Kurzer Frühling

DDR-Traditionstitel in der Hand Westdeutscher Großverlage

Zwanzig Jahre nach der Wende stehen die Printmedien in den neuen Ländern gewaltig unter Druck. Die von westdeutschen Großverlagen kontrollierten ehemaligen DDR-Traditionstitel verlieren überdurchschnittlich an Auflage und Anzeigenvolumen. Anders die Situation bei den elektronischen Medien. An die Stelle des 1991 aufgelösten staatlichen DDR-Rundfunks sind moderne in ARD und ZDF integrierte Sendeanstalten getreten. Während bei den Printmedien die monopolisierte Einfalt um sich greift, wurde im TV-Bereich das Angebot vielfach durch eine Fülle lokaler Sender bereichert.

Am 1. April 1990 – ein halbes Jahr vor der offiziellen Vereinigung – wurden die Zeitungen und Zeitschriften der DDR in die raue Welt der Marktwirtschaft entlassen. Der Wegfall staatlicher Pressesubventionen löste eine rasante Pressekonzentration aus, der neben den meisten überregionalen Zentralblättern auch der größte Teil der Nachwende-Neugründungen zum Opfer fiel. Übrig blieben vor allem die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen. Diese auflagenstarken Blätter verfügten schon zu DDR-Zeiten über ein fast vollständiges Monopol orts- und kreisbezogener Berichterstattung. Dass dieser Zustand schon wenige Jahre nach der Wende wieder hergestellt war, war vor allem der kurzsichtigen Politik der Treuhandanstalt zu „verdanken“. Diese hatte im April 1991 die begehrten Bezirkszeitungen an westdeutsche Großverlage verkauft. Kurz darauf war der „Zeitungsfrühling“ beendet, die temporäre Vielfalt drastisch reduziert.
Besonders schlecht erging es den ehemaligen nationalen Sprachrohren der SED, der Blockparteien und der Massenorganisationen. Bis 1992 eingestellt wurden das Deutsche Sportecho, Der Morgen, die Berliner Allgemeine (früher: Nationalzeitung), das Deutsche Landblatt (früher: Bauern-Echo) sowie das einstige FDGB-Organ Tribüne. Zwei Jahre später erwischte es das frühere CDU-Blatt Neue Zeit. Nur das ehemalige SED-Zentralorgan Neues Deutschland und das einstige Sprachrohr der Freien Deutschen Jugend Junge Welt überlebten bis heute. Beide Titel erreichen allerdings mit Auflagen von knapp 41.000 (ND) bzw. geschätzten 15.000 Exemplaren (JW) nur noch einen Bruchteil ihrer früheren Massenauflage von insgesamt 2,6 Millionen.
Auf dem Gebiet der Regionalpresse beherrschen die 14 ehemaligen DDR-Bezirkszeitungen heute unangefochten den Markt. Einzig die Berliner Zeitung als einstiger SED-Titel für die DDR-Hauptstadt muss sich starker Konkurrenz durch Holtzbrinck und Springer erwehren. Der zur Jahreswende erfolgte Verkauf der Zeitung an den Kölner Großverlag DuMont Schauberg dürfte in diesem Wettbewerb von Vorteil sein. Ansonsten dominiert die jeweilige Regionalzeitung mit relativ hoher Auflage und großem Verbreitungsgebiet. Allerdings verzeichnen alle Blätter einen dramatischen Auflagenschwund. So hat sich ihre Gesamtauflage innerhalb der vergangenen 20 Jahre faktisch halbiert. Dennoch rangieren unter den zehn größten deutschen Regionalzeitungen derzeit immer noch vier aus dem Osten.
Den Folgen von Struktur- und Wirtschaftskrise begegnen die Verlage zunehmend mit Fusionen, Kooperationen und Auslagerungen. Am weitesten fortgeschritten ist dieser Prozess in Mecklenburg-Vorpommern, wo faktisch keine einzige selbständige Vollredaktion mehr existiert (vgl. Teil 1 der Serie in diesem Heft).
Nicht weniger dramatisch gestaltete sich die Wende auf dem Zeitschriftensektor. Von den 1989 in der DDR lizenzierten 543 Zeitschriften überlebte nur eine Handvoll. Zu den bekannteren zählen das Verbrauchermagazin Guter Rat, die Satirezeitschrift Eulenspiegel sowie das einst wegen freizügiger Erotikaufnahmen populäre Magazin. Einzige erfolgreiche Zeitschriftenneugründung ist das Wochenblatt Super Illu, laut Branchenspott das „Blatt für die geschundene Ost-Seele“.
Anders als bei den Printmedien machten die Vereinigungspolitiker im Rundfunk Tabula rasa.
Der Deutsche Fernsehfunk wurde aufgelöst. Von vier zentralen DDR-Hörfunksendern überlebte nur „Deutschlandsender DS Kultur“ im Schoße des neu gegründeten Deutschlandradio. DS-Kultur, 1994 mit dem Westberliner RIAS zum Deutschlandradio Berlin (heute DLR Kultur) fusioniert, profitierte von der politischen Entscheidung der Länder, neben dem Deutschlandfunk einen weiteren werbefreien nationalen Hörfunkkanal zu betreiben.
Weniger reibungslos lief die Neugestaltung beim Aufbau öffentlich-rechtlicher Strukturen in einzelnen Ländern ab. Die Chance, im Osten leistungsstarke Landessender aufzubauen, wurde durch egoistisches Gezerre innerhalb der ARD teilweise vertan. Am Ende schloss sich Mecklenburg-Vorpommern dem NDR an, während das 2,5 Millionen-Land Brandenburg sich aus Furcht vor einer Dominanz des Hauptstadt-„Senders Freies Berlin“ mit dem Ostdeutschen Rundfunk (ORB) einen eigenen Sender leistete. Eine Fehlentscheidung, die mit der 2003 erfolgten Fusion von ORB und SFB zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) korrigiert wurde. Dagegen gründeten Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt 1991 den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Der Dreiländerverbund ist heute die fünftgrößte ARD-Anstalt.
Die Radioszene der neuen Länder ist geprägt durch harten Wettbewerb zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Senderketten. Vor allem in Brandenburg und Sachsen ist seit der Wende zusätzlich eine Vielzahl von lokalen TV-Sendern entstanden. Auf diese Weise werden die Defizite lokaler Printberichterstattung zumindest in Ansätzen kompensiert.
Wie sich die Medienszene seit dem Mauerfall in den einzelnen neuen Ländern entwickelt hat, wird M in den kommenden Monaten in einer vierteiligen Serie analysieren. Den Anfang macht Mecklenburg-Vorpommern.

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Bedenken bei neuem Medienstaatsvertrag

Am 19. November hat die Rundfunkkommission der Länder einen „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ vorgelegt. Bis 14. Januar lief die öffentliche Konsultationsphase. Grundsätzlich begrüßen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den Entwurf zum neuen Medienstaatsvertrag und das Vorhaben, der digitalen Transformation der Anstalten einen rechtlichen Rahmen zu geben. Allerdings haben ver.di und der DGB neben einzelnen Ergänzungen bei anderen Vorschlägen verfassungsrechtliche Bedenken. 
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Deutsche Welle Thema im Kulturausschuss 

Der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien wird sich voraussichtlich im Februar mit der Aufklärung der antisemitischen Vorfälle bei der Deutschen Welle (DW) beschäftigten. Die Initiative dafür ging von der Unions-Bundestagsfraktion aus. Angesichts der schwerwiegenden Vorwürfe sei eine transparente und sorgfältige Prüfung geboten, so die stellvertretende Unionsfraktionschefin Dorothee Bär in einer Medieninformation.
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Radiomarkt in NRW von außen aufgemischt

Die Taktik des Aussitzens. Manchmal geht sie gut, oft scheitert sie. In NRW ist das Hinhalten des Digitalradios durch den Platzhirsch Radio NRW gründlich nach hinten losgegangen. Statt selbst neue Programmvielfalt geschaffen zu haben, muss das Radio nun dabei zuschauen, wie fremde Häuser den neuen digitalen Radiomarkt im eigenen Bundesland aufmischen. Ganz vorn mit dabei: die expansionsfreudigen Bayern.
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Google künftig unter strengerer Aufsicht

Das Bundeskartellamt will Google künftig strenger überwachen. Der Alphabet-Konzern und damit auch das Tochterunternehmen Google soll seit Anfang des Jahres der erweiterten Missbrauchsaufsicht durch die Kartellbehörde unterstellt werden, teilte die Behörde am Mittwoch in Bonn mit. Es sei eine „überragende marktübergreifende Bedeutung“ Googles festgestellt worden, hieß es weiter. Das Unternehmen verfüge dementsprechend über eine wirtschaftliche Machtposition, die ihm vom Wettbewerb nicht hinreichend kontrollierte, marktübergreifende Verhaltensspielräume eröffne.
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