berechnen Firmen üblicherweise 6 Prozent des Budgets als so genannte Handlungsunkosten (kurz „HU“), die beispielsweise die Miete für Büroräume abdecken. Wären dies 15 Prozent, könnten die Produzenten Rücklagen bilden, um Durststrecken zu überbrücken. Nicht enthalten in den HU sind Entwicklungskosten für Projekte; zumindest von ARD und ZDF sei zu erwarten, dass sie diese Ausgaben übernehmen.

Auftragsproduktionen werden von den Sendern in der Regel nach dem „Buy out“-Prinzip ausgehandelt: Für ihr Geld bekommen sie sämtliche Rechte. Erst nach sieben Jahren, wenn sich kaum noch Erlöse erwirtschaften lassen, können die Hersteller wieder über ihre Produktionen verfügen. Deshalb müssen für Wiederholungen auch keine weiteren Honorare gezahlt werden. Fiele die „Buy out“-Regelung weg, würde dies naturgemäß zu einer erheblichen Verbesserung der Ertragssituation führen. Kritik üben die Verfasser der Studie auch an den festen Honorarsätzen, die vor allem von öffentlich-rechtlichen Sendern gezahlt würden, stünden sie doch in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu den tatsächlichen Marktpreisen. Die Honorare sollten daher „dem jeweiligen Rechercheaufwand sowie dem Profil der beauftragten Autoren und Regisseuren gerecht“ werden.

Außerhalb der Hauptsendezeit

Außerdem moniert die Studie die „kurzfristige und kurzsichtige Perspektive der Anstalten, die sich aus der starken Orientierung am Quotenerfolg ergibt“. In der Hauptsendezeit existiere aktuell kein Sendeplatz für „große“ Dokumentarfilme; das Genre finde „fast ausschließlich in Programmnischen am späten Abend oder bei den Spartenkanälen“ statt. Es sei daher „eine mittelfristige film- und gesellschaftspolitische Aufgabe von ARD und ZDF, die Zuschauer wieder an das Genre des kinematographischen Dokumentarfilms heranzuführen“; dies könne durch die Einrichtung „einer festen Leiste für den abendfüllenden Dokumentarfilm im Wechsel mit bestehenden Formaten“ geschehen.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft die Filmförderung: die Unterstützung dokumentarischer Produktionen habe im Jahr 2003 gerade mal 4,85 Prozent (11 Millionen Euro) der gesamten Fördersumme ausgemacht. Gegenüber dem Vorjahr entspreche dies einem Rückgang von fast 28 Prozent. Als besonders problematisch empfinde die Branche „die starke Fragmentierung der Förderung, die häufig unsystematisch und nach standortökonomischen Kriterien agiert“. Eine Aufwertung des Genres könne aber nur erreicht werden, wenn sich die Fördermaßnahmen auf wenige ambitionierte Projekte konzentriere. Die gegenwärtige Praxis sehe jedoch vor, „dass alle für alles Förderung beantragen und auch gewährt bekommen“. Übrigens auch TV-Sender, weshalb die Autoren fordern: „Zumindest die Produktion gängiger Regelformate im deutschen Fernsehen sollten die auftraggebenden Sender in der Regel allein finanzieren“.

Studie erhältlich

Für 490 Euro erhält man die Studie bei Jan Lingemann, HMR International,
Im Mediapark 5b, 50670 Köln.
Tel.: 0221 / 454 3510,
Fax: 0221 / 454 3519
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