Objektivität zahlt sich aus

Auch vwd feierte dieses Jahr den Fünfzigsten

vwd in Eschborn bei Frankfurt am Main liefert die Nachrichten, die Anleger, Wertpapierberater und Finanzmanager für ihre Entscheidungen brauchen.

Zwischen MacFash, einem Real-Verbrauchermarkt, dem Schuhhaus Deichmann und einem Praktiker-Baumarkt, kurzum, jenen an Hüttenlager gemahnenden Siedlungen des großflächigen Einzelhandels am Rande der Städte, residiert seit mehr als 20 Jahren die Wirtschaft- und Finanznachrichtenagentur vwd. Der Standort zwischen den Banktürmen in der Frankfurter Innenstadt und den Bergen des Taunus könnte kaum besser gewählt sein: Die Vereinigte Wirtschaftsdienste GmbH in Eschborn wahrt Distanz zu ihrer wichtigsten Zielgruppe – Banken, Kreditinstitute, Versicherungen und Verbänden -, als wollte sie ihre Verpflichtung zur Objektivität auch geografisch unterstreichen.

Nun sind Wahrheit und Objektivität im Journalismus große Wörter. In der Interpretation von Geschäftsführer Michael Frank laufen sie darauf hinaus, „ein objektives Bild über die Gegebenheiten eines Unternehmens mitzuteilen“. Von der Wahrheit dieses Bildes wiederum hängen die Entscheidungen und Empfehlungen von Aktienanlegern und Finanzmanagern, Wertpapier- und Fondberatern bei den Banken und Sparkassen ab. Objektivität zahlt sich aus – in klingender Münze.

Wer vwd für eine klassische Nachrichtenagentur wie dpa hält, den belehrt der Geschäftsführer 50 Jahre nach der Gründung am 24. Februar 1949 sogleich eines besseren: „Wir sind ein Dienstleister im Bereich der Informationsvermittlung“. Das Credo seines Vorgängers Rolf Poppe, daß mit Nachrichten kein ordentliches Geld zu verdienen sei, ist gleichsam die Geschäftsgrundlage von vwd. Geld verdient die „Information Company“ vor allem mit Dienstleistungen für Optionsschein-Emittenten, mit Kurs- und Deviseninformationen (Realtime Concept 3) der wichtigsten Börsenplätze und Finanzmärkte und dem Börsendatenservice, der die endlosen Zahlenkolonnen der Aktienkurse und Indices wie den DAX, SMAX, Xetra für gut 80 Zeitungen und Zeitschriften „satzfertig aufbereitet“. Die Kurstabellen etwa der FAZ und des „Handelsblatts“ sowie vieler großer Regionalzeitungen kommen im Gewande des jeweiligen Blattes aus Eschborn. Outsourcing steht offenbar hoch im Kurs. Das klassische Geschäft mit Nachrichten, die vwd an etwa 30 Medien wie die „Börsenzeitung“, den „Spiegel“, ARD, ZDF oder die „Lebensmittel Zeitung“ liefert, steuert gerade noch ein Viertel zum geplanten Umsatz von 60 Millionen Mark in diesem Jahr bei. Von der „reinen Politik“ hat sich vwd längst verabschiedet. Politik ist „für uns nur noch wichtig, wenn sie Einfluß auf die Finanzmärkte und Unternehmen hat“, sagt Chefredakteur Holger Quiring.

Auch die Globalisierung betreiben die Eschborner eher als Rückzugsgefecht – aus der Welt in die Nische Deutschland. Außer in Brüssel, wo die Wirtschaftsagentur ein Büro mit fünf Korrespondenten hat, ist vwd nur national, und zwar in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, Bamberg und Frankfurt vertreten. Von einer Full-Service-Weltagentur, die einst in New York ein „Riesenbüro“ unterhielt, ist heute keine Rede mehr. Diese „Konzentration auf Deutschland“, in der Frank die eigentliche Stärke des Informationsdienstleister sieht, kann sich vwd leisten. Jenseits der Grenzen greift sie auf das dichte Korrespondentennetz von Dow Jones zurück. Die amerikanische Nachrichtenagentur, die FAZ und das „Handelblatt“ sind seit Mitte der 90er jeweils zu einem Drittel Eigentümer der Agentur, deren Anteile sie von dpa und der Wirtschafts GmbH, einem Zusammenschluß der Spitzenverbände aus Wirtschaft und Industrie, übernommen hatten.

„Das Gespür für kommende Entwicklungen“, das laut Quiring eine gute Nachrichtenagentur auszeichnet, schien vwd Anfang der 80er Jahre verlassen zu haben. Nach dem Rückzug des früheren Anteilseigner und heute mächtigsten Konkurrenten, Reuters, schlidderten die Eschborner in eine existenzbedrohende Krise. Bis 1981 summierten sich die Verluste auf mehrere Millionen Mark. Die Zahl der Mitarbeiter sank von 320 auf 260 und später sogar auf 160. Seit diesen turbulenten Tagen ist vwd gleichsam Mieter im eigenen Haus: Um Geld in die Kasse zu bekommen, wurde der farblose Firmensitz im Eschborner Gewerbegebiet verkauft und anschließend wieder gemietet.

Inzwischen ist der „turnaround“ geschafft, wie Frank sagt. Heute beschäftigt vwd über 200 Leute. Dabei soll es nicht bleiben. Nach drei Jahren mit jeweils zweistelligem Wachstum ist Frank zuversichtlich, den Umsatz bis zum Jahr 2003 auf 120 Millionen verdoppeln zu können. Im Jubiläumsjahr hat vwd allen Grund zu jubilieren.

Unter den Kollegen verbreiten die prosperierenden Aussichten nicht nur Freude. Wachstum des Unternehmens übersetzt ein Betriebsratsmitglied mit „mehr Arbeit für die Redakteure“. Ohnehin muß jenen, die bei vwd anheuern, „das Arbeiten gegen die Uhr liegen“, sagt Chefredakteur Quiring. Dem 59jährigen Quiring liegt es bereits seit 1966, als er bei dpa seine Journalistenkarriere begann. Mehr noch scheinen junge Leute vom Hochgeschwindigkeits-Journalismus angezogen. Ältere Kollegen sind in der zentralen Ticker-Redaktion kaum zu finden. Trotz der hohen Arbeitsintensität schwärmt Geschäftsführer Frank von „der tollen Arbeitsatmosphäre“ und dem „Spaß“, den alle hätten. Vermutlich müssen Geschäftsführer so reden. Als Beweis dienen ihm die „vielen Initiativbewerbungen“. Richtig ist: Einsteiger werden bei vwd schneller Journalisten als anderswo. Das Volontariat wurde, weil zu teuer, vor etlichen Jahren durch eine dreimonatige Hospitanz ersetzt. Zwar wird der Nachwuchs danach bereits nach Journalistentarif bezahlt – dafür muß er aber nicht für monatelange Praktika bei anderen Medien oder gar für Volontärskurse freigegestellt werden.

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »

WDR: Rundfunkräte debattieren über Programmauftrag

Unruhe im WDR: Ein Drittel der Mitglieder des Rundfunkrates wollte auf einer Sondersitzung des Gremiums grundsätzlich über den Programmauftrag des Senders diskutieren. Befürchtet werden Qualitätsverluste bei der Umschichtung von „linear“ zu „online“, vor allem bei Kulturformaten. Zur Unterfütterung ihrer Positionen hatte die Gruppe ein Diskussionspapier mit zehn Punkten zur „Zukunft der Gestaltung des Programmauftrags im WDR“ vorgelegt. Das Echo auf diesen Vorstoß fiel allerdings gemischt aus.
mehr »